Rosa Monster im Brüsseler Brotkorb – Auf Bruegels Spuren (1)

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Der Heilige Aubertus bietet einer angelnden Bruegel-Figur Unterschlupf in seinem Brotkorb. Foto: Bücheratlas

1. Kappellenkirche und Schloss Gaasbeek

Die Welt steht Kopf. Mitten in der Kapellenkirche von Brüssel. Ausgerechnet  an diesem Ort der Stille treiben sich zur Zeit zehn Gestalten aus Pieter Bruegels Gemälden herum. Wer sie entdecken will, muss gar nicht angestrengt suchen. Denn die Fabelwesen sind zwar klein, aber so bunt und knuffig, dass sie schnell ins Auge fallen. Ein kugelrunder und bis auf den Helm splitternackter Soldat klebt an einem Pfeiler und reckt sein Schwert einem Totenkopf entgegen. Und beim Standbild des Heiligen Aubertus, des Schutzheiligen der Bäcker, hat es sich ein fischgesichtiger und rosaroter Dämon im steinernen Brotkorb bequem gemacht.

„Die große Flucht“, wie sich diese Schnitzeljagd im Kirchenraum nennt, ist nur eine von vielen Aktivitäten in Flandern, um das grandiose Werk von Pieter Bruegel dem Älteren zu feiern. Anlass dafür ist der 450. Todestag des Künstlers, der am 9. September 1569 in Brüssel gestorben ist. Dass auch in der Kirche Unserer Lieben Frau von der Kapelle an ihn erinnert wird, ist nur korrekt. Denn hier hat er im Jahre 1563 Mayken Coecke geheiratet, die Tochter seines ehemaligen Lehrers Pieter Coecke van Aelst. Und hier liegt er begraben – wo genau, ist allerdings unbekannt. In einer Nische hängt eine Gedenktafel aus dem Jahre 1934. Darauf empfiehlt der Dichter Felix Timmermanns, nicht im Osten oder Süden nach Künstlergröße zu suchen, da man doch einen Bruegel in den eigenen Reihen habe, vor dessen Genialität die ganze Welt den Hut ziehe. Mit seinen Worten: „Want heel de wereld neemt zijn hoed af voor uw genie.“

Das ist auch heute noch der Fall. Weltweit. Aber eben auch in seiner Heimat, die ja nicht arm ist an großen Meistern. „Warum identifizieren sich die Flamen vor allem mit Bruegel?“ fragt Luck Vanackere, der Direktor des prächtig renovierten Schloss Gaasbeek, das inmitten einer idealtypischen Bruegel-Landschaft mit Wiesen-Weiden-Weihern liegt. Nach einer Kunstpause gibt er sich selbst die Antwort. Bruegels Welt sei den Menschen näher als Jan van Eycks stille Religiosität, als die Prachtentfaltung bei Peter Paul Rubens oder als all das Aristokratische bei Antoon van Dyck. „Bruegel hat keine schönen Menschen gemalt“, sagt Vanackere, „überhaupt nicht.“ Weit sei sein Spektrum gewesen, von Fragen der