Wenn Türklopfer und Reisigbesen erzählen: „Adas Raum“ von Bachmannpreis-Gewinnerin Sharon Dodua Otoo

In Sharon Dodua Otoos Debütroman meldet sich unter anderem ein Türklopfer zu Wort, der einen Ring im Löwenmaul hält. Allerdings handelt es sich gewiss um eine schlichtere Ausgabe als diejenige, die wir am Mainzer Dom entdeckt haben. Foto: Bücheratlas

Ada ist überall und immerdar. Wir begegnen ihr zunächst im Jahre 1459 an der westafrikanischen Küste, sehen sie 1848 in Stratford-le-Bow bei London als historisch nachweisbare Mathematikerin Ada Lovelace, dann als Zwangsprostituierte im KZ Mittelbau-Dora bei Nordhausen, schließlich auf Wohnungssuche im Berlin des Jahres 2019. Sharon Dodua Otoo, die mit „Adas Raum“ ihr Romandebüt vorlegt, geht aufs Ganze. Das gilt für die Tiefe des Erzählens, für die ambitionierte Konstruktion und die Vielfalt der Themen.

Dieser Mut ist einerseits erstaunlich. Andererseits hatte die 1972 in London geborene und in Berlin lebende Otoo ihr Potenzial offenbart, als sie 2016 mit ihrer Erzählung „Herr Gröttrup setzt sich hin“ den Bachmann-Wettbewerb gewonnen hatte. Die in Klagenfurt vorgetragene Geschichte wurde von einem Frühstücksei erzählt. Ungewöhnlich? Schon. Nun geht es weiter: Im Roman wird uns mal die Perspektive eines Türklopfers (in Form eines Löwenkopfes), mal die eines Zimmers, einer Brise oder eines (britischen) Reisepasses geboten.

Diese staunenswerten Erzählenden schildern düstere und brutale Episoden. Dennoch ist der Roman nicht niederdrückend. Auch nicht schwergängig. Er kommt mit Tempo daher und hat einige komische Seiten. Da bekennt der Reisigbesen als Ich-Erzähler, sich einmal als ausführendes Instrument einer Prügelstrafe widersetzt zu haben. Und unter den vielen Stimmen, die hier zu Wort kommen, ist die prominenteste von Gott, der offenbar ein Berliner ist: „Nu‘ is‘ aba jut.“    

Die Leserinnen und Leser werden gefordert. Unentwegt wechselt Otoo Zeiten und Schauplätze. Zuweilen geschieht dies mitten im Satz, von einer – wie sie es nennt – Schleife zur nächsten. Doch es gibt viele verbindende Elemente, darunter ein begehrtes Armband mit ausgerechnet 33 Perlen, das schließlich in einer deutschen Ausstellung auftaucht. Noch mehr Verknüpfungen gibt es im numerischen Bereich – da ist die 37 dann mal die Nummer einer britischen Nobeladresse und dann die einer KZ-Baracke. Immer zugegen: Ada in ihren vielfältigen Personifikationen. Sie ist die Verkörperung der Frau gestern und heute. Ada erfährt die Unterdrückung ihres Geschlechts durch die Epochen hinweg. „Lerne aus Deiner Vergangenheit“, heißt die verkürzte Übersetzung eines Mottos, das dem Roman in der Sprache der westafrikanischen Asante vorangestellt ist.

Die britische Autorin bezeichnet sich in einer Selbstauskunft als politische Aktivistin. Da liegt ihr manches am Herzen. Auch im Roman. Tatsächlich geht es da nicht allein um Emanzipation. Auch werden Kolonialismus in Afrika und Rassismus in Berlin verhandelt: „In Ghana wurde Ada schleichend zur Frau und bekam es kaum mit. In Deutschland wurde Ada schlagartig zur Schwarzen und spürte es sofort.“

Schließlich ist in „Adas Raum“ – mit schönen Vignetten von Sita Ngoumou versehen und einem tollen Umschlagsmotiv der Agentur Kosmos ausgestattet – viel von Mutterschaft die Rede. Gleich im ersten Satz heißt es: „In der längsten Nacht des Jahres klebte Blut an meiner Stirn, und mein Baby starb.“ Das war vor einem halben Jahrtausend in Afrika. Doch zum Ende, in unserer Gegenwart, kommt wieder ein Kind zur Welt: „Meine kleine Prinzessin, meine Zukunft.“ Das klingt nach Hoffnung. Und der Vater des Kindes scheint auch nicht weglaufen zu wollen.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog sind wir auf Sharon Dodua Otoos Rede zur Eröffnung des Bachmann-Wettbewerbs im Jahr 2020 HIER eingegangen.

Sharon Dodua Otoo: „Adas Raum“, S. Fischer, 320 Seiten, 22 Euro. E-Book: 18,99 Euro.

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