Juli Zeh und Kathrin Röggla – die Kölner Auftritte der Autorinnen in zwei Bänden der Buchhandlung Klaus Bittner

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Die Böllpreis-Verleihung an Juli Zeh im November 2019 wird jetzt in einem Band  aus dem Verlag der Buchhandlung Klaus Bittner dokumentiert. Darin wird auf einigen Seiten ein Einblick in die Notizbücher der Autorin gewährt. Foto: Bücheratlas

Juli Zehs Worte bei der Verleihung des Heinrich-Böll-Preises im November 2019 wirken heute so frisch und richtig wie ehedem. Ihre Dankesrede war ein kritisches Loblied auf die Demokratie und eine entschiedene Kritik an deren Verächtern – nicht zuletzt an den Verächtern „der“ politischen Repräsentanten.

„Es ist höchste Zeit, den demokratischen Selbsthass zu beenden und zu einem respektvollen Umgang mit unserem System, mit uns selbst und miteinander zurückzukehren.“ sagte Juli Zeh im Kölner Rathaus. „Wenn wir den demokratischen Institutionen unsere Unterstützung entziehen, wenn wir uns Frustration und Zynismus überlassen und bis zu der Überzeugung hinabsinken, unsere Regierungen und Institutionen, gleich ob in Berlin oder Brüssel, seien allesamt nichts wert, erfüllten ihr Aufgaben nicht und könnten am Gang der Dinge ohnehin nichts ändern – dann werfen wir sämtliche Instrumente weg, die uns zur Verfügung stehen, um den Aufgaben unserer Zeit zu begegnen, ganz egal, ob es sich um Klima, digitalen Wandel oder Flüchtlingsströme handelt.“

Dieser Text erscheint jetzt im Verlag der Buchhandlung Klaus Bittner. Gabriele Ewenz von der Stadtbibliothek Köln, wo das Heinrich-Böll-Archiv und das Literatur-in-Köln-Archiv angesiedelt sind, hat die Dokumentation der Preisverleihung herausgegeben. Darin enthalten sind die Reden von Oberbürgermeisterin Henriette Reker, Laudator Burkhard Spinnen und eben der Preisträgerin.

Zudem finden sich in diesem Band einige Aufnahmen von Juli Zehs Notizbüchern. Durchweg Handschriftliches, manches davon ist durchgestrichen. Einiges wirkt wie  eine Tagebuch-Notiz, anderes wie ein Satz für eine Romanfigur. Das hier, denken wir uns, ist Juli Zeh pur: „Ich möchte mich für die Ruhe entscheiden. Für Heiterkeit und Friedlichsein. Ich möchte Fülle finden in der Liebe zu den Menschen. In der Abwesenheit von Zynismen.“  

„Ursprung der Sprache in einem Virus“

„Das Interesse, Autor*innen live zu erleben, scheint gegenwärtig größer denn je zu sein“, steht in einem weiteren Band aus dem Verlag der Buchhandlung Klaus Bittner. Darin wird die Poetikdozentur von Kathrin Röggla an der Kölner Universität im Sommer 2019 dokumentiert. Unter dem Titel „Translit“ hat Christof Hamann die Reihe im Jahre 2015 am Institut für deutsche Sprache und Literatur I etabliert. Zu Gast waren bislang Marcel Beyer, Felicitas Hoppe, Thomas Meinecke und zuletzt Kathrin Röggla. Und es stimmt – der Zulauf war zuweilen raumsprengend.

Eingeladen werden zu dieser Poetikdozentur Autorinnen und Autoren, so schreiben es jetzt die Herausgeber Manuela Günter und Nicolas Pethes, „deren Texte ihre materielle Grenze – das geschriebene und gedruckte Wort – immer schon überschritten haben in Richtung der vielfältigen ästhetischen und medialen Optionen unserer Gegenwartskultur.“ Womit so ziemlich alles gemeint ist vom Hörspiel über den Film bis zur Graphic Novel. Keineswegs neu sind solche „Korrespondenzen“ (ein Begriff Jürgen Beckers). Aber immer anregend. Ob live oder nun im Buch.

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Die Universität zu Köln macht mit der Translit-Poetikdozentur von sich reden. Foto: Bücheratlas

Kathrin Röggla – 1971 in Salzburg geboren und in Berlin lebend – habe diese „medialen Grenzüberschreitungen“ zur Kunstform erhoben, heißt es. Rögglas Texte „spitzen zu, übertreiben, tragen ihre ‚Wahrheit‘ dick auf – und folgen damit einem Schreibverfahren, das man auch als reflexiven Extremismus bezeichnen könnte, und das eine äußerst vielseitige und vielstimmige künstlerische Produktivität freigesetzt hat.“ Dabei gehe Röggla immer wieder aufs aktuelle Zeitgeschehen ein – sei es auf den Fall Natascha Kampusch, den NSU-Prozess oder die Flüchtlingsströme.

Zehn Beiträge spiegeln die Positionen der Mitwirkenden des Translit-Jahrgangs 2019. Da geht es um Ton und Sprache, Listen und Radiogedanken, ums Engagement.  Wo sich die Germanistik zu Wort meldet, gibt es auch schon mal Kostroben des akademischen Jargons. Hingegen ist Rögglas Vortrag „Der Elefant im Raum“ (mit Bezug auf die von ihr kuratierte, gleichnamige Ausstellung in Berlin) angenehm griffig. Darin erörtert die Autorin, was wir wahrnehmen können und was wir nicht wahrnehmen wollen und was das alles mit unseren Ängsten vor Abstieg, Peinlichkeit und Ansteckung zu tun hat.

Dies am Rande: Mit ganz neu gespitztem Interesse liest man den Hinweis, dass William Burroughs „den Ursprung der Sprache in einem Virus sah, weil er dereinst die Kehlköpfe der Affen verändert hat, bis sie menschliche Stimmbänder aufwiesen.“  Zum Zeitpunkt des Vortrags wäre die Vorstellung von einer Virus-Pandemie nichts als Science Fiction gewesen. Ein Jahr später kommt an diesem Elefanten im Raum keiner vorbei.

Martin Oehlen

„Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln 2019: Juli Zeh“, hrsg. von der Stadtbibliothek Köln im Verlag der Buchhandlung Klaus Bittner, ausgewählt und bearbeitet von Gabriele Ewenz, 48 Seiten, 10 Euro.

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„Translit 2019: Kathrin Röggla“, hrsg. von Pola Gross, Manuela Günter und Nicolas Pethes, Verlag der Buchhandlung Klaus Bittner, 170 Seiten, 16 Euro.

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