Es darf gefeiert werden: 30 Jahre Literatur-Atelier Köln

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Foto: Bücheratlas

Warum soll ich das lesen? Das sei, schreibt Ulla Lenze, eine im Jahre 2002 „gern geäußerte Frage“ im Kölner Literatur-Atelier gewesen. Womöglich ist sie dies sogar heute noch. Denn so schlecht ist die Frage gar nicht. Zumal dann nicht, wenn sich eine Autorin oder ein Autor noch nicht sicher ist, was vom eigenen Text zu halten ist. Da kann es durchaus hilfreich sein, den Dialog zu suchen mit Menschen in einer ähnlichen Schreibsituation. Einen solchen Ort des geschützten Austauschs bietet seit nunmehr 30 Jahren das Literatur-Atelier. Das wird jetzt mit einer Veranstaltung im Literaturhaus Köln gefeiert. Und überdies mit einer überschäumenden Anthologie, in der 44 Autoren zu Wort kommen.

Den Band „Über die Verhältnisse“ leitet Ekkehard Skoruppa mit einem Schnelldurchlauf ein: Was bisher geschah. Skoruppa hatte 1989 auf Anregung von Uta Biedermann, der auch die Reihe „Literatur in Köln“ zu verdanken ist, und gemeinsam mit Norbert Hummelt das Atelier gegründet. Das Prinzip: „Voröffentlichkeit“. Einmal im Monat werden zwei frische Texte vorgestellt, über die dann die beisitzenden Kolleginnen und Kollegen reden. Die Text-Lieferanten selbst dürfen sich erst zum Schluss einbringen. Jeweils zwei Moderatoren führen durch die Abende – neben dem weiterhin aktiven Skoruppa waren das in der Vergangenheit Norbert Hummelt, Martin Hielscher und Jo Lendle. Aktuell ist Liane Dirks mit an Bord.

Was man sich so wünscht, wenn man Geburtstag hat? „Eine dauerhafte Finanzierungsperspektive fehlt“, schreibt Skoruppa, „Gelder müssen Jahr für Jahr neu beantragt werden.“ Immerhin – das Kulturamt der Stadt und die Kunststiftung NRW seien stets freundlich gestimmte Adressaten. Gleichwohl wird um des Nachdrucks willen noch Marcel Beyer ins Feld geführt. Auch der Büchnerpreisträger – ehedem Mitglied des Ateliers – wünscht der Institution „endlich eine dauerhafte finanzielle Zukunftsperspektive“.

Die Anthologie ist nun ein feiner Leistungsnachweis. Und pures Speeddating. Kaum hat man sich in einen Text eingelesen, wird man auch schon wieder herauskatapultiert und auf einen neuen Planeten geschossen. Denn jeder Autor hat in der Regel nur drei, vier Seiten, auf denen er sich mit seiner Prosa oder Lyrik präsentieren kann (leider fehlen die Hinweise, aus welchen Zusammenhängen die Beiträge stammen). Das hat einen schönen Effekt: Die Vielzahl an Positionen und Perspektiven sorgt für ein gutes Gefühl der reizvollen Fülle.

Was einem da nicht alles um die Augen und Ohren fliegt. Meistens Gegenwärtiges, gelegentlich auch Historisches mit dem Link zum Hier und Heute. Tilman Strasser beobachtet einen Bandenboss beim Beweinen eines Frühstückseis und Marcel Beyer entdeckt den Esel als „Texttier“, Hans Schneiderhans erinnert an Marlies und Amelie Soyka an Gartenopa und Oma Lotte, Hermann Ühlein dichtet (titelgebend) über die Verhältnisse und Agnieszka Lessmann buchstabiert das Flüchtlingsleid, Barbara Zoschke beschreibt das Abhandenkommen einer Nase und Ruth Löbner bereitet die Pommes zur Feier des Tages in der Fritteuse (nicht im Backofen) zu, Ulrike Anna Bleier schildert einen Sturz und Mia Frimmer einen Missbrauch, Martin Madler sichtet einen alpinen Stellungskrieg und Joachim Geil den reisenden Goethe beim Verzehr eines Pfirsichs, Sabine Schiffner platziert ihre Verse am Friesenplatz und Norbert Hummelt die seinen in Nippes und in Chorweiler, Adrian Kasnitz entdeckt Wolken am Brüsseler Platz und Thorsten Krämer einen nackten Mann hinter Schlebusch, Lydia Koelle begleitet Mascha ins Kinderkrankenhaus und Sophie Reyer geht mit Adelhaid in den Wald, Doris Konradi lässt für die Schönheit fasten und Ulla Lenze für das Rückenwohl beten. Und hier haben wir ja erst rund die Hälfte der Texte angerissen. Was noch? Viele und vieles: Sekten, Identitäten, Hebräisches, Spukhaftes, New York, Japan, Zentralamerika…

Auch vom Schreiben ist die Rede. Marie T. Martin vermerkt in einem zehnteiligen Kurzroman auf eineinviertel Buchseiten: „Zwischen den Fingern entfaltet sich der Weltraum.“ Bettina Hesse lässt ihre Erzählerin behaupten: „Nur selbst Erlebtes ist spannend.“ Dieter M. Gräf empfiehlt die Lektüre von Rolf Dieter Brinkmann als „Hilfsmittel gegen Weichspülerei und Anpassungssucht“. Und das Gedicht zum Jubiläum kommt von Hanser-Verleger Jo Lendle. Das beginnt so: „Wenn du glaubst, jedes Wort sei geschrieben/ in jeder Abfolge des Abc,/ dann bist du nicht lange geblieben/ im Literaturatelier.“

Martin Oehlen

http://www.ksta.de

Einen Abend zum Jubiläum mit Liane Dirks, Bettina Hesse, Norbert Hummelt und Ekkehard Skoruppa gibt es am 19. Mai um 18 Uhr im Literaturhaus Köln (Großer Griechenmarkt 39).

Liane Dirks und Bettina Hesse (Hg.): „Über die Verhältnisse – 30 Jahre Literatur-Atelier Köln“, Dittrich Verlag, 240 Seiten, 12 Euro.

Dirks

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