Die Gratulanten sind schon da: Uwe Timm wird 80 Jahre alt

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Uwe Timms neuer Aufsatzband „Über Utopie und Literatur“ beginnt mit einem Essay über den Gründer von Villa Gesell in Argentinien. Die Küstenstadt, wo das Strandbild ganz oben  entstanden ist,  liegt in der Nähe von Mar del Plata, wo das Bodega-Bild aufgenommen wurde  – und wo man unübersehbar eines Utopisten der Vergangenheit gedenkt.  Foto: Bücheratlas

Uwe Timm, 1940 in Hamburg geboren, wird am 30. März 80 Jahre alt. Aus diesem Anlass würdigt der Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch seinen Autor mit zwei Bänden. Zum einen erscheinen Aufsätze über Utopie und Literatur: „Der Verrückte in den Dünen“. Der gleichnamige Beitrag in dem Band befasst sich mit dem Gründer der Stadt Villa Gesell bei Mar del Plata in Argentinien, in der Timms Ehefrau Dagmar Ploetz, die hoch geschätzte Übersetzerin (Gabriel García Márquez, Rafael Chirbes), aufgewachsen ist. Zum anderen liegt ein Buch vor mit Texten über und für Uwe Timm von Verlagsmenschen und Schriftstellern: „Am Beispiel eines Autors“ (anspielend auf den Timm-Titel „Am Beispiel meines Bruders“).

Gewiss, hier ist zur Feier des Tages nichts als Lob zu haben. Gleichwohl ist die Vielfalt bemerkenswert. Da fügt sich ein Steinchen zum anderen, um ein leuchtendes Mosaik zu formen. Hier unsere Zitatensammlung.

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Günther Rohrbach, legendärer Film- und Fernsehproduzent bei WDR und Bavaria, eröffnet den Reigen mit einem eindrucksvollen Schnelldurchgang durch Vita und Werk. Er bescheinigt dem Jubilar (wie viele andere Gratulanten auch) eine „außergewöhnliche, hinreißende Freundlichkeit“. Dessen Werk könne man lesen „als eine groß angelegte Autobiografie“ und „eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“.

Tilman Spengler führt scheinbar beiläufig eine Hommage auf Timms Ehefrau Dagmar Ploetz an und „deren Bedeutung für Uwe“. Damit bleibt er nicht allein in diesem Band.

Eva Menasse trifft Timm in den „Treppenhäusern des Literaturbetriebs“ und würdigt die Gespräche mit ihm als „klug, tiefschürfend und gänzlich blabla-frei“.

Reinhold Neven Du Mont, von 1969 bis 2001 Verleger von Kiepenheuer & Witsch, erzählt von einem gemeinsamen Ausflug auf La Palma, bei dem Uwe Timm seinen Sohn in letzter Sekunde vor einer Riesenwelle warnen kann. Damals dachte Reinhold Neven Du Mont: „Ich höre den Flügelschlag eines Schutzengels.“

Joachim Sartorius steuert drei Gedichte bei, die er „in Gedanken an meinen wunderbaren Freund“ geschrieben hat – und zwar in Ortigia auf Sizilien, einem gemeinsamen Lieblingsort.

Michael Krüger, ehemaliger Hanser-Verleger, weiß nicht, warum es Uwe Timm und ihm in 50 Jahren nicht gelungen ist, einmal gemeinsam essen zu gehen. Dabei beteuerten beide bei jeder Begegnung, dass man doch endlich einmal in Ruhe essen gehen müsse. Auch dies ein Motiv, das noch bei anderen Gratulanten auftaucht: Der Autor als termingespickter Mann. Krüger endet seinen Beitrag erwartungsgemäß mit einem PS: „Lass uns doch mal in Ruhe essen gehen!“

Jens Sparschuh garantiert, dass man, um nach Utopia zu gelangen, nur Timms Roman „Ikarien“ zur Hand nehmen müsse: „Es ist der kürzeste Weg und er führt mit Sicherheit am weitesten.“

Moritz Rinke steuert eine besonders liebevolle und witzige Würdigung bei. Dabei betont er die Rolle der Frauen in Timms Leben und Werk, die Bedeutung des „glückhaften Blicks“. Und richtig: Dagmar Ploetz findet auch hier eine sehr entschiedene Lobpreisung.

Katja Lange-Müller schickt dem „lieben Uwe“ eine Anekdote zum Theater in Anklam, als dort Frank Castorf „die für DDR-Verhältnisse abenteuerlichsten Inszenierungen“ auf die Bühne brachte. Und sie erzählt dazu einen Theaterwitz, der sitzt.

Helge Malchow, von 2001 bis 2018 Verleger von Kiepenheuer & Witsch, würdigt im ersten Beitrag der literaturwissenschaftlichen Abteilung Uwe Timms Werke zwischen Fiktion und Sachbuch, wozu die einen „Memoir“ sagen und die anderen „Autofiktion“. Zwei Titel vor allem zählen für ihn zu diesem Typus: „Am Beispiel meines Bruders“ und „Der Freund und der Fremde“. Um Weltkrieg und NS-Zeit geht es in dem einen, um APO und 68er Bewegung in dem anderen. Das seien Themenkomplexe, denen sich der Autor immer wieder gewidmet habe.

Dagmar Leupold bestätigt das sogleich, indem sie konstatiert, dass Uwe Timms Literatur Geschichtsräume auslote.

