Gottfried Keller, vor 200 Jahren geboren, machte mit neuem Finale aus einem Ladenhüter einen Klassiker

Keller-Kühe (2)

Alles so schön grün hier in der Schweiz Foto: Bücheratlas

Der Trauerzug ist  gigantisch. Es scheint, als wolle ganz Zürich dabei sein, wenn  der Staatsschreiber, Dichter und Schriftsteller Gottfried Keller im Juli 1890 seine  letzte Reise antritt.  Mag sein, dass  bei den zahlreichen Trauergästen neben Bewunderung für den Verfasser des „Grünen Heinrich“ auch  ein gehöriges Quantum Neugierde im Spiel ist: Der bekennende Atheist  will verbrannt werden.  Und gehört damit zu den ersten in Zürich, die in dem erst wenige Monate alten Krematorium eingeäschert werden.

Der spektakuläre Abgang passt zu einem Mann, der ein Leben lang nicht zur Geschmeidigkeit neigte. Und der bis heute als einer der ganz Großen der deutschsprachigen Literatur gefeiert wird. Geboren wird er am 19. Juli 1819 im Haus „Zum goldenen Winkel“ in Zürich, ein schmaler Junge mit einem mächtigen Kopf. Bis ins hohe Alter wird er unter seinem kleinen Wuchs leiden.  Der Vater, ein Drechslermeister, stirbt jung; von sechs Geschwistern überlebt  nur Schwester Regula, der Keller eng verbunden  bleibt. Die Mutter heiratet erneut, doch die Ehe scheitert nach wenigen Monaten. Er selber fliegt mit 15 Jahren von der „kantonalen Industrieschule“, nachdem er an einer Demonstration gegen einen missliebigen Lehrer teilgenommen hat. Nein, es läuft nicht rund im Leben des jungen Gottfried Keller.

Auch die Berufswahl entpuppt sich schnell als Flop.  Kunstmaler will er werden. „Weil es dem halben Kinde als das Buntere und Lustigere erschien“, erinnert er sich in seinen posthum erschienenen „Zwei autobiografischen Schriften“. Doch ihm fehlt das Talent für eine große Karriere. Einen Aufenthalt in München, wo er sich künstlerisch weiterbilden will, muss er 1842 aus finanziellen Gründen abbrechen. Mit 23 Jahren ist Keller ein vielfach Gescheiterter.

Für die deutschsprachige Literatur erweist sich dieser Fehlstart ins Leben als Glücksfall. Keller, der Loser, der Mann mit dem cholerischen Temperament, beginnt zu schreiben. Erste Gedichte entstehen. Romantische, politische, in denen er aus seiner freigeistigen, antikonservativen und antireligiösen Einstellung keinen Hehl macht. „Ich habe nun einmal großen Drang zum Dichten“, notiert er nach seiner Rückkehr aus München in sein Tagebuch. „Warum sollte ich nicht probieren, was an der Sache ist? Lieber es wissen, als mich vielleicht heimlich  immer für ein gewaltiges Genie halten und darüber das andere vernachlässigen.“ 1845 erscheinen in der Reihe „Deutsches Taschenbuch“, herausgegeben von seinem früheren Lehrer und dem späteren Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung, Julius Fröbel, seine ersten Gedichte. Auch im Folgeband ein Jahr später ist er mit mehreren Beiträgen vertreten.

Keller festigt seinen Ruf als politischer Lyriker mit rotzfrechen Gedichten wie „Sie kommen, die Jesuiten!“. Es wird erstmals 1844, vier Jahre vor Ausbruch der Märzrevolution,  in der Beilage der „Freien Schweiz“, einer „politisch-literarischen Wochenschrift“, veröffentlicht. Zwei Jahre später findet es Eingang in seinen ersten Gedichtband. Der Atheist Keller macht darin keinen Hehl aus seiner Verachtung für die verhassten Ordensbrüder. So heißt es: „Von Kreuz und Fahne angeführt,/ Den Giftsack hinten aufgeschnürt,/ Der Fanatismus ist Profoß,/ Die Dummheit folgt als Betteltroß -/ Sie kommen, die Jesuiten!“

Nachhaltig tragen zu seinem Ruhm jedoch seine Prosaarbeiten bei, allen voran „Der grüne Heinrich“. Das autobiografisch geprägte Werk, von dem zwei Fassungen existieren, gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Bildungsromane und gehört bis heute zum Literaturkanon aller angehenden Germanisten. Die vier Bände der ersten Fassung erscheinen zwischen 1854 und 1855, doch Keller hatte bereits nach seiner Rückkehr aus München über „einen traurigen  kleine Roman über den tragischen Abbruch einer jungen  Künstlerlaufbahn“ nachgedacht. Protagonist ist Heinrich Lee, ein gescheiterter Kunstmaler, der nach sieben Jahren in der Fremde nach Hause heimkehrt und seine geliebte Mutter tot findet. Kurz danach stirbt auch er – ein Finale, das Keller selber schon kurz nach der Veröffentlichung als „zypressendunkel“ empfindet. Mit 60 Jahren beginnt er schließlich, den Ladenhüter, von dem sich innerhalb von 20 Jahren nur 900 Exemplare verkauft haben,  zu überarbeiten. In dieser zweiten Fassung trifft Heinrich seine Mutter noch lebend an und findet ein spätes Glück mit seiner Jugendliebe Judith.

Kellers eigenes Schicksal wendet sich erst, als er 1861 beim Kanton Zürich eine gutbesoldete Stelle als Erster Staatsschreiber antritt. Hinter ihm liegen Jahre der Armut, in denen er versucht, sich in Zürich, Heidelberg und Berlin als freier Schriftsteller über Wasser zu halten. In dieser Zeit entstehen die ersten Geschichten der berühmten Erzählsammlung „Die Leute von Seldwyla“: „Romeo und Julia auf dem Dorfe“, „Die drei gerechten Kammmacher“, „Spiegel das Kätzchen“. Weitere Novellen aus dem Seldwyla-Kosmos folgen in den 1870er Jahren, darunter Kellers wohl bekannteste Erzählung „Kleider machen Leute“.

Bis heute gilt Gottfried Keller als einer der bedeutendsten Vertreter des bürgerlichen Realismus. Seine Werke werden nach wie vor an Schulen und Universitäten gelesen – auch wenn man für die rund 1400 Seiten des „Grünen Heinrich“ einen langen Atem braucht.

Petra Pluwatsch

http://www.ksta.de

Die Werkausgabe in sieben Bänden ist im Suhrkamp-Verlag erschienen. „Der grüne Heinrich“ liegt darin in beiden Fassungen vor. Die kritische Ausgabe orientiert sich an den von Keller autorisierten Drucken unter Berücksichtigung der Handschriften.

Zuletzt erschien im Frühjahr die Erzählung „Kleider machen Leute“ mit Illustrationen von Ulrike Möltgen in der Insel-Bücherei  (80 Seiten, 16 Euro).

Keller-Kleidermachen

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