Iris Hanika beschließt ihre Kölner Poetikdozentur: „Ich bedauere, dass man immer über etwas schreiben muss und nicht einfach so“

Bitte mal an den Pfeilen ziehen: Iris Hanika vor dem Literaturhaus Köln mit den beiden Verantwortlichen der fünften TransLit-Poetikdozentur: Christian Seewald (links) und Christof Hamann (rechts). Fotos: Bücheratlas

Am liebsten hätte Iris Hanika nur zugehört. Denn das Analytische und Assoziative, das die Gäste ihrer vierteiligen TransLit-Poetikdozentur in Köln über das Werk der Berliner Schriftstellerin formulierten, gefiel ihr gut – wenngleich sie sicher nicht jede Wortmeldung teilte. „Ich finde es so toll, was ich alles von Ihnen höre“, sagte sie in der Veranstaltung mit dem Philosophen Matthias Vogel und dem Musikwissenschaftler Florian Heesch, in der es um musikalische Spuren in ihrem Werk ging. Und erst recht stimmte sie der Analyse des Filmkritikers Bert Rebhandel zu, als es um die ZDF-Verfilmung des Romans „Treffen sich zwei“ von Ulrike von Ribbeck (2016) ging.

Begonnen hatte die fünfte TransLit-Poetikdozentur mit einer Eröffnungsvorlesung, einer „Plauderei mit Fußnoten“, in der die Autorin bekannte: „Mein Leben besteht aus Schreibenwollen.“ Davon war auf diesem Blog schon ausführlich die Rede – und zwar HIER . Was auf der Suche nach dem Zusammenspiel mit anderen Künsten, dem das Hauptinteresse der TransLit gilt, darüber hinaus noch aufgestöbert wurde? Bitteschön!

Der Roman als Sprungbrett für einen wilden Film

Die ZDF-Verfilmung hatte Hanika nicht so recht gefallen, sagte sie zu Beginn des zweiten Abends. Doch nachdem sie dann zwei Ausschnitte gesehen hatte, stimmte sie der Literaturwissenschaftlerin Claudia Liebrand von der Uni Köln zu, dass das alles doch nicht gar so schlecht wirke: „Ich habe den Film seit fünf Jahren nicht mehr gesehen – eigentlich fand ich es jetzt auch besser.“

Allerdings hat sie einen grundsätzlichen Einwand: Ein Regisseur solle ein Buch nur als „Sprungbrett“ nehmen, um etwas Neues und am besten Wildes zu erschaffen. „Ich hätte mir gewünscht, dass da ein verrückter Regisseur ist, der irgendetwas brauchte, um seine verrückten Ideen umzusetzen. Ich wollte nicht, dass da jemand ist, der mein Buch in eine Form bringt, die dann dem Buch entspricht.“ Als Beispiel für eine geglückte „Verfilmung“ nannte sie Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ (1979), der sehr frei Joseph Conrads Erzählung „Herz der Finsternis“ (1899) von Zentralafrika nach Vietnam verlegt hat.

Musik von Heavy Metal bis Joseph Haydn

Die Suche nach den musikalischen Korrespondenzen im Werk brachte am dritten Abend zwar viele Hinweise, aber dann doch nichts Grundsätzliches. Zahlreich sind die musikalischen Momente von Heavy Metal bis Joseph Haydn in Hanikas Leben und Werk. Auch entdeckte Matthias Vogel einige musikalische Muster – zumal Repetitionen – in den Texten. Doch von einer bewussten Musikalisierung kann bei der Autorin keine Rede sein.

Allerdings war ein Schlager nicht unerheblich für die Karriere der Iris Hanika. In Daliah Lavis „Willst Du mit mir gehen“ (1972) hatte sie eine Zeile gefunden, die für ihr Leben „entscheidend“ gewesen sei: „Keine Sprache hat mehr als Worte“. Iris Hanika nahm dies als Ermutigung, sich der Literatur zuzuwenden.

Mit zierlichen Buchstaben die Zeilen füllen

Zum Finale stellte die Autorin im Literaturhaus Köln ihren frisch mit dem Preis der Leipziger Buchmesse dekorierten Roman „Echos Kammern“ vor – diesmal leibhaftig und nicht wie zuvor „nur“ virtuell. Die Form, bekannte sie bei diesem Werkstattgespräch mit Christof Hamann (Uni Köln) und Christian Seewald (Uni Siegen), sei ihr wichtiger als der Inhalt. Sie halte es mit Robert Walser, der sich danach sehnte, die Zeilen „mit zierlichen Buchstaben“ zu füllen.

„Ich bedauere, dass man immer über etwas schreiben muss und nicht einfach so.“ sagte sie. Sie wolle jedenfalls in ihren Romanen keine Weltprobleme lösen. Gleichwohl müsse ein wenig Inhalt schon sein, denn sonst liefe es auf Dadaismus hinaus, den man nur für kurze Zeit ertrage.

Die Spur zu Caravaggio

Scheinbar beiläufig wurde an diesem Abend noch eine weitere „intermediale“ Spur aufgedeckt. Denn es existieren nicht nur Verbindungen zu Film und Musik, sondern auch zur Bildenden Kunst. Die Bilderwelt des italienischen Barockmalers Caravaggio schätzt sie sehr, zumal sein Narziss-Gemälde. Sie meint: „Caravaggio ist zwar eine Touristenattraktion, aber auch absolut großartig.“

Dass Iris Hanika das Schreiben wichtiger ist, als über ihr Schreiben zu reden, steht außer Frage. Gleichwohl war es famos, die Autorin bei ihren Kölner Auftritten näher kennenzulernen. Sie selbst sagte zum guten Schluss, dass sie die Dozentur genossen habe. Aber eine Poetik-Vorlesung wolle sie nie mehr schreiben.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

findet sich ein Beitrag über Iris Hanikas Antrittsvorlesung zu ihrer Kölner  TransLit-Poetikdozentur – und zwar HIER .

Zur Person

Iris Hanika wurde 1962 in Würzburg geboren und lebt in Berlin. Ihr Roman „Treffen sich zwei“ stand 2008 auf der Shortlist zum deutschen Buchpreis. Ihr neuer Roman „Echos Kammern“ wurde mit dem Hermann-Hesse-Literaturpreis und dem Pries der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.

Iris Hanika: „Echos Kammern“, Literaturverlag Droschl, 240 Seiten, 22 Euro. E-Book: 18,99 Euro.

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