Ingo Schulze, der auch mal wieder das „Termin-Such-Ritual“ erwähnt, wünscht dem Autor, „dass Du nicht die Kraft verlierst, Dich darüber zu empören, wie unsere Welt eingerichtet ist.“

Martin Hielscher, ehedem Lektor bei Kiepenheuer & Witsch und seit 2001 Programmleiter für Literatur bei C. H. Beck, sondiert tiefschürfend Uwe Timms „Vogelweide“. Dieser „Roman der Vergänglichkeit“ sei wie das ganze Werk des Autors „theologisch, zumindest aber biblisch“ inspiriert, allerdings ohne Gott und Jenseitshoffnung.

Ulrich Peltzer hält Uwe Timm für einen „der jüngsten Schriftsteller, die ich kenne.“ Er fährt fort: „Wenn es jemanden gibt, der frei ist von Ressentiment und gravitätischer Behauptung“, dann dieses Geburtstagskind, für den Peltzer zum Schluss noch Bob Dylans „Forever Young“ anstimmt.

Kathrin Schmidt erzählt eine Kurzgeschichte von der Gebietsgrenze zwischen Berlin und Brandenburg. Sie trägt den Titel „Uwe denken“.

Wolfgang Balk, ehedem dtv-Verleger, packt seinen schärfsten Satz ins PS: „Dass man Dir nach wie vor den Büchner-Preis vorenthält, ist unfassbar.“

Stefanie de Velasco erinnert sich an den Lateinunterricht: „Manche Schriftsteller*innen brillieren durch komplizierte Sätze, durch brachiale Sprache. Hater-Prosa oder Poser-Prosa gibt es zuhauf. Uwe Timms Sprache ist leise, so wie die meiner Sitznachbarin aus der Schule, Sarah, die im Lateinunterricht unterm Tisch heimlich Karl Marx las und trotzdem auf Ansprache ‚laudare‘ perfekt deklinieren konnte.“ Timms Figuren sind für de Velasco „das Beste, was die deutsche Gegenwartsliteratur hervorgebracht hat.“

Terézia Mora weiß Uwe Timms Gegenwart zu schätzen. Wenn er in der Nähe sei, könne sie „ganz ruhig sein“. Denn dann sei gewiss: „ich werde dort ankommen, wohin ich diesmal muss.“

Alexander Gorkow lässt es funkeln, wenn er sich an den 16-Jährigen erinnert, der er war und dem von seiner Schwester der Timm-Roman „Heißer Sommer“ gereicht wurde. Da habe er einiges über Selbstbehauptung gelernt.

Reinhold Joppich, der 30 Jahre lang Verkaufsleiter bei Kiepenheuer & Witsch war, spricht von Uwe Timms Hilfsbereitschaft bei pekuniären Problemen (worauf auch Peltzer angespielt hat). Joppich lobt den Menschen, „der seine soziale, linke Gesinnung lebt und dabei immer selbstkritisch bleibt.“

Olaf Petersenn, ehedem Lektor für deutschsprachige Literatur bei Kiepenheuer & Witsch und heute Programmleiter Literatur im Piper Verlag, widmet sich dem Erzählstil der späten Timm-Romane. Er hat nachzählend festgestellt, dass die Verwendung der kausalen Konjunktion „weil“ stetig abgenommen habe. Daraus schließt er: „Das Erzählen wird immer offener, was einer landläufig unterstellten altersbedingten Grundneigung dazu, immer festere und deutlichere Begründungszusammenhänge herzustellen, entgegenläuft.“

Laura S. Carugati, Professorin für Philosophie und für Deutsch als Fremdsprache an der Universidad Nacional San Martin sowie Übersetzerin, eröffnet den Reigen der Beobachter aus dem Ausland. Sie erklärt das Interesse an Timms Werken in Argentinien damit, dass er uns „mit seiner umfangreichen literarischen Produktion erlaubt, nicht nur seine Werke lustvoll zu lesen, sondern auch uns selber zu lesen.“

Antonio Sellerio verlegt Uwe Timm erst seit 2019 in Italien. Gleichwohl versichert er, dass die Entwicklung des Sellerio-Verlags „seit Jahren darauf ausgerichtet“ gewesen sei, genau dies zu tun. Der Verleger hebt bei Timm die Unangepasstheit des Schreibens und das politische Engagement hervor.

Joost Nijsen vom Amsterdamer Verlag Podium betont die Freundlichkeit und Alterslosigkeit des Autors – was sich geradezu als Standard-Charakteristik des Bandes entpuppt.

Kerstin Gleba, seit 2019 Verlegerin von Kiepenheuer & Witsch (ein Interview mit ihr findet sich HIER auf dem Bücheratlas), beschließt den Geburtstags-Band. Sie folgt in ihrem Beitrag zunächst den Tieren im Timm-Kosmos, von allerlei Ausgestopftem bis zum Hummelflug, um dann die Chronik der Beziehung zwischen Autor und Verlag zu umreißen. Dabei erinnert sie auch an Renate Matthaei, die Uwe Timm Anfang der 1980er Jahre zu Kiepenheuer & Witsch geholt und für den Autor gebrannt habe.

Martin Oehlen

Kerstin Gleba und Helge Malchow (Hrsg.): „Am Beispiel eines Autors – Texte zu Uwe Timm“, Kiepenheuer & Witsch, 208 Seiten, 20 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

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Uwe Timm: „Der Verrückte in den Dünen – Über Utopie und Literatur“, Kiepenheuer & Witsch, 256 Seiten, 20 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

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