Aris Fioretos über Nelly B.s Balance in der Liebe und in der Luft – und das im virtuellen Literaturhaus Köln

2020-05-27 (23)

Aris Fioretos vor seinem Computer in Stockholm. Das Bild hätte schärfer sein dürfen, aber der Ton war in Ordnung – und der Inhalt erst recht. Screenshot: Bücheratlas.

2020-05-27 (18)Amelie (Mellie) Beese (1886-1925) war Aris Fioretos eine Inspiration für den Roman über „Nelly B.s Herz“. Das Foto  hat Aris Fioretos für die Online-Veranstaltung zur Verfügung gestellt hat. Man sieht die Pilotin, dick vermummt im Pelz, vor ihrem fragilen Fluggerät. Screenshot: Bücheratlas

Geht das überhaupt? Kann und darf ein Mann einen Roman aus der Perspektive einer Frau schreiben? Dann auch noch aus der Perspektive einer Frau, die sich in eine andere Frau verliebt? Die Frage, die Bettina Fischer, die Leiterin des Kölner Literaturhauses bei der neuesten Ausgabe von „Literaturhaus Köln virtuell“ aufwarf, wird aktuell vielfach diskutiert. Auch bezogen auf andere Rollenspiele – da geht es dann nicht nur um Mann oder Frau, sondern auch um Weiß oder Schwarz, Opfer oder Täter, Einwanderer oder Ureinwohner usw.

Aris Fioretos, der mit seinem Roman „Nelly B.s Herz“  (Hanser) aus Stockholm zugeschaltet war, ist der Ansicht, dass Verbote nicht zur Literatur passen: „Ja wo landen wir sonst? Dann gäbe es keine Science Fiction.“ Wenn es nicht einmal in der Literatur möglich sein soll, Risiken einzugehen, wo dann? Man könne scheitern, man könne aber auch gewinnen. Außerdem gehöre er nicht zu jener Gruppe von Autoren, die sich selbst ins Zentrum ihrer Werke stellten, sondern zu jener anderen Gruppe: „Mich ziehen Fremderfahrungen an.“

Die große Qualität des Romans „Nell B.y Herz“ haben wir auf diesem Blog bereits dargelegt – und zwar HIER. Spannend war es nun zu vernehmen, wie sich Aris Fioretos, der Autor aus Schweden mit den österreichisch-griechischen Wurzeln, dem Manuskript genähert hat. Schon in seinem ersten Roman „Die Seelensucherin“ („Stockholm noir“, 2000) gab es einen ersten Hinweis auf Nelly B., für die die historisch nachweisbare deutsche Flugpionierin Amelie „Mellie“ Beese (1886-1925) eine Patin war. Zur Vorbereitung des neuen Romans habe er einen seltenen Bildband bestellen wollen, in dem zwei Aufnahmen jener starken Frau zu finden seien. Doch als er den Antiquar anrief, teilte der ihm mit, dass Fioretos selbst den Band schon vor langer Zeit bei ihm erworben habe – im Katalog stehe ja auch, was Fioretos übersehen hatte, dass dieses Werk verkauft sei. Was er dann zu Papier gebracht habe, so Fioretos, sei im Großen und Ganzen „frei fabuliert“.

Der Autor stellte im Gespräch fest, dass die „Bewegung die DNA des Buches“ sei. Was bewege einen Menschen und wie bewege er sich. Es gehe um die Balance zwischen Partnern auf Erden und zwischen zwei Flugzeugflügeln in der Luft. Es sei nicht so sehr ein Roman über die Liebe, sondern über das Verliebtsein. Dass das Herz hier in vielerlei Hinsicht schlägt, passt im Übrigen zu den vorangegangenen Werken, in denen es auch oft um Körperlichkeiten gegangen ist.

Nicht zuletzt ist es ein Roman über Frauen, die sich „neu entdecken und neu definieren“.  Das interessiert Fioretos an den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Seiner Ansicht nach spiele dabei der Erste Weltkrieg eine große Rolle, in den die Männer gezogen seien. In jener Situation hätten die Frauen entdeckt, dass es auch ohne Männer gehe: Es „entstand ein gewisses Selbstvertrauen“.

Doch Literatur war nicht alles an diesem Abend. Auch was Aris Fioretos über Schwedens vermeintlichen Sonderweg in der Corona-Krise zu sagen hatte, war erhellend. Schweden sei ein Land, das seit Generationen keine Kriegserfahrungen mehr gemacht habe und daher seinem Staat vertraue, sagte er. Auch sei die Rolle der Experten weithin akzeptiert, nicht nur in der Bevölkerung, sondern ebenso in der Regierung. Außerdem sei Schweden gar nicht so viel anders in der Krise unterwegs als etwa Deutschland. Nur ein wenig.

All das fügte sich zu einem sehr lohnenden Streaming-Erlebnis (das wieder in Kooperation mit der Kölner VHS stattfand). Fragen aus dem WWW hat es nicht gegeben. Intensiv war es auch ohnedem.

Martin Oehlen

Eine Besprechung des Romans findet sich HIER.

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