„Ich wünsche mir, dass irgendwann auf einem Buchrücken mein Name steht“: Monika Helfers packender Familienroman „Vati“

Monika Helfers heimische Fensterbank, deren Arrangement sich stetig verändert. Foto: Bücheratlas

Als Monika Helfer ungefähr 18 Jahre alt war, antwortete sie auf die Frage ihres Vaters, welchen Wunsch sie für ihr Leben habe: „Ich wünsche mir, dass irgendwann auf einem Buchrücken mein Name steht.“ Ganz gewiss hatte der Vater – der „Vati“ genannt werden wollte, weil das modern sei – diesen Wunsch mit seiner eindrucksvollen Büchersucht befördert. „Komm mit, Bücherschauen!“ sagte er zuweilen zu seiner Tochter, als sie noch klein war, und führte sie in die Bibliothek. Diese Bücherliebe bereitete Josef Helfer viel Freude. Sie sorgte aber auch für einen Tiefschlag, der zu einem Selbstmordversuch führte.

Monika Helfer erzählt davon in ihrem autobiographischen Roman „Vati“. Schon im vergangenen Jahr hatte sie in „Die Bagage“ einen Einblick in die Familiengeschichte geboten. Da ging es um die schöne Großmutter Maria, die eine Tochter bekommt, mit der ihr Mann nichts zu tun haben wollte, weil er argwöhnte, dass die Grete von einem anderen stammte. „Den Schwüren seiner Frau glaubte er nicht.“ heißt es jetzt noch einmal in „Vati“. „Und die anderen im Dorf glaubten ihr auch nicht.“ Wir treffen Grete im neuen Roman wieder – als Mutter der Erzählerin. Die Geschichte der Bagage geht weiter.

Bücherstaub im Paradies

Es gibt für die Ich-Erzählerin als junges Mädchen eine Zeit des Glücks. Das findet sich in einem Kriegsopfererholungsheim in den österreichischen Alpen, wo der Vater – der selbst eine Beinprothese trägt – als Verwalter angestellt ist. Für Monika und ihre Geschwister ist es das „Paradies“, im Skigebiet Tschengla in Vorarlberg, 1225 Meter über dem Meeresspiegel. Der Bücherstaub in der Bibliothek dieses Heims gehört dazu.

Die Vertreibung aus dem Paradies erfolgt nach einigen Jahren. Gleich nach dem Selbstmordversuch des Vaters. Dann stirbt die Mutter an Krebs. Darauf verliert der Vater „den Tritt“. Die Kinder kommen bei Verwandten unter, eben bei der Bagage, die zusammenhält. Die drei Mädchen ziehen bei Tante Kathe ein. Drei Zimmer für zehn Personen. Ärmlich all das. Schwierig auch.

Bettfüße in Wasserschalen

Das Bild des Vaters, das aus der Erinnerung entsteht, hat Schlieren wie das Bild von Gerhard Richter, das auf dem Buch-Cover prangt („S. mit Kind“ von 1995).  Das heißt: Längst nicht alles wird deutlich. Wie schwer es ist, die Erinnerung zu aktivieren und die Fäden zu verbinden – diese Problematik gehört bei Monika Helfer zum Erzählprogramm. Immerzu gibt sie Einblick in die Tücken der Recherche. Die Stiefmutter – der Vater hatte auf Drängen der Familie noch einmal geheiratet, eine Cousine – fragt die Ich-Erzählerin, ob der geplante Roman „wahr oder erfunden“ sein solle. Die Antwort: „Beides, aber mehr wahr als erfunden.“

Die Geschichte packt den Leser sofort und lässt dann nicht mehr locker. Es ist ein lebendiges Erzählen. Das wird sogar mit Live-Momenten versehen, wenn etwa eine „Ivanhoe“-Ausgabe des Vaters „in diesem Moment“ neben der Autorin liegt, sie einmal den Laptop zuklappt, weil sie müde ist, oder gerade „Chaos am Computerbildschirm“ herrscht. Oft treiben kurze Sätze und knappe Ausführungen den Roman voran. Da wird nichts ausgewalzt, kein Pathos bemüht. Es genügt der pure Erzählstoff. Die Schilderung der Hütte, Schopf genannt, in der der Vater aufwuchs, geht so: „Der Schopf hatte nur einen Raum, darin einen Fußboden aus getretenem Lehm. Zwei Fensterchen, jedes nicht größer als ein Schulatlas. Die Bettfüße wurden in Schalen mit Wasser gestellt, das musste jeden Abend aufgegossen werden. Gegen Ungeziefer. Ob es nützte, weiß ich nicht.“

Wo niemand verlorengeht

Mit der Fortschreibung der Familiengeschichte trägt Monika Helfer auf ihre Weise dazu bei, dass sich ein Standardsatz von Tante Kathe erfüllt: „Es geht niemand verloren.“ Die Autorin verharrt nicht in der Vater-Vergangenheit, sondern bringt auch Gegenwärtiges ein. Ehemann Michael Köhlmeier, dann die Kinder aus zwei Ehen und zumal die Tochter Paula, die bei einem Bergunfall ums Leben gekommen ist, finden Erwähnung. Das war auch schon in „Die Bagage“ der Fall. Überhaupt wird das eine oder andere, das wir aus dem Vorgängerband wissen, noch einmal beleuchtet. So greifen die Bände vor und zurück und ineinander, ja, scheinen sich zu umarmen, zu stützen und festzuhalten.

Monika Helfer hat mittlerweile viele Buchrücken vorzuweisen, auf denen ihr Name steht. So wie sie es sich als Jugendliche gewünscht hatte. Auch daran hat der Vater seinen Anteil, denn mit seiner „Sprachzerlegesucht“, diesem ständigen Überprüfen der Wortwahl, wirkt er immer noch auf ihr Schreiben ein: „Bis heute höre ich ihn in meinem Kopf.“ Zwei Bücher der Tochter hat Josef Helfer vor seinem Tod noch in Händen halten können. Allerdings wäre der Mann, der die Bücher liebte, auf dieses druckfrische, intensive und anrührende  Werk vermutlich besonders stolz gewesen: „Monika Helfer – Vati“.

Martin Oehlen

Eine Besprechung von Monika Helfers Roman „Die Bagage“ findet sich HIER auf diesem Blog.

Ein Gastbeitrag von Monika Helfer, worin sie für den Bücheratlas ein Lieblingsbuch empfiehlt, findet sich HIER .

Monika Helfer: „Vati“, Hanser, 174 Seiten, 20 Euro. E-Book: 15,99 Euro.

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