Heilige, Könige und ein lesender Hund mit Kapuze: Die Welt von Arnt dem Bilderschneider

Arnt1

Wo der schwarze König mit der rechten Hand schwungvoll seine Krone lüpft, konnte ein bislang fehlendes Teilstück des Dreikönigenaltars angefügt werden. Unter den drei Dienern fällt besonders jener am unteren Rand auf, der weitere Goldgeschenke auspackt. Allerdings müssen die Experten des Museums noch an der Passgenauigkeit arbeiten, weshalb die Bruchlinie deutlich ausgestellt wird.  Foto: Museum Schnütgen

Jetzt sind auch die Diener in Köln angekommen. Vier frisch erworbene Fragmente vervollständigen das Relief mit der Anbetung der Heiligen drei Könige, das bereits 1993 aus französischem Privatbesitz für das Museum Schnütgen in Köln erworben werden konnte. Der Anbau auf der rechten Seite hat schöne Folgen. Noch größer ist nun das Figurenaufkommen, noch klarer werden die kunsthistorischen Bezüge, noch entschiedener rückt Maria mit dem Jesuskind ins Zentrum. Die Wangen aller Beteiligten, seien sie nun heilig oder profan, sind dem Anlass entsprechend gerötet.

Der Schöpfer dieses Meisterwerks gehört zu jenen Künstlern, von deren Leben wir nur wenig wissen. Dass er dennoch nicht ohne Namen geblieben ist, verdanken wir einer Quittung für den Herzog von Kleve, die mit „Arnt Beeldesnider“ unterzeichnet ist. So ist der Künstler aktenkundig geworden: Arnt der Bilderschneider. Diesem „Meister der beseelten Skulpturen“ und „Begründer einer reichen Bildschnitzerschule am Niederrhein“ widmet das Museum Schnütgen die erste monographische Ausstellung. Doch Obacht – ab wann sie zugänglich ist, muss noch geklärt werden.

Die Eröffnung sollte ursprünglich am 1. April 2020 stattfinden, wurde aber wegen der Corona-Pandemie abgesagt. Nun öffnen an diesem Dienstag zwar wieder die meisten Museen – wenn auch unter den bekannten Hygiene-Vorschriften (Mundschutz, Abstand, keine Gastronomie). Doch das Museum Schnütgen und das Rautenstrauch-Joest-Museum müssen noch etwas länger auf die Rückkehr des Publikums warten. Denn im Kulturzentrum am Neumarkt in Köln, wo sie untergebracht sind, befindet sich derzeit noch ein Infektionsschutzzentrum.

Immerhin – der im Hirmer-Verlag erscheinende Katalog liegt schon vor, herausgegeben von Museumsdirektor Moritz Woelk und Arnt-Experte Guido de Werd. Der Band gibt ausführlich Auskunft über Motive, Technik, Meisterschaft – und Vita. Arnt lebte in einer „Blütezeit der Kunst“. Das Herzogtum Kleve, so schreibt es Guido de Werd, bezog aus seiner engen Bindung zum Haus Burgund „kulturelle Kraft“ und Inspiration. Arnts Werkstätten befanden sich in Kalkar am Niederrhein und in Zwolle an der Mündung der IJssel in die Zuiderzee.

Als die Pest im Jahre 1484 in Kalkar wütete, verlor der Meister vier seiner Angehörigen. Die Heilige Luzia, die vor der Pest-Epidemie schützen sollte, hat er einige Male geschnitzt. Er selbst starb an Weihnachten 1491. Den neuen Hochaltar für Kalkar, den er da gerade entworfen und zu schnitzen begonnen hatte, vollendete Jahre später der Kollege Ludwig Jupan aus Marburg.

Arnt2 (2)

Da ist mächtig was los: Ausschnitt aus dem Georgs-Altar mit dem Heiligen auf seinem tapferen Schimmel im Einsatz gegen den bereits heftig malträtierten Drachen. Rechts davon kniet die gerettete Prinzessin in staunender Dankbarkeit. Foto: Museum Schnütgen

Arnt schuf Altäre, Reliefs, ein Chorgestühl und Skulpturen. Doch das Werkverzeichnis ist unvollständig: Was er in Zwolle vollendet hat, ist offenbar komplett dem Bildersturm im 16. Jahrhundert zum Opfer gefallen. Seine überlieferten Werke bestechen durch erzählerische Intensität und eine Individualität, die bis in die Krümmung der Augenbrauen ausdifferenziert ist. Arnt strebt keine starre Heiligen-Verehrung an, sondern Vitalität und Lebensnähe. Daher wird das biblische Geschehen mit viel Action und Emotion inszeniert. Zuweilen geht es zu wie auf einem Wimmelbild.

Humor kommt auch vor. Im Chorgestühl in der ehemaligen Minoritenkirche St. Maria Empfängnis in Kleve sitzt ein Hund mit Kapuze, der in einem Buch liest. Und nicht weit von ihm entfernt hält sich ein Mann auf, der mit heruntergelassener Hose auf einem Korb hockt und vor sich einen Topf mit Spargel (oder sind es Möhren?) festhält. Streitende und feixende und Eier mit einem Knüppel zerschlagende Individuen kommen hinzu. Moritz Woelk fasst zusammen: „Oftmals unterscheidet sich der gutmütige Humor dieser Darstellungen von dem, was uns heute zum Lachen bringt.“

Zumal die Werke, deren farbige Einfassung erhalten geblieben ist, sind eine Pracht. Vielleicht am schönsten: Der Georgsaltar aus St. Nicolai in Kalkar. Aber auch in den kleinen Hausaltar aus dem Musée de Cluny in Paris, auf dem viele Tränen fließen, mag man sich vertiefen. Nicht zuletzt das lange blonde Haar der Maria Magdalena rinnt wunderbar über ihren Rücken und scheint in die Falten des Gewands zu münden.

Leider ist die Farbigkeit einiger Arbeiten abhandengekommen. Das ist ein Schicksal, das Arnt mit sehr vielen seiner mittelalterlichen Kollegen teilt. Restaurator Marc Peez geht in seinem Aufsatz darauf ein. So verloren die Objekte, nachdem sie immer wieder übermalt worden waren, durch die Vielzahl der Farbschichten ihre Konturen. Sie wirkten dann häufig „völlig verteigt und anansehnlich“. Das führte im 19. Jahrhundert zu einer „verheerenden Renovierungswelle“, bei der viele Werke radikal „gereinigt“ worden sind. So wurden aus den bunten Heiligen plötzlich „holzsichtige“ Heilige.

Von alldem handelt der Katalog auf anschauliche und lehrreiche Weise. Ein Basiswerk und eine zuverlässige Einführung. Jetzt fehlt dazu nur noch die Ausstellung.

Martin Oehlen

Guido de Werd und Moritz Woelk (Hrsg.): „Arnt der Bilderschneider – Meister der beseelten Skulpturen“, Hirmer Verlag, 252 Seiten, 45 Euro.

Die Museumsausgabe des Katalogs kann im Shop des Museum Schnütgen portofrei für 35 Euro bestellt werden.

Arnt5

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s