Jubiläum und Abschied: Werner Köhler, Erfinder und Mitbegründer der lit.Cologne, blickt zurück

Werner Köhler ist Urvater und Mitbegründer der lit.Cologne. Im Jubiläumsjahr des Internationalen Literaturfestival, das zum 20. Mal stattfindet (10. bis 21. März 2020), zieht er sich aus der Leitung zurück. Hier spricht er über Elke Heidenreich und Roger Willemsen, große Momente und ideale Moderatoren, starke Musik und ein Lebensbuch.

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Werner Köhler in Banyuls sur Mer, wo er ein zweites Domizil hat. Foto: Privat

Herr Köhler, wie war das mit dem Urknall vor 20 Jahren? Gab es für die Idee, ein Literaturfestival zu starten, einen Auslöser?

Der Auslöser war der Ausstieg aus meinem alten Job. In einem Gespräch mit Rainer Osnowski habe ich skizziert, wie ich mir literarische Veranstaltungen außerhalb eines betriebswirtschaftlich bedingten Rahmens vorstelle. Von all den hunderten Veranstaltungen die ich bis dahin durchgeführt hatte, waren zwei Reihen stilbildend für das, was dann die lit.Cologne wurde: „Texte & Bier“ war die eine; „Köln liest – Prominente lesen ihre Lieblingsbücher“ die andere. Nimmt man dazu noch die Werbekampagne „Schock deine Eltern, lies ein Buch“, die ich mit meinem Freund, dem Aachener Künstler Detlef Kellermann entwickelt habe, dann hat man die Matrix, aus der sich das Festival in seiner heutigen Form entwickelt hat. Wir waren in literarischen Dimensionen wohl die ersten, die sich neben dem Inhalt auch der Form gewidmet haben und mit allem sehr spielerisch umgegangen sind.

Haben 20 Jahre ausgereicht, um Ihre sämtlichen lebenden Lieblingsautorinnen und Lieblingssautoren einzuladen?

Alle wesentlichen Einladungen sind erfolgt, leider wurden aus den unterschiedlichsten Gründen nicht alle angenommen. Ich habe sehr schöne, teils rührende schriftliche Absagen von zum Beispiel Milan Kundera oder John Updike gerahmt an der Wand hängen.

„Ein unvorstellbarer Glücksmoment“

Welches waren die schönsten Veranstaltungen in den bisherigen 20 Festival-Jahren?

Oh Gott, wo soll ich da anfangen?

Es gibt eine Fotografie aus dem Backstage-Bereich des alten Schauspielhauses. Sie zeigt die Rückenansicht zweier großer alter Männer der deutschen Nachkriegsliteratur. Ich stand neben dem Fotografen, als Robert Gernhardt und Marcel Reich-Ranicki die gemeinsame Veranstaltung, bei der zwischen ihnen mächtig die Fetzen geflogen waren, verließen. Robert Gernhardt stützt den etwas wackligen Marcel Reich-Ranicki. Sie gehen Hand in Hand. Diese Szene hat sich mir eingebrannt.

Bei der Veranstaltung „Das schwarze Blut – Der Trost der Melancholie“ sitze ich zusammen mit Roger Willemsen hinter dem Vorhang. Auf der Bühne liest der wunderbare Großschauspieler Walter Schmidinger. Eine Veranstaltung ganz nach Rogers Gusto. „Lass uns die Leute überfordern“ war einer seiner Lieblingsaussprüche. Zu diesem Zeitpunkt, da der finale Text gelesen wurde, dauerte der Abend bereits drei Stunden. Roger beugt sich zu mir rüber und flüstert mir ins Ohr: „Die sind alle weg. Es ist so still, wir haben es übertrieben.“ In der Tat: kein Husten, kein Stühlerücken, kein Handygefiepe. Es war nahezu ausgeschlossen, dass nach dieser extremen literarischen Herausforderung noch soviel Spannung existieren konnte. Dann endet Schmidinger, und ein Orkan bricht los. Die Leute stehen auf den Stühlen, sind komplett aus dem Häuschen. Ein unvorstellbarer Glücksmoment und ein Beweis für Rogers These, dass die Leute sich nicht mit Einheitsbrei abspeisen lassen wollen.

Welches war die schwierigste Veranstaltung in den bisherigen 20 Festival-Jahren?

Wer viel wagt, kann auch mal scheitern. Wagnisse einzugehen, war von Beginn an Kern unserer Arbeit. Also haben wir auch mal was versemmelt. Dann heißt es, die richtigen Lehren daraus ziehen und weiter wagen. Keine Aufzählung an dieser Stelle. Bloß so viel: eine ärgerliche Veranstaltung hat es nicht gegeben, höchstens die eine oder andere ärgerliche Absage.

„Diese Frage ist ungeheuerlich“

Welches Buch, das auf dem Festival vorgestellt wurde, hat Sie besonders beeindruckt?

20 Jahre und ungefähr 3500 Veranstaltungen bedeuten ja auch eine ähnliche Anzahl an Büchern. Diese Frage einem alten Mann zu stellen, ist ungeheuerlich und nicht zu verantworten. Ich wage es dennoch: „Revolutionary Road“ (Zeiten des Aufruhrs) von Richard Yates ist zu einem Lebensbuch geworden.

Welche Autorin und welcher Autor sind besonders prädestiniert für den Bühnenauftritt?

