„Folgt nicht den Führern“: Salman Rushdies Aufsätze über Leben, Literatur und seine Corona-Erkrankung

Salman Rushdie bei einem Interviewtermin in Frankfurt Foto: Bücheratlas

Im ersten Pandemiejahr, im März 2020, ist auch Salman Rushdie am Coronavirus erkrankt. „Meine 72 Jahre und mein Asthma“, schreibt der Autor, „machten mich zu einem erstklassigen Ziel.“ Es war die dritte schwere Erkrankung für den Romancier der fulminanten „Mitternachtskinder“ und der folgenreichen „Satanischen Verse“. Als er zwei Jahre alt war, erkrankte er in Bombay an Typhus, und von einer doppelseitigen Lungenentzündung im Jahre 1984 in London ist ihm das Asthma geblieben. Nach Indien und England nun also die dritte schwere Erkrankung in New York. Rushdie hat das Virus hinter sich gelassen: „Erst jetzt begreife ich voll und ganz, wie viel Glück ich hatte.“

Von Heraklit bis Carrie Fisher

Die persönliche Auseinandersetzung mit der Pandemie beendet den heute auf Deutsch erscheinenden Band mit Aufsätzen und Reden aus den vergangenen 20 Jahren: „Sprachen der Wahrheit“. Salman Rushdie erweist sich auch in seinen nonfiktionalen Texten, die allesamt überabeitet worden sind, als sprachmächtig unterhaltender Schriftsteller. Die Spannweite reicht vom antiken Philosophen Heraklit bis zur Schauspielerin Carrie Fisher, der 2016 verstorbenen Freundin, welcher er eine herzwärmende Freundschaftserklärung schreibt.

Im Zentrum stehen die Persönlichkeiten, die er schätzt, darunter Gabriel García Márquez. Der „magische Realismus“ des Kolumbianers, den Rushdie mit dem ersten Satz von „Hundert Jahre Einsamkeit“ erfasste, war ihm eine Offenbarung: „Ich verliebte mich Hals über Kopf, und diese Liebe währt seit 40 Jahren, ohne zu verblassen.“ In seiner Würdigung findet Rushdie originellerweise auch eine Verbindung zwischen Heinrich Böll und García Márquez, nämlich ihren Blick auf die Welt.   

„Wir alle sind träumende Wesen“

Nachdrücklich verteidigt Rushdie das Erfinden von Geschichten. Ja, man könne auch über den vertrauten Bereich schreiben – aber bitte nur, wenn das interessant ist. Andernfalls möge man zu neuen Ufern aufbrechen wie Melville und Conrad. Oder – man erinnere sich daran, „dass Fiktion fiktional“ ist. Das könne durchaus interessanter sein als die nackten Fakten: „Wir alle sind träumende Wesen. Träume auf Papier.“

Selbst einige Lebensregeln, die selbstverständlich scheinen, werden von Salman Rushdie erfrischend vorgetragen. In einer Rede vor den Absolventen der Nova Southeastern University in Florida sagte er 2006: „Folgt nicht den Führern. Haltet lieber nach den Sonderlingen Ausschau, nach jenen, die darauf bestehen, nicht im Gleichschritt zu marschieren.“

Neun Jahre später gibt er den Absolventen der Emory University in Georgia diese Sätze mit auf den weiteren Weg: „Zweifeln Sie nie daran: Sie können die Dinge verändern. Glauben Sie niemandem, der das Gegenteil behauptet. Und am besten gehen Sie wie folgt vor: Stellen Sie alles infrage. Halten Sie nichts für selbstverständlich. Zweifeln Sie an allem Althergebrachten. Respektieren Sie nicht, was keinen Respekt verdient. Sagen Sie Ihre Meinung. Zensieren Sie sich nicht. Gebrauchen Sie Ihre Fantasie. Und bringen Sie zum Ausdruck, was die Fantasie Sie lehrt.“

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

finden sich einige Beiträge zu Salman Rushdie, die sich leicht über die Suchmaske finden lassen. Seinen jüngsten Roman „Quichotte“ haben wir HIER besprochen.

Salman Rushdie: „Sprachen der Wahrheit – Texte 2003 – 2020“, dt. von Sabine Herting und Bernhard Robben, C. Bertelsmann, 480 Seiten, 26 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

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