Als polnischer Jude unter Nazibonzen: Leopold Tyrmand erzählt in „Filip“ die autobiografische Geschichte eines Überlebenskünstlers

Foto: Bücheratlas

Es ist der Sommer im kriegerischen Jahr 1943: Selbst im Frankfurter Parkhotel wird der Kaffee verdünnt, und nachts erschüttern die Bomben der Alliierten die Mauern des renommierten Grandhotels. Ausgerechnet hier, am Wiesenhüttenplatz, hat Filip Vincel Zuflucht gesucht. Denn der smarte Kellner stammt beileibe nicht aus Frankreich, wie er seiner Umgebung mit französischem Zungenschlag weismachen will. Filip ist Pole und als Widerstandkämpfer nur knapp dem sowjetischen Gefängnis entkommen. Jetzt serviert er Nazibonzen zum Frühstück Kaffee im Kännchen, in das er vorher hineingespuckt hat, und bedient sich schamlos an den Lebensmittelmarken der Gäste, wenn die ihm arglos ihre Monatszuteilung überreichen. So viel Rache muss sein.

Mit gefälschten Papieren in Frankfurt

Leopold Tyrmand, Jahrgang 1920, schildert in seinem Roman „Filip“ weitgehend sein eigenes Schicksal. Auch er, der polnische Jude, floh zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ins litauische Wilna und schloss sich dort einer Widerstandsgruppe an. 1943 gelang es ihm, mit gefälschten Papieren einen Job als Kellner in Frankfurt am Main zu ergattern. Das Buch wurde erstmals 1961 in Warschau veröffentlicht, wo Tyrmand inzwischen als Journalist arbeitete. Doch kaum jemand interessierte sich für den 600-Seiten-Wälzer aus den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs, und das Werk geriet in Vergessenheit.  

Jetzt hat sich die Frankfurter Verlagsanstalt des – wie sie sagt – „temporeichen Schelmenromans“ angenommen und erstmals ins Deutsche übertragen. Eine begrüßenswerte Wiederentdeckung ist „Filip“ allemal, auch wenn sich das 60 Jahre alte Werk stellenweise etwas schwerfällig liest. Tyrmand, kein Zweifel, ist kein Freund kurzer Sätze, was die Lektüre stellenweise – und beileibe nicht immer! –  zu einer kleinen Herausforderung macht. Die man indes gern bewältigt, denn der Mann hat etwas zu sagen.

Sein Held ist ein Schlitzohr, was in diesen Zeiten kein Wunder ist: Wer überleben will, der muss sehen, wo er bleibt. Doch seine vorgebliche Unbekümmertheit kann nicht über die Ängste und Sehnsüchte eines 23-Jährigen hinwegtäuschen, der sich seiner Jugend, seiner Träume und Hoffnungen beraubt sieht. Mitunter träumt Filip sich hinweg nach London, das er für den Inbegriff von „Freiheit, Recht, Wahrheit, Menschlichkeit und Gerechtigkeit“ hält. „Während ich bis zu den Nasenlöchern genau in der Mitte eines monströsen, den Kontinent überspannenden Bottich saß, der angefüllt war mit einer widerwärtigen Masse von Lüge, Gemeinheit und Gewaltherrschaft und Versuchen, mich auf Schritt und Tritt zu vernichten.“

In den Kaffee gespuckt

Die Maxime, nach der er lebt, lautet: „Bei den einzelnen Handlungen und Taten ein anständiger Mensch zu bleiben.“ Sein Widerstand gegen das Regime, das ihm nach dem Leben trachtet, zeigt sich im Kleinen, im Privaten. In einem Batzen Spucke, wie schon erwähnt, im Blümchenkaffee eines Nazis: „Ich stand daneben, mein Herz erfüllte sich langsam mit dem Gefühl behaglichen Vergnügens, gestillten Verlangens, Erfüllung, mit einer rachsüchtigen, entwaffnenden Freude, wie sie in Krieger verspürt, der seinen Fuß auf das abgeschnittene Haupt eines besiegten Feindes setzt.“

„Filip“ gewährt einen guten Einblick in ein Stück Lebenswirklichkeit während des Zweitens Weltkriegs. Sein Held ist ein Überlebenskundiger, der trotz allem seinen Humor nicht verliert und scharfzüngig von einer Zeit erzählt, die uns bis heute eine Warnung sein sollte vor rechten Umtrieben.

Petra Pluwatsch

Leopold Tyrmand: „Filip“, dt. von Peter Oliver Loew, Frankfurter Verlagsanstalt, 634 Seiten, 24 Euro. E-Book: 15,99 Euro.

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