Noch mehr erste Sätze beim Bachmann-Wettbewerb – und dann Helga Schuberts später Triumpf

2020-06-19 (14)

Helga Schubert am Ende ihrer Lesung Screenshot von der Übertragung auf 3sat: Bücheratlas

Auch der zweite Tag des Bachmannwettbewerbs in Klagenfurt, der aus Virus-Gründen online abgehalten wird, bot beste Unterhaltung. Abermals ist eine historische Besonderheit zu vermelden. War es gestern die Tatsache, dass erstmals eine maschinell erstellte Textpassage – Passage wohlgemerkt, kein kompletter Text – zum Vortrag kam, so war es diesmal der Auftritt von Helga Schubert.

Die Autorin war zu DDR-Zeiten zum Bachmann-Wettbewerb eingeladen worden, durfte aber nicht ausreisen. Die Argumente: Einerseits gebe es doch keine „deutschsprachige“ Literatur, sondern eine DDR-Literatur sowie eine schweizerische, österreichische usw. Literatur. Und dann sitze ja auch noch dieser „Antikommunist“ Marcel Reich-Ranicki in der Jury! Es war einmal. Nun das – nun trat Helga Schubert als 80jährige Teilnehmerin doch noch an – und das empfand sie als späte Genugtuung.

Was sie beizusteuern hatte, war in jeder Hinsicht beeindruckend und berührend, die Lesung wie die Geschichte. Ein autobiographischer Text über das schwierige Verhältnis zur Mutter, der die Jury nahezu vollkommen überzeugte. Das will was heißen bei diesen sieben Kritikern, die sich dank des Neuzugangs Philipp Tingler immer wieder in den Haaren liegen. Das kann was werden mit der ältesten Bachmann-Preisträgerin aller Zeiten. Doch das wissen wir erst am Sonntag.

Hier nun erst einmal die ersten Sätze der Texte des zweiten Tages bei den „Tagen der deutschsprachigen Literatur“, die live von 3sat übertragen werden. Die ersten Sätze vom Vortag liegen HIER vor.

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Helga Schubert mit „Vorm Aufstehen“:

Auf, auf, sprach der Fuchs zum Hasen, hörst du nicht die Hörner blasen?
So weckte mich meine Mutter früher, als ich ein Schulkind war. Sie stand an meinem Fußende und zog mir die Bettdecke weg.

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Hanna Herbst mit „Es wird einmal“:

Es beginne in einem Moment der Angst. Du und ich an einem See, an einem dunkelroten Tag im Herbst. Du hast erzählt die Geschichte von einem Menschen, der einem Fisch seine Taucherausrüstung gab, weil der Fisch noch am Leben hing und der Mensch nicht.

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Egon Christian Leitner mit dem Auszug „Tag, Monat, Jahr“ aus dem Text „Immer im Krieg“:

Je dümmer ein Mensch ist, umso weniger bringt er. Bei uns da hier wird der wirtschaftliche Lebensertrag, Arbeitslebensertrag, eines Menschen mit einer Million Euro angesetzt von den Ökonomen. Ein IQ-Punkt weniger da hier entspricht 2% weniger Ertrag durch diesen Menschen.

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Matthias Senkel mit „Warenz“:

Zerknülle das Blatt, streich es wieder glatt: Skandinavisches Eisschild bei abnehmendem Mond

Die Mondsichel sinkt einem frostklaren Morgen entgegen. Doch kein einziger Lichtstrahl dringt durch die Eismassen des Gletschers hinab zu dem Felsbuckel, an dem Überreste mesozoischer Algen zu Kalkstein verdichtet werden – hinab zu dem wachsenden Kreidefelsen, der einige Jahrtausende später das Nordkap einer Insel wird.

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Levin Westermann mit „und dann“:

und dann
geht die sonne wieder unter
und dann
geht die sonne wieder auf
und das huhn schnurrt wie eine katze
denke ich
und das huhn schnurrt
und ich schaue es an
und ich höre die schafe
ich höre die schafe auf der weide

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M.Oe.

Weitere Beiträge zum 44. Bachmannpreis:

„Schwarz fängt mit einem großen S an“ behandelt die Eröffnungsrede von Sharon Dodua Otoo – und zwar  HIER .

„Erste Sätze beim Bachmann-Wettbewerb: Verletzte Frauen, Melancholie, Ovid und die KI als Co-Autor“ finden sich HIER .

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