Corona-Lektüre (4): Jules Verne reist mit uns in 80 Tagen um die Welt und hat die Uhr stets im Blick

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Hongkong war eine Station auf der fabelhaften Weltreise des Phileas Fogg. Hier blicken wir in den Räucherstäbchen-Himmel des Man-Mo-Tempels im Stadtteil Sheung Wan.  Foto: Bücheratlas

Die Reiseroute ist vom Feinsten: London, Suez, Bombay, Kalkutta, Hongkong, Yokohama, San Francisco, New York, London.  80 Tage veranschlagt Phileas Fogg für das Abenteuer Weltumrundung – nicht viel für einen, der im Jahr 1872 auf Reisen geht. Der exzentrische Gentleman hatte im Londoner Reformclub aus einer Laune heraus „mit jedem, der Lust dazu hat“, um 20.000 Englische Pfund gewettet, dass er „die Reise um den Erdball in längstens 80 Tagen machen werde, das heißt in 1920 Stunden oder 115.200 Minuten“. Am 21. Dezember um 20.45 Uhr will er wieder im Salon des Reformclubs aufschlagen. Nur eine Minute Verspätung und der Einsatz ist verloren.

Noch am selben Abend verlassen Fogg und sein französischer Diener Passepartout London mit vier Hemden, sechs Paar Socken und 20.000 Englischen Pfund im Gepäck. Ihr erstes Ziel: Paris. Von dort aus soll es weitergehen ins italienische Brindisi und über das Mittelmeer nach Suez. „Es war finstere Nacht, und ein feiner Regen fiel. Phileas Fogg drückte sich still in eine Ecke. Passepartout, noch ganz verdutzt, drückte den Sack mit den Banknoten maschinenmäßig an sich.“ Dass ihnen aufgrund eines Missverständnisses ein Polizist namens Fix auf den Fersen ist – geschenkt. Für einen Mann wie Fogg „gibt es nichts Unvorhergesehenes“, das ihn aufhalten könnte.

Das Vorbild war ein schräger Vogel

Bis heute gehört Jules Vernes 1873 erschienener Abenteuerroman „In 80 Tagen um die Welt“ zu den Klassikern der fantastischen Reiseliteratur – empfehlenswert erst recht in Zeiten, in denen wir vom Reisen nur träumen können. Vorbild für die Figur des reichen Exzentrikers Phileas Fogg ist der amerikanische Kaufmann und Schriftsteller George Francis Train, auch er ein schräger Vogel und manischer Weltenerkunder. 1870 startet er zusammen mit seinem Cousin und Privatsekretär George Pickering Bemis zu seiner ersten Weltreise.  New York, San Francisco, Hongkong, Saigon, Singapur, Marseille, Lyon, Liverpool, New York – in 80 Tagen um die Welt. Das hat vor ihnen noch niemand geschafft. Zwei weitere Weltreisen folgen 1890 und 1892, bei denen das Duo sein Reisetempo kontinuierlich steigert. 1892 sind Train und Bemis bereits nach 60 Tagen wieder zu Hause.

George Francis Train wie auch Vernes fiktiver Held Phileas Fogg profitieren von zwei gigantischen Bauprojekten, die das interkontinentale Reisen deutlich erleichtern. Im Mai 1879 wird die erste Bahnstrecke quer durch die USA fertiggestellt: 2600 Kilometer Schienen, auf denen sich Nordamerika innerhalb von vier Tagen durchqueren lässt. Im ägyptischen Port Said feiert man im November desselben Jahres die Eröffnung des Suezkanals, der das Mittelmeer mit dem Rotem Meer verbindet und zeitraubende Reisen rund um den afrikanischen Kontinent überflüssig macht.

Für Verne stellt Trains spektakuläre Weltreise eine Steilvorlage dar. Der französische Schriftsteller und Börsenmakler, 1828 hineingeboren in ein Jahrhundert des Aufbruchs und technischen Fortschritts, schreibt seit Jahren Reise- und Abenteuerromane und entführt seine Leserschaft darin in fantastische, visionär anmutende Anderswelten. Verne pflegt Kontakte zu Naturforschern und Erfindern, deren Erkenntnisse er in seinen Werken verarbeitet. Ideen und Anregungen notiert er auf Zetteln, die er in einem großen Kasten aufbewahrt. Die meisten seiner mehr als 50 Romane erscheinen zunächst als Fortsetzungsgeschichten in der Jugendzeitschrift „Magazin illustré d’éducation et de récréation“, der „Illustrierten für Erziehung und Erholung“.

Startschuss fiel im Heißluftballon

Der Roman „Fünf Wochen im Ballon“ aus dem Jahr 1863 wird sein erster großer Erfolg: Ein Wissenschaftler macht sich mit einem lenkbaren Heißluftballon auf den Weg nach Afrika, um den Ursprung des Nils zu finden. Das Thema ist topaktuell: Seit bald einem Jahrhundert sind europäische Forscher dem Geheimnis der Nilquellen auf der Spur, freilich ohne bislang fündig geworden zu sein.

Danach geht es Schlag auf Schlag. Jedes Jahr erscheint ein neuer Jules Verne: „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“, „Von der Erde zum Mond“, „20.000 Meilen unter dem Meer“, „Die Reise um den Mond“, „Reise durch die Sonnenwelt“, „Die Stadt unter der Erde“. Verne ist ein Mann des 19. Jahrhunderts. Fortschrittsgläubig, technikbesessen – und überzeugt davon, dass die Möglichkeiten des Menschen nahezu grenzenlos sind.  Eine Reise zum Mond? Kein Problem. Warum nicht gleich zum Mars oder zur Venus?

Hauptsache ist, dass die Uhr richtig tickt

„In 80 Tagen um die Welt“ ist der wohl bekannteste Roman des französischen Autors und wurde mehrmals verfilmt. Dessen Held Phileas Fogg fügt sich trefflich in die Riege von Vernes bevorzugten Protagonisten. Auch er gehört „zu den mathematisch exakten Menschen“, für die das Leben so berechenbar ist wie ein Sonnenaufgang. Fast naiv mutet sein Glaube an die Machbarkeit einer 80tägigen Weltumrundung an. Nichts ist unmöglich, solange die Uhren richtig gehen.

Was für eine Ironie, dass ausgerechnet dieser Mann sich um einen ganzen Tag verrechnet und sein Ziel erst in letzter Sekunde erreicht. Immerhin: Er gewinnt seine Wette. Und wird zusätzlich mit der Liebe einer schönen Frau belohnt. „Wahrlich, würde man nicht die Reise um die Erde auch um ein geringeres Ziel vornehmen?“

Petra Pluwatsch

http://www.ksta.de

In der Corona-Bibliothek liegen bislang vor:

Albert Camus mit „Die Pest“ – HIER,

Giovanni Boccaccio mit dem „Dekameron“ – HIER ,

Daniel Defoe mit „Robinson Crusoe“ – HIER .

 

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