Auf 900 Seiten geht’s „Zum Paradies“: Hanya Yanagihara erzählt in ihrem New-York-Roman von staunenswerter Vergangenheit und düsterer Zukunft

New York ist der Schauplatz des monumentalen Romans „Zum Paradies“ von Hanya Yanagihara. Foto: Bücheratlas

Die Welt der Hanya Yanagihara ist eine, in der das Böse viel Platz beansprucht. In ihren ersten beiden Büchern – „Ein wenig Leben“, „Das Volk der Bäume“ – geht es um Machtmissbrauch, sexualisierte Gewalt und die verheerenden Folgen für die Opfer physischer und psychischer Übergriffe. Verglichen damit kommt ihr lange erwarteter dritter Roman „Zum Paradies“ etwas weniger heftig daher. Eine Herausforderung ist allerdings auch dieses Werk: knapp 900 engbedruckte Seiten, die drei Geschichten aus drei Jahrhunderten erzählen.

Homosexualität als ein Muss

Im Zentrum eines jeden der unterschiedlich langen Romanteile: ein Herrenhaus in New York. Dort, am Washington Square, lebt im Jahre 1893 David Bingham, der homosexuelle Enkel eines reichen Bankers, bis er mit seinem Freund in die Ungewissheit eines gemeinsamen Lebens aufbricht. Die USA sind aufgeteilt in unterschiedliche Zonen, und im fiktiven Freistaat New York gelten andere Regeln als im Rest des Landes. Homosexualität ist erlaubt, ja, sie ist fast schon ein Muss. Leibliche Kinder sind die Ausnahme. Wer Nachwuchs möchte, der entscheidet sich für die Adoption.

100 Jahre später ist aus dem Stadthaus der Familie Bingham der Wohnsitz eines aids-kranken Rechtsanwalts geworden. Gemeinsam mit seinem hawaiianischen Geliebten veranstaltet er ein Abendessen für einen schwerkranken Freund, der sich am nächsten Morgen in den Tod verabschiedet.

Mit dem Virus im Überwachungsstaat

Ende des 21. Jahrhunderts schließlich sind die Fenster des alten Gebäudes zugemauert, die Türen verrammelt. Wer es betreten will, muss zunächst eine Desinfektionsschleuse passieren. Ein lebensbedrohliches Virus hat die Welt fest im Griff, und aus den USA ist ein Überwachungsstaat mit faschistischen Strukturen geworden.

Im Mittelpunkt der Geschichte: Charlie, die einzige Frau, die in „Zum Paradies“ eine tragende Rolle spielt. Ihr Großvater hat sie mit einem schwulen Mann verheiratet, der auf sie aufpassen soll, denn die junge Frau ist geistig nicht ganz auf der Höhe und unfähig, allein zu leben.

Abschied von den vertrauten Freiheiten

„Zone acht“ ist also der dritte und sicher der stärkste Teil des Romans. Hanya Yanagihara schildert eine Welt, die sich eingerichtet hat im Leben mit dem Virus. Einschränkungen und Verbote bestimmen den Alltag der Menschen, die sich willig den Anordnungen der Regierung fügen. „Angst vor Krankheit, der menschliche Instinkt, gesund bleiben zu wollen, hat fast alle anderen Bedürfnisse und Werte überlagert, die den Leuten einmal wichtig waren, ebenso wie viele der Freiheiten, die sie für unveräußerlich hielten.“ Längst hat sich der fürsorgliche Staat in eine gesichtslose Diktatur verwandelt, die das Virus als Vorwand nimmt, ihre Bürgerinnen und Bürger ihrer Rechte und notfalls auch ihres Lebens zu berauben.

„Zone acht“ ist eine beklemmende und selbstverständlich hochaktuelle Dystopie, die sich auf jeden Fall zu lesen lohnt. Der erste und der zweite Teil des Buches indes lassen ihre Leserinnen und Leser mitunter etwas ratlos zurück. In der ersten Geschichte – „Washington Square“ – befremden die stellenweise fast schwülstige Sprache und die endlos langen Schachtelsätze, die gewöhnungsbedürftig sind. Und in der zweiten Geschichte – die wiederum aus zwei, wenn auch miteinander verbundenen Erzählsträngen besteht – bleiben die Figuren seltsam blass. Ein thematischer Schwerpunkt ist kaum auszumachen. Ist „Lipo-wao-nahele“, so der Titel, ein Sittengemälde der 1980er Jahre, eine Geschichte über Aids oder die einer verkorksten Vater-Sohn-Beziehung?

Mit langem Atem

Warum man „Zum Paradies“ dennoch von Anfang bis Ende lesen sollte? Weil Hanya Yanagihara trotz aller hier formulierter Einwände eine hervorragende Erzählerin ist – und Stephan Kleiner ein ebenso hervorragender Übersetzer. Hier ist eine Schriftstellerin am Werk, die sich mit Haut und Haaren dem episch breiten Erzählen verschrieben hat. Formbewusst und kunstvoll variiert sie die Sprache von Großkapitel zu Großkapitel. Akribisch erkundet sie viele Winkel ihrer Fiktionen. Schließlich erschafft sie schreibend Welten von faszinierender Fremdheit.

Klar ist: Leserinnen und Leser, die sich auf dieses Buch einlassen, müssen Zeit mitbringen. Wer mit der Bereitschaft ans Werk geht, selbst den kleinsten Verästelungen der einzelnen Geschichten zu folgen, wird es nicht bereuen.

Petra Pluwatsch 

Auf diesem Blog

gibt es auch eine Besprechung von Hanya Yanagiharas Debütroman „Das Volk der Bäume“ – und zwar HIER.

Hanya Yanagihara: „Zum Paradies“, dt. von Stephan Kleiner, Claassen, 896 Seiten, 30 Euro. E-Book: 24,99 Euro.

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