Martin Meyers Turbo-Prosa zur Pandemie: „Corona“ – eine Erzählung

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Zeichen in Zeiten von Corona Foto: Bücheratlas

Das ist fix gegangen. Noch ist das Virus unter uns, da gibt es schon eine Erzählung zur Lage. Die Titelfindung war einfach: „Corona“. Bedenkt man den Vorlauf, den ein solches Buch benötigt, ehe es vom Schreibtisch des Autors zum Käufer an die Ladenkasse gelangt, darf man hier von Turbo-Prosa sprechen.

Martin Meyer, einst Feuilletonchef der „Neuen Zürcher Zeitung“ und daher mit schnellen Schreibprozessen vertraut, erzählt von Matteo, der wegen „der großen Krise“ nicht mehr vor die Türe treten darf. Der alte Buchhändler und treue Zeitungsleser, der „ein Kratzen im Hals“ verspürt, wird von seiner Nichte und von einer Nachbarin versorgt – selbstverständlich alles bei Wahrung des Sicherheitsabstands. Aber reicht das zum Leben in der Corona-Quarantäne? Natürlich nicht. Also entscheidet er sich, einige herausragende Bücher noch einmal in die Hand zu nehmen, in denen Menschen mit Seuchen konfrontiert worden sind.

Warum das? „Bücher waren in bestimmten Situationen, die nachtschwarz waren, zu Leuchttürmen geworden. Sogar Menschen, die unter normalen Bedingungen kaum je ein Buch angefasst hätten, fanden dabei zu sich selbst oder wieder zu anderen, die sie in der Zwischenzeit verloren hatten.“ Diese Kraft der Bücher will Matteo nutzen. Er fügt bemerkenswerterweise hinzu, dass man sie zu diesem Zweck möglicherweise nicht einmal lesen müsse: „Jedenfalls nicht zur Gänze.“

Auf eine neuerliche Komplett-Lektüre scheint auch Martin Meyer verzichtet zu haben. Jedenfalls fördert die Beschäftigung mit den jeweiligen Titeln wenige originelle Gedanken zutage. Auch werden die Texte in den Skizzen kaum lebendig. Hingabe, Begeisterung und „Herzblut des Lehrers“, lesen wir, seien bei der Literaturvermittlung in der Schule erforderlich, damit der Funke überspringt. Das gilt auch für Autoren, die in ihren Büchern Bücher anpreisen. Gegen Ende der Erzählung, als womöglich die Zeit für den Druck drängte, verfällt Meyers Matteo gar in einen Rezensenten-Ton („bemerkenswerte, ja erschütternde Geschichte“, „meisterlich“, „eindrücklich“).

Zwei der sechs Titel, die auf der Leseliste stehen, wurden bereits in den vergangenen Pandemie-Monaten und werden immer noch in Erinnerung gerufen: Giovanni Boccaccios „Das Dekameron“ und Albert Camus‘ „Die Pest“. Außerdem greift Matteo zum Alten Testament, um sich die biblischen Plagen in Erinnerung zu rufen, weiter zu Daniel Defoes „Die Pest in London“, zu Jeremias Gotthelfs Novelle „Die schwarze Spinne“ (hier sind die Gliederfüßer die Plage) und zu Thomas Manns „Tod in Venedig“, der zu Zeiten der Cholera spielt.

Die Virus-Aspekte, mit denen Meyer seine steifbeinige Rahmenhandlung spickt, sind hinreichend vertraut. Von der Stille in der Stadt über die Meldung „Militärlastwagen transportieren Särge mit Corona-Toten ab“ bis zum Zweifel in den Köpfen: „Es war zum Fürchten. Oder wurde übertrieben?“ Eine morbide Stimmung gewinnt der Text zusätzlich zur Virus-Gefahr dadurch, dass immer wieder vom Tod die Rede ist. Anlass dafür ist nicht zuletzt Matteos Erinnerung an seine verstorbene Ehefrau Sophia.

Das Eindrucksvollste, das diese Erzählung zu bieten hat, handelt ebenfalls von der Vergänglichkeit. Es ist ein Zitat aus Thomas Tagebuch: „Alles hat angefangen und wird aufhören, es wird wie vorher raum- und zeitloses Nichts sein. Das Leben auf Erden eine Episode, so vielleicht alles Sein ein Zwischenfall zwischen Nichts und Nichts.“ Aber wie gesagt – das ist Thomas Mann.

Martin Oehlen

PS: Der Ausschnitt in unserem Header am Kopf des Beitrags stammt aus der Reprint-Ausgabe der Gutenberg-Bibel, die im Taschen Verlag erschienen ist. Martin Meyer erwähnt in seiner Erzählung die hier veröffentlichte Stelle aus dem zweiten Buch Mose.

Martin Meyer: „Corona“, Kein & Aber, 206 Seiten, 20 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

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