Mein lieber Schwan: Wagners „Lohengrin“ mit Bildern von Neo Rauch und Rosa Loy und einer Würdigung von Christian Thielemann

Auf dem Grünen Hügel in Bayreuth wurde der Lohengrin erstmals 1894 aufgeführt. Zuletzt konnte man ihn dort während der Festspiele 2019 erleben. Foto: Bücheratlas

„Im ‚Lohengrin‘ gibt es viel blaue Musik“, sagt Friedrich Nietzsche 1881 über die romantische Oper, die 1850 in Weimar uraufgeführt worden war. „Wagner kennt die opiatischen und narkotischen Wirkungen.“ Diese sinnenbetörenden Stimulanzien sind noch heute nachweisbar. So schreibt Christian Thielemann, Musikdirektor der Bayreuther Festspiele und Dirigent der jüngsten „Lohengrin“-Inszenierung auf dem Grünen Hügel, es handele sich um eine „Verführungsoper“: „Was Wagner allein durch die Instrumentierung in der Psyche des Publikums auslöst! Das ist reinste, Klang gewordene Erotik.“ Diese Musik schlage Saiten in ihm an, „die alle Sinne in Aufruhr versetzen“.

Anlass für diese Einlassung ist ein edel gestalteter Bildband, der neben dem Libretto (in der Fassung von 1871) die Entwürfe für Bühne und Kostüme von Neo Rauch und Rosa Loy zeigt. Es ist ein Fest in Blau. Schon Thomas Mann rühmte die „blau-silberne Schönheit“ der tönenden Gralswelt. Nun schreibt Thielemann über die Zusammenarbeit mit dem Malerstar Rauch: „Es war uns beiden sofort klar, dass der ‚Lohengrin‘ nur blau sein kann – kontrastiert von diesem irren Hermès-Orange im Münster-Bild des zweiten Akts.“

Zahlreich sind die entsprechenden Bilddokumente des Künstler-Paares.  Im Programmheft der Bayreuther Aufführung von 2018 (Inszenierung: Yuval Sharon) hatten Rauch und Loy erläutert, dass sie zunächst eine „sepiatonige Stimmung“ im Sinn hatten. Doch beim Immer-wieder-Hören des Vorspiels war bald schon das Blau unabweislich. Zu Wort melden sie sich nun nicht noch einmal in dem druckfrischen Band, sondern lassen ihre Bilder sprechen. Imposant ragen die Wolkengebirge in allen Blaustufen auf, werden da und dort von intensiv gebündelten Lichtstrahlen durchbrochen. Und aufschlussreich sind die detaillierten Kostümentwürfe – wozu auch Ortruds Gamaschen oder der Fächer einer Hofdame gehören.  

Das ist ein Bildband für Freundinnen und Freunde der Oper, der Malerei und der Literatur („Lohengrin“ führt zurück zum „Parzival“ des Wolfram von Eschenbach). Nicht nur in einem Corona-Jahr ohne Wagner-Festspiele eine Attraktion. Den Zugang ins so fern scheinende Mythenreich erleichtert der anregende Text von Christian Thielemann, bei dem es sich um ein überarbeitetes Kapitel aus einer vorangegangenen Publikation handelt. Zur Musik sagt der Dirigent, der zudem die Sächsische Staatskapelle Dresden leitet: „Immer, wenn bei Wagner die Spannung auf dem absoluten Siedepunkt angekommen ist, passiert plötzlich gar nichts mehr.“ Da gebe es verrückte, tolle Kontraste: „Wie im Film! Dieser Hund.“

Wovon die Geschichte des himmlischen Helden handelt, der per Schwanentransport zur Hilfe eilt? Der Elsa rettet und dann doch von ihr gegen alle Absprache („Nie sollst Du mich befragen“) zur Rede gestellt wird? Sie handelt, meint Thielemann, von uns: „Von unserer Sehnsucht nach Antworten auf drängende Fragen. Von den Guten, die gut bleiben, und den Bösen, die von Anfang bis Ende böse sind. Manchmal ist es ehrlicher, die Dinge klar voneinander zu scheiden, als sie zu vermischen und halbherzige Kompromisse zu formulieren.“ Das habe er in dieser Aufführung gelernt.

Martin Oehlen

Richard Wagner: „Lohengrin“, in Bildern von Rosa Loy und Neo Rauch und mit einer Einführung von Christian Thielemann, C. H. Beck, 152 Seiten, 34 Euro.

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