Verwirrung der Gefühle: Iwan Gontscharows Klassiker „Eine gewöhnliche Geschichte“ in neuer Übersetzung (und mit neuem Titel)

Vom Dualismus zwischen Schwärmerei und Pragmatismus handelt Iwan Gontscharows Debütroman. Auf unserem Bild ist ein Detail vom Peterhof zu sehen, der ein paar Kilometer außerhalb von St. Petersburg gelegen ist. Am Kopf der Seite ein Ausschnitt aus dem Cover des Hanser-Verlags. Das Porträt eines jungen Mannes malte der Italiener Gioacchino Toma (1838-1891). Foto: Bücheratlas

Geld statt Liebe – darauf läuft es am Ende hinaus in Iwan Gontscharows Roman „Eine gewöhnliche Geschichte“. Doch bis der junge Held Alexander Adujew die Verwandlung vom romantischen Schwärmer zum nüchternen Pragmatiker vollzogen hat, erlebt er die Verwirrung der Gefühle. Um Karriere zu machen, ist er aus dem Dorf Gratschi in die Hauptstadt Petersburg gezogen. Dort kommt er unter die Fittiche seines Onkels. Der zetert, wenn Alexander das Wort Liebe in den Mund nimmt. Sein Mantra: Jede Liebe mutiere über kurz oder lang zur Gewohnheit – so sei das nun mal in der Ehe. Er rät dem Neffen strikt davon ab, „eine Frau zu heiraten, in die du verliebt bist.“ Auch die literarischen Texte, die Alexander unter Berufung auf Lord Byron, Goethe und Schiller verfasst, ernten beim Onkel nur Spott.

Der Onkel will kein Duell

Alexander freilich lässt sich so schnell nicht runterdimmen. Als ihm seine erste große Liebe ausgespannt wird, jedenfalls deutet er so den Ausritt der angebeteten Nadinka mit einem Grafen, soll ihm der Onkel beim Duell sekundieren.  Doch der lacht den Neffen nur aus. Anders sieht es bei der Tante aus. Sie lächelt zwar auch über die Liebesideale des jungen Mannes. Doch wir denken: Im Zweifel wäre ihr die Hitze des Jünglings lieber als die Kühle des Gemahls.

So gehen die Jahre ins Land. Am Ende ist Alexander seelisch dort angekommen, wo ihn sein Onkel immer schon haben wollte. Ja, er heiratet endlich. Zwar hatte er die Frau nicht um ihre Meinung gefragt, aber bei ihrem Vater erfolgreich um ihre Hand geworben. Liebe? Lassen wir das! Die Mitgift allerdings ist sehr in Ordnung. Der Onkel frohlockt: „Du bist mein Blut, du bist ein Adujew!“

Leben in Gegensätzen

Iwan Gontscharow (1812 – 1891) hat seinen zweiteiligen Debütroman im Jahre 1847 zunächst in einer Literaturzeitschrift veröffentlicht, ehe ein Jahr später die Buchausgabe herauskam. Das Werk steht in enger Verbindung zu den beiden nachfolgenden Romanen – dem gigantischen „Oblomow“ (1859) und der finalen „Schlucht“ (1869). Die Trilogie hatte Gontscharow wohl schon in den 1840er Jahren im Kopf. In allen drei Romanen gehe es, lesen wir im Nachwort von Herausgeberin und Übersetzerin Vera Bischitzky, um die Gegensatzpaare Provinz und Metropole, Tradition und Moderne, Trägheit und Aktivität, Stagnation und Aufbruch.

Das dialogreiche Debüt ist bei uns unter dem Titel „Eine alltägliche Geschichte“ bekannt geworden. Doch nun plädiert Vera Bischitzky in ihrer Neuübersetzung für die Variante „Eine gewöhnliche Geschichte“. Ihre Übersetzung selbst liest sich flüssig und lebendig. Dabei verzichtet sie nicht gänzlich auf den deutschen Vokabelschatz des 19. Jahrhunderts. In Zweifelsfällen, sei es beim „Hetmanstab“ eines Doktors oder beim Längenmaß „Werst“, helfen die Anmerkungen verlässlich weiter.

Es sei ein großes Glück, meint Vera Bischitzky, dass fremdsprachige Klassiker der Weltliteratur in gewissen Abständen neu ins Deutsche übertragen werden. Denn abgesehen von allen philologischen Optimierungen komme es zu einem wunderbaren Nebeneffekt: „Die Bücher werden sozusagen aus den Tiefen der Bibliotheken wieder ans Licht und ins Bewusstsein des lesenden Publikums gerückt.“ Wie lohnend das sein kann, hat sich bereits bei Vera Bischitzkys Neuübersetzung des „Oblomow“ gezeigt. Und es zeigt sich anhand der „Gewöhnlichen Geschichte“ erneut.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog findet sich eine ausführliche Besprechung der „Oblomow“-Neuübersetzung von Vera Bischitzky genau HIER .

Iwan Gontscharow: „Eine gewöhnliche Geschichte“, hrsg. und übersetzt von Vera Bischitzky, Hanser, 512 Seiten, 36 Euro.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s