„Die Perle des östlichen Mittelmeeres“: Orhan Pamuks verschmitzter Roman „Die Nächte der Pest“ über Seuche, Mord und Revolution

So üppig und farbintensiv wie in diesem Lampenladen in Istanbul geht es auch in Orhan Pamuks Roman zu. Foto: Bücheratlas

Dass es ein dickes Buch geworden ist, bestätigt die Erzählerin auf Seite 691 höchstselbst. Aber wie könnte man ein solches Ausmaß der bestens informierten Historikerin verdenken, deren Herz so voll ist und deren Einblicke so tief sind! Wir wüssten niemanden, der die turbulente Geschichte der Insel Minger im Jahre 1901 kundiger vermitteln könnte.

Die 113 Briefe der Pakize Sultan

Selbstverständlich hat dies vor allem damit zu tun, dass Mina Mingerli die Urenkelin von Pakize Sultan ist, der dritten Tochter des 33. osmanischen Sultans Murat V. Ursprünglich wollte Mingerli nur ein Vorwort zur Edition der 113 Briefe schreiben, die Pakize Sultan zwischen 1901 und 1913 an ihre Schwester Hatice Sultan geschickt hatte. Doch dann weitete sich ihr Text mehr und mehr zu einem „Geschichtsbuch“, das auf eben diesen Briefen von Pakize Sultan basiert, die es eines Tages nach Minger verschlagen hatte, wo sie eine kurze Weile als Königin amtierte.

Auf der Karte sucht man Minger, „die Perle des östlichen Mittelmeeres“, vergebens. Orhan Pamuk hat sich in seinem Roman „Die Nächte der Pest“ – den wieder Gerhard Meier übersetzt hat, wie auch den vorangegangenen Roman „Die rothaarige Frau“ (2017) – für eine von Muslimen und Christen bewohnte Phantasie-Insel entschieden. Auf dem burgbewehrten Eiland bricht eines Tages die Pest aus. Sehr vieles von dem, was wir aus unserer unmittelbaren Pandemie-Erfahrung kennen, findet dort Erwähnung. Vom Nicht-wahrhaben-wollen bis zur strengen Quarantäne, vom mahnenden Mediziner bis zum widerborstigen Pest-Leugner. Lockdown hieß damals noch Ausgangssperre.

Mord am Quarantänearzt

Der Mord am berühmten Quarantänearzt Bonkowski Pascha ist der Anfang von allerlei Todesfällen – auch solchen, deren Ursache nicht der Pest zuzuschreiben ist, sondern gewalttätigen Auseinandersetzungen und kurzerhand verhängten Todesurteilen. Dass die böse Tat und die langwierige Aufklärung auf bewährten Romanen fußen, darf an dieser Stelle verraten werden. Da kommen Werke von Alexandre Dumas und Arthur Conan Doyle ins Spiel. Bei dieser Andeutung wollen wir es belassen.  

Schließlich wird Geschichte geschrieben: Das pestverseuchte Minger, das von Schiffen der Großmächte blockiert wird, erklärt seine Unabhängigkeit vom osmanischen Reich. Die revolutionäre Erhebung vom 28. Juni 1901 gehört zum Schönsten, was das Buch zu bieten hat: Eine Politfarce wie gemalt.

Eine Briefmarke für den Präsidenten

Dass die Mingerer sogleich einem aufgeklärten Staatswesen zustrebten, lässt sich nicht behaupten. So ist eine der ersten Maßnahmen des Staatspräsidenten, den die Mingerer auf alle Zeiten lieben werden, der Druck einer Briefmarke mit dem eigenen Konterfei. Dass kein Drucker verfügbar ist, der diese Aufgabe erledigen könnte, ist nur eine Sorge des Herrschers. Eine weitere ergibt sich daraus, dass für das Kind, das seine Frau erwartet, ein würdiger Jungenname gefunden werden muss. Ein Mädchennamen wird gar nicht erst in Erwägung gezogen.

