Schwarz fängt mit einem großen S an – Sharon Dodua Otoos Rede zu Beginn des Bachmann-Wettbewerbs

2020-06-17 (12)

Sharon Dodua Otoo bei ihrer Rede zur Eröffnung des Bachmann-Wettbewerbs in Klagenfurt, der live vom ORF übertragen wird. Screenshot: Bücheratlas

Der Bachmann-Wettbewerb zu Klagenfurt ist eine Traditionsmarke. In diesen Tagen findet er zum 44. Mal statt. Aber selbstverständlich ganz anders als bislang. Denn neuerdings – vor Ort am Wörthersee sagt man: „heuer“ – wohnt dem Literaturbetrieb ganz allgemein das Digitale inne. So treffen sich Autorinnen und Autoren sowie Jurorinnen und Juroren nicht im ORF-Studio, sondern im Sicherheitsabstand einer Videokonferenz. Zur Eröffnung sprach – nach der Vorstellung der Jury, der Auslosung der Lesungen und viel zu vielen Fensterreden von beteiligten Institutionen – die Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo, 1972 in London geboren und in Berlin lebend.

Mit dem Text „Herr Gröttrup setzt sich hin“ hatte sie 2016 den Bachmannpreis gewonnen. Ebenso verlockend klang nun der Titel ihrer Klagenfurter Rede: „Dürfen Schwarze Blumen Malen?“ (Malen mit großem M – so die offizielle Schreibweise.) Doch bevor sich Sharon Dodua Otoo mit der Antwort befasste, plädierte sie für die Erweiterung der Großschreibung. Anlass ihrer Rechtschreibreibreform: Wenn „Schwarz“ als politischer Begriff zu verstehen ist, möge man das Wort mit einem großen S schreiben.

So mache man es auch im englischsprachigen Raum. „Denken wir an ‚Black‘ und ‚Deaf‘ zum Beispiel. Der Großbuchstabe am Anfang signalisiert, dass es sich keineswegs bei ‚Black‘ um die Beschreibung eines vermeintlichen Hauttons beziehungsweise bei ‚Deaf‘ um eine Unfähigkeit zu hören handelt. Es sind widerständige Begriffe, die eine Zugehörigkeit zu einer Community kennzeichnen.“ Otoo ist optimistisch, dass dies auch im Deutschen umsetzbar sei: „Eine Sprache, die es geschafft hat, sich von ‚Fräulein‘ zu verabschieden und ein Wort wie ‚Safari‘ willkommen zu heißen, ist stark genug, um weitere Upgrades zu verkraften.“

„Viele Schwarze Kunstschaffende“, sagte Otoo weiter, arbeiteten unter Zwängen. Nämlich unter diesen: „Auch wenn wir es wollen, steht unsere Kunst nicht für sich allein – sie wird zur Repräsentation einer ganzen Community. Wie gehen wir damit um?“ Einige handelten in ihren Romanen von ihrem Schwarzsein, andere überhaupt nicht. Diese Vielfalt begrüßt Otoo ausdrücklich. „Denn durch die Rezeption einer ganzen Palette an Arbeiten werden Positionen und Problematiken deutlicher, komplizierter, herausfordernder. Wir Schwarzen Menschen können uns in unserer Diversität begreifen und die Bürde der Repräsentation wird leichter.“ Außerdem werde die deutschsprachige Literaturlandschaft daran wachsen, davon lernen und ihren Horizont erweitern.

Bemerkenswert auch ihr Plädoyer, „die Kämpfe gegen Antisemitismus und Anti-Schwarzen-Rassismus zusammenzudenken.“ Sie frage sich, „wie man die Solidarität, die zwischen Schwarzen Communitys und jüdischen Communitys in Deutschland besteht“, wahrnehmbarer machen könne.

Das alles war gleichsam die Vorrede. Dann kam Sharon Dodua Otoo, deren Werk auf Deutsch in den Verlagen edition assemblage und S. Fischer erscheint, auf das Thema ihrer perfekt in die aktuelle Rassismus-Debatte passenden Rede zu sprechen. Das lautete, wie bekannt, ob Schwarze Blumen malen dürfen. Die Antwort war zugleich der Schlusspunkt ihrer Ausführungen: „Ja. Je mehr, desto besser.“

Martin Oehlen

 

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