Ihre Fragen, lieber Herr Oehlen, nähern sich einem Abgrund. Als Gastgeber würden Sie Ihre Gäste ja auch nicht einer Sympathiebewertung unterwerfen oder sie nach – sagen wir – ihren Erziehungskünsten ranken – zumindest nicht öffentlich. Aber ich bin ja nicht dafür bekannt, einer lästigen Frage aus dem Weg zu gehen. Allgemein kann gesagt werden, dass nicht alle Autoren gleich gut vorlesen können, was ja auch überhaupt nicht notwendig ist. Ich würde dem/der einen oder anderen raten, über den Einsatz einer Fachkraft nachzudenken. Geübte Vorleser unterstreichen die literarische Klasse eines Werks. Ungeübte hingegen …

Mein Kumpel T. C. Boyle ist einer, der unbedingt auf eine Bühne gehört!

Mit welcher Moderatorin oder welchem Moderator konnte nichts schiefgehen?

Die lit.Cologne hat einen großen Pool an Moderatorinnen und Moderatoren, auf die stets Verlass ist. Was muss die Moderatorin können? Sie sollte die Fragen stellen, die das Publikum stellen würde, sie sollte den Star des Abends glänzen lassen und sich nicht selbst darstellen, sollte top vorbereitet sein, strukturiert und doch offen für Unvorhergesehenes.

„Tausend Dank an Elke Heidenreich“

Auf welche Veranstaltung im Jubiläums-Programm freuen Sie sich besonders?

Auch wieder so eine Abgrund-Frage. Nenne ich die eine, fragt sich der andere Gast: Wieso nennt er mich nicht? Aber ich kann es ja mal subjektiv angehen: Ich freue mich irrsinnig darauf, Sir Michael Palin kennenzulernen. Er gehört zu denen, die wir seit den ersten Jahren immer wieder eingeladen haben. Dass es nun klappt, freut mich sehr.

Als begeisterter Hobbykoch freue mich darauf, einen der größten Köche der Welt zu treffen: Sergio Herman. Wer auch nur einen Funken Leidenschaft in dieser Richtung verspürt, sollte sich das nicht entgehen lassen.

Auf einen Abend mit den Texten von David Foster Wallace, vorgetragen von Anke Engelke und Mark Waschke, freue ich mich; auf die Lyrics von Fortuna Ehrenfeld und Billy Bragg und darauf, dass Elke Heidenreich nochmals die Gala moderiert. Wie schon beim ersten Mal.

Apropos: Das war auch ein großer Glücksmoment. Als sie 2001 an mir vorbei die Treppe zur Bühne der Philharmonie hinabschritt, wurde mir bewusst, dass wir es wirklich getan und geschafft hatten. Nach unendlichen 18 Monaten der Vorbereitung gab es plötzlich die lit.Cologne nicht mehr bloß in unseren Köpfen. Ich konnte mich der Tränen nicht erwehren. Senta Berger stand neben mir und nahm mich in den Arm. Ich bekomme gleich wieder Gänsehaut. Sehr, sehr ergreifend.

Tausend Dank an dieser Stelle an Elke Heidenreich, die größte, wichtigste und ganz sicher einflussreichste Streiterin für gute Bücher, die mir in meinem Leben über den Weg gelaufen ist.

„Das fühlt sich gut an“

Wie ist die Gemütslage kurz vor Beginn Ihres letzten Festival-Jahrgangs?

Entspannt! Ich bin ja seit dem 1.1.2020 außer Dienst. Jetzt darf ich bloß noch ernten, und das fühlt sich gut an. Für ein Resümee sprechen Sie mich gerne in zwölf Monaten nochmal an.

Welche Musik sollen wir zum Abschied spielen?

Hah, gute Frage! „Heiliges Fernweh“ von Fortuna Ehrenfeld; ein bisschen Robert Forster und Brian Fallon.

Nachts dann Ketil Bjornstadt und „London“ von Benjamin Clementine. Immer wieder „London“, als Erinnerung an meinen Freund Roger Willemsen, der viel zu früh abgedankt hat. In dem Sinne: „Helm ab zum Gebet“.

Die Fragen stellte Martin Oehlen

Zur Person

Werner Köhler wurde am 10. Januar 1956 in Trier geboren und lebt heute in Köln und im südfranzösischen Banyuls sur Mer. Im Jahre 2000 kündigte er als einer der Geschäftsführer der Mayer‘schen Buchhandlung. Er gründete mit Edmund Labonté und Rainer Osnwoski die LKO-Verlagsgesellschaft und die lit.Cologne. Im Jubiläumsjahr der lit.Cologne scheidet er gemeinsam mit Edmund Labonté aus der Geschäftsführung aus.

„Cookys“ war im Jahre 2004 sein erster Roman. Zuvor hatte er bereits einige Kochbücher veröffentlicht, darunter „Satt“. Bereits im Jahr 2005 folgte sein erster Kriminalroman („Das Mädchen vom Wehr – Crinellis tödlicher Irrtum“), mit dem er eine Reihe um den Kölner Kommissar Jerôme „Jerry“ Crinelli eröffnete. Weitere Romane sind „Eine ganz normale Familie“, „Drei Tage im Paradies“ und „Cookys Reise“.

Unter dem Pseudonym Yann Sola veröffentlichte Köhler seit 2016 vier Bände der in Südfrankreich spielenden Krimiserie um den Hobbydetektiv Perez: „Tödlicher Tramontane“, „Gefährliche Ernte“, „Letzte Fahrt“ und zuletzt „Johannisfeuer“. Sein belletristisches Werk erscheint im Verlag Kiepenheuer & Witsch.

Besprechungen seiner Romane finden sich auch auf diesem „Bücheratlas“-Blog.

Zum „Johannisfeuer“ geht es HIER  .

Außerdem haben wir eine Ortsbesichtigung in Banyuls in Südfrankreich gemacht, wo die Yann-Sola-Krimis spielen – nachzulesen HIER .

Sola

 

 

 

 

 

 

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