Literaturklub Köln feiert sein zehnjähriges Bestehen nicht an der Bar, sondern im Netz

2020-04-20 (21)

Guy Helminger eröffnete den Lyrik-Reigen. Screenshot: Bücheratlas

Das Jubiläum war anders geplant. Der Literaturklub Köln feierte sein zehnjähriges Bestehen nicht in „der wohngemeinschaft“ in Köln, sondern im Livestream im Netz. Aus der heimischen Distanz begrüßte Initiator Adrian Kasnitz die Festgäste zum ersten von zwei Jubiläumsabenden (die vom Kulturamt der Stadt Köln finanziert werden): „Idiotische Wucht“. Diesmal stand die Lyrik im Fokus, am 23. April wird es die Prosa sein.

Nach seiner Einführung loggte sich Kasnitz aus, um dem ersten Lyriker Zeit zu geben, sich einzuloggen. Die neue Welt der Online-Lesungen, zumal solche mit mehreren Teilnehmern an verschiedenen Orten, ist technisch alles andere als high-end-mäßig aufgestellt. Da fühlt man sich an Apollo-Raumfahrtflüge erinnert, als die Astronauten immer mal wieder im Funkloch verschwanden, das sich auf der anderen Seite des Mondes auftat. Oder an die frühen „Wir schalten um“-Manöver im ARD-Fernsehprogram. Aber siehe da – irgendwann gibt es wieder Bild und Ton.

Kurzweilig der Auftritt von Guy Helminger (Köln), einem der „All Stars“ des Literaturklubs, wie Kasnitz eingangs gesagt hatte. Helminger las – vor einer Wand mit gerahmten Reisefotografien und einem Globus mit Australien auf der Schauseite – aus „Die Tagebücher der Tannen“. Das sind Verse über die Liebe, über „die eigene Fraktion“ der Dichter und solche „für die Schizophrenen unter uns“: „Schon am Morgen hatten wir das Gefühl, dass die Bäume im Plusquamperfekt standen.“ Dann noch das Gedicht über den „Durst nach Vorhersehbarem“, den „wir“ haben, die wir „Schwimmwesten an der Theke“ tragen. Helminger sieht darin unsere Pandemie-Gegenwart gespiegelt, in der er einen „Mangel an Diskussionsbereitschaft“ ausmacht.

Es folgte Sünje Lewejohann (Berlin). Ihr Gedichtband „die idiotische wucht deiner wimpern“ verhalf der Lyrik-Veranstaltung zum Titel. Um Liebe gehe es, sagte die Autorin, um solche etwa, die dafür sorgt, dass es monatelang nicht regnet und der Himmel immerzu blau strahlt. Und um Übergriffe, nicht um die großen, sondern um die kleinen Übergriffe in der Kneipe oder auf dem Schulhof. Dann die Selbsterkundung des lyrischen Ich. Schließlich auch hier ein Gedicht, das zur gegenwärtigsten Gegenwart zu passen scheint. „Ein Corona-Gedicht“, zumindest im letzten Satz, wie Sünje Lewehohann meinte. Da heißt es nämlich, es gebe ein Gesetz, welches das gegenseitige Berühren verbiete. Sehr schön zudem der Auftritt eines jungen Charlie-Chaplin-Mimen in ihrem Vorprogramm (ganz oben auf dieser Seite zu sehen). Mutmaßlich ein sehr enges Familienmitglied.

Musik gab es auch. Die kam von Ramblin‘ Boy Harrers, der mit bodenständigen Coverversionen aus den Blue Mountains in Köln-Kalk aufwartete. Hier ein bisschen Folk, dort ein bisschen Blues und dann noch ein moderner Klassiker: „Corinna, Corinna“, ein Frühwerk des Nobelpreisträgers Bob Dylan. Zwischendurch hatte der Mann an der akustischen Gitarre bekannt, er sei vor diesem Auftritt „echt nervöser als sonst“ gewesen. Aber seine Sache hat er gut gemacht.

Dann loggte sich Christoph Wenzel (Aachen) ein. War aber auch gleich wieder weg. Sozusagen in seinem Raumschiff hinterm Mond. Bei uns jedenfalls. Das Bild stand fest, aber der Ton war weg. Kam dann wieder, stockte, bröckelte, versank. „Ein Gang in den Wald“, hörten wir einmal und dachten: Genau dort stehen wir gerade. Da bleibt uns nur eines: Wir verweisen auf Wenzels Gedichtband „lidschluss“, der in der Editon Korrespondenzen erschienen ist. Die Buchhandlungen sind glücklicherweise wieder geöffnet.

Zum Finale noch einmal Adrian Kasnitz. Er vermisse es, sagte er, sich nun an die Bar stellen zu können und über das Gehörte zu sprechen. So saß er allein in seinem Sessel und hob eine Bierflasche ins Bild. Mit ihm warten wir auf bessere Tage.

Martin Oehlen

Einen Beitrag über die letzte Vor-Pandemie-Veranstaltung des Literaturklubs in der „wohngemeinschaft“ gibt es HIER.

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