Leider sind die Archäologen, die sich auf die Suche nach den Vornamen der Urbewohner machen müssen, nicht wirklich fündig geworden. Stattdessen behaupten sie keck, dass die Insel Minger nicht schon immer von Mingerinnen und Mingerern bewohnt gewesen, sondern eines Tages besiedelt worden sei. Aber da lässt sich der Präsident nichts vormachen – er weiß zwar nichts, das aber besser. Überhaupt ist Geschichtsklitterung ein schöner Strang in diesem Buch.

Minger will in die Europäische Union

Natürlich ist der Leser immer wieder geneigt, die Ereignisse auf Minger mit unserer Gegenwart in Verbindung zu bringen. Das gelingt mit der Pest-Epidemie vortrefflich – bis hin zu jenem (uns noch bevorstehenden) glücklichen Tag, an dem Minger keine Todesfälle mehr verzeichnet und das Glück mit Händen zu greifen ist. Aber auch eine so eine kleine Anmerkung wie jene, dass Minger im Jahre 2008 die Aufnahme in die EU beantragt habe, lässt aufmerken. Denn dieser Schritt habe zur Folge gehabt, lesen wir, dass es auf einmal nicht mehr so leicht gewesen sei, Oppositionelle einzuschüchtern. Wer da an die Türkei denkt, denkt vermutlich nicht in die falsche Richtung.

Orhan Pamuk, 1952 in Istanbul geboren und 2006 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt, lässt in seinem Roman einer schier übermütigen Erzählfreude ihren Lauf. So farbenfroh und so detailverliebt kommt sein Roman daher, dass es nur stetig brodelt und schäumt. Da ist immer noch Platz für eine Randbemerkung, da findet sich immer noch Raum für einen eingeklammerten Hinweis. So etwa: „Das Hauptpostamt von Minger war zwanzig Jahre zuvor … mit einer großen, unvergesslichen Feier eröffnet worden. (Ein griechischer Lehrer war dabei ins Meer gefallen und ertrunken.)“ Oder so: „(Adressen schrieb man damals nach Gutdünken, und manche fügten ein kleines Gebet hinzu, damit der Brief auch ja ankomme.)“

Her mit der Ehrenbürgerschaft!

Ja, diese Fülle kann auch schon mal des Guten zu viel sein. Da nähert sich die Dauer der Lesezeit zuweilen jener der erzählten Zeit an. Dann ist es auch mal geboten, eine Lese-Pause einzulegen und Luft zu schnappen – um sich bald darauf mit neuem Elan an dieses türkisch-griechische Panorama zu machen. Das funktioniert, wirklich.

Orhan Pamuk zündet in diesem Roman ein Feuerwerk. Mal ernst und mal ausgelassen und zumeist leicht verschmitzt erzählend demonstriert er seine Meisterschaft. So viel steht fest: Ehrenbürger von Minger wird er gewiss.

Martin Oehlen

  • Bonustrack

    Dass Seuchen- und Pandemie-Romane auf den Markt drängen, liegt in der Natur der gegenwärtigen medizinischen Lage. Orhan Pamuk ist da sicher nicht der Pionier. Da schauen wir nur auf den deutschsprachigen Buchmarkt. Bereits im Juni 2020 erschien Martin Meyers Erzählung „Corona“, die allerdings so schnell veröffentlicht wurde wie sie vergessen werden durfte – siehe HIER. Entschieden komplexer ein Jahr später der Zugriff von Steffen Kopetzky, der eine Pocken-Epidemie in der Eifel im Jahre 1962 in den Blick nahm. Seinen Roman „Monschau“ haben wir HIER vorgestellt. Und was er bei einem Aufritt selbst dazu sagte, das steht HIER. Zu Beginn des Jahres 2022 hat auch Hanya Yanagihara dem Thema breiten Raum in ihrem Roman „Zum Paradies“ gewährt – und dazu ein paar Zeilen HIER. Jetzt die Prognose: bei diesen Pandemie-Titeln wird es nicht bleiben.   

Die Orhan Pamuk: „Die Nächte der Pest“, deutsch von Gerhard Meier, Hanser, 694 Seiten, 30 Euro. E-Book: 23,99 Euro.

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