Küssen mit Maske: Fritz Eckenga liefert „Rettungsreime“ für die pandemische Existenz

Nikolaus Heidelbach schickt eine Träne auf Reisen. Foto aus dem Fritz-Eckenga-Band des Kunstmann-Verlags. © Nikolaus Heidelbach

Corona ist reif fürs Gedicht. Zum Nachweis muss man nur das neueste Werk von Fritz Eckenga aufschlagen: „Eva, Adam, Frau und Mann – da muss Gott wohl noch mal ran“. Der Titel dieser Anthologie mit lauter „Rettungsreimen“ deutet zwar auf keine Pandemie hin. Doch wenn wir uns ins Innere des Bandes vorwagen, stoßen wir unabweislich auf all das, was uns nun verwehrt ist vom Stadionbesuch übers Oktoberfest bis hin zur großen Fahrt.

In „Fernweh“ heißt es zu Beginn (und hier kommen wir in den Genuss des Eckenga‘schen Könjunktivs): „Ich göng so gern mal wieder fort / von dort, wo ich grad sitze. / Ich käm auch wieder, Ehrenwort, / doch momentan geht mir der Ort / hier etwas auf die Mütze.“

Wer Eckenga-Verse in den Händen hält, weiß, dass er was zu Lachen hat. Der „Pott-Poet“ aus Dortmund greift nach all den großen und kleinen Perlen des Alltags, um sie satirisch zu polieren. Die findet er in Gelsenkirchen-Mitte ebenso wie im Revierpark Oberhausen – aber gewiss auch jenseits solcher heimatlichen Oberzentren. Eckenga stellt der Sammlung eine scheinbar schonungslose Selbstkritik voran, die in Wahrheit seine Kunst aufs Heiterste bestätigt: „Woran es dem Werk dieses Autors gebricht, / ist ganz ohne Frage das Großgedicht. / Es geht unterm Strich, wer will das bestreiten, / auf viel zu viel Seiten um Kleinigkeiten.“

Begleitet werden seine Schlaglichter von Nikolaus Heidelbachs angenehm tückischen Illustrationen. Den Bildern wohnt wie stets ein unheimlicher Zauber inne. Zuletzt war dies besonders intensiv in Michael Köhlmeiers großem Märchenbuch zu erleben, das er vor einem Jahr ins Bild gesetzt hat (eine Besprechung gibt es HIER ). Nun ist dies der Fall im etwas kleineren Format rund um die Verse zur Zeit von Fritz Eckenga. Zumal die Variante der Vignette wird hier gepflegt.   

Wem es aktuell an guter Laune gebricht, dem sei der Band aufs Schärfste empfohlen. Er würdigt Politiker (Nahles, Schulz) und Satiriker (Droste, Bernstein), serviert Wurst und Kartoffel, zitiert eine Schnurre aus dem Literaturbetrieb und feiert den Fußball so national wie international. Und er schaut uns – hier  schließen wir den Kreis – hilfreich auf die Maske. Denn Obacht: Wer sie beim „Küffen“ aufbehält, darf sich über „Fuffeln im Mund“ nicht wundern.

Martin Oehlen

Fritz Eckenga: „Eva, Adam, Frau und Mann – da muss Gott wohl noch mal ran“, mit Bildern von Nikolaus Heidelbach, Kunstmann Verlag, 136 Seiten, 18 Euro. E-Book: 14, 99 Euro.

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