Gustave Flauberts „Lehrjahre der Männlichkeit“ in Elisabeth Edls frischer Neuübersetzung

Wie die Zeit vergeht – auch im Musée d’Orsay in Paris, das zu Flauberts Zeiten noch nicht einmal als Gare d’Orsay vorhanden war. Der Bahnhofs-Bau wurde erst 1900 eröffnet. Foto: Bücheratlas

Schon nach wenigen Seiten gehen alle Sonnen, Monde und Sterne auf einmal auf: „Es war wie eine Erscheinung.“ Der 18 Jahre alte Frédéric Moreau befindet sich an Bord eines Flußdampfers auf dem Heimweg von Paris nach Nogent-sur-Seine, als er die Frau aller Frauen erblickt: „Sie saß mitten auf der Bank, ganz allein; oder wenigstens konnte er niemand sehen in dem Gleißen, das ihn aus ihren Augen traf.“  Leider ist Madame Arnoux ganz und gar nicht allein, sondern Ehefrau und Mutter. Ein paar Jahre älter als der Baccalaureus ist sie außerdem. Gleichwohl – alle privaten und nationalen Krisen der kommenden Jahrzehnte ereignen sich für Frédéric vor dem Hintergrund dieser unmöglichen Liebe.

Gustave Flaubert (1821-1880), der Autor der „Madame Bovary“, hat seinen Roman „Education sentimentale. Histoire d’un jeune homme“ 1869 erstmals und zehn Jahre später in einer „Edition definitive“ veröffentlicht. Zunächst wurde das Werk in Frankreich wegen der ungewohnten Form, aber auch wegen der desillusionierenden Bilanz des Helden kritisiert. Doch dann hat Marcel Proust ihm mit seiner Fürsprache den Boden bereitet.

Bislang gab es von diesem Großwerk zehn deutsche Übersetzungen. Nun legt Elisabeth Edl ihre Version vor – und versieht diese als Herausgeberin mit allen nötigen Einordnungen und Anmerkungen. In Ihren Augen handelt es sich um den Bildungsroman einer ganzen Epoche, dessen Spannweite enorm und dessen Vielfalt der Register „unerhört“ ist.

Eine Spezialität dieses sanften Kolosses ist, dass für ihn auf Deutsch noch nie ein verbindlicher Titel gefunden worden ist. Mal war es „Die Schule der Empfindsamkeit“, mal „Der Roman eines jungen Mannes“, mal „Die Erziehung des Gefühls“ – um nur diese zu nennen. Nun legt Edl mit viel philologischem Aufwand dar, warum sie sich für „Lehrjahre der Männlichkeit“ entschieden hat. Eine wesentliche Rolle spielt dabei Friedrich Schlegels Roman „Lucinde“, in dem ein Kapitel den Titel der neuen Flaubert-Ausgabe trägt.

Edls Übertragung lässt einen Roman leuchten, in dem uns der tragikomische Held auf seinen Streifzügen durch sehr unterschiedliche Milieus durchaus modern erscheint. Zwar lebt er im Frankreich des 19. Jahrhunderts, doch dies im Zeichen des Menschlich-allzu-menschlichens, das uns vertraut ist. Das Politische und das Private, Liebe und Lüge, Aufstieg und Anerkennung – was davon gelingt und was davon scheitert, liest sich frisch und verlockend.

Dabei verzichtet Edl nicht auf Begriffe der Zeit, die sie in den lehrreichen  Anmerkungen erläutert. Beiläufig wird deutlich, wie penibel eine Übersetzerin zu Werke gehen muss. Wer etwa meint, die Vokabel „Champagnerwein“ sei ein Fehlgriff, dem wird beschieden: „Man sagte zu Flauberts Zeiten ‚vin de Champagne‘, ‚Champagner‘ allein galt als unfeine Ausdrucksweise.“ (Zum Anmerkungsteil eine Petitesse: Das Kapitel lII beginnt nicht mit der Erläuterung zu den „Einfahrtstoren“, sondern mit der zur „Rue Coq-Héron“.)

Franz Kafka schrieb, die „Education sentimentale“ sei ein Buch, „das mir durch viele Jahre nahegestanden ist, wie kaum zwei oder drei Menschen.“ Elisabeth Edl hat nun mit ihrer Übersetzung einen neuen Anreiz geschaffen, sich auf dieses Meisterwerk einzulassen. Die „Lehrjahre der Männlichkeit“ sind nicht von gestern, sondern für heute. Ein buchstäblich moderner Klassiker.

Martin Oehlen

Gustave Flaubert: „Lehrjahre der Männlichkeit“, übersetzt und herausgegeben von Elisabeth Edl, Hanser, 800 Seiten, 42 Euro.

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