Erste Sätze beim Bachmann-Wettbewerb: Verletzte Frauen, Melancholie, Ovid und die KI als Co-Autor

2020-06-18 (12)

Die Jury nimmt Kontakt auf mit dem Autor Jörg Piringer, der unten rechts zu sehen ist. Screenshot von der Live-Übertragung auf 3sat: Bücheratlas

Am ersten Tag des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs in Klagefurt, der wegen der Pandemie als virtuelle Veranstaltung stattfindet, gab es erstaunliche wenige technische Pannen. Allerdings wurde der Jury erst im Laufe der Zeit klar, dass es keinen Sinn macht, gleichzeitig zu reden. Das stresste nicht nur die Beteiligten, sondern auch die Zuschauer. Einen historischen Moment gab es auch. Autor Jörg Piringer bekannte auf Nachfrage, dass eine Passage seines Textes „kuzushi“ über Künstliche Intelligenz tatsächlich von einer KI-Maschine formuliert worden sei. Da dichtete also der Computer mit – allerdings passte diese Volte hier sehr gut. Doch wer weiß – vielleicht war dies gar nicht das erste Mal, dass ein Computer als Co-Autor auftrat, vielleicht hat ja schon in der Vergangenheit einmal ein Autor die KI benutzt, um seine Prosa zu ergänzen.

An dieser Stelle, wie schon im vergangenen Jahr, erste Sätze aus den vorgetragenen Texten.

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Jasmin Ramadan mit dem Auszug „Palisander“ aus dem Roman „Ü“:

Verletzte Frauen konnte Ben nicht ertragen. Sie erinnerten ihn an seine Mutter. Deshalb brachte er verletzte Frauen dazu, ihn zu verlassen.

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Lisa Krusche mit „Für bestimmte Welten kämpfen und gegen andere“:

Das Wasser leuchtete grün wie giftige Milch. Es schwappte sämig um Judith herum. Sie lag auf dem Rücken, mitten im Becken, die Arme ausgestreckt. An der Decke flirrten Reflexionen, das erinnerte sie an Videos von Polarlichtern. Es war schön sich vorzustellen, es wären welche, und sich von Melancholie hitten zu lassen.

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Leonhard Hieronymi mit „Über uns, Luzifer“:

Nach der Begegnung mit dem Friedhofsverwalter von Bad Oldesloe besuchte ich für den Rest des Jahres keinen Friedhof mehr, erst im Januar kamen die Energieschübe zurück, und ich verabredete mich für die Zeit der südosteuropäischen Schneestürme mit Marius, der schon mit mir in Hamburg-Nienstedten an den Gräbern von Fichte und Jahnn gestanden hatte, und mit Pascal – einem der wichtigsten Beobachter unseres Landes – in Bukarest. Von dort aus wollten wir uns endlich auf die Spuren des Grabs von Ovid begeben.

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Jörg Piringer mit „kuzushi“:

nein
nein
das ist nicht so

ich habe gewusst dass diese frage kommen wird
sie kommt jedes mal

das system lernt tatsächlich
es lernt
texte zu schreiben
es wiederholt nicht einfach nur phrasen
oder absätze
es ist
wenn sie so wollen
kreativ

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M. Oe.

 

 

 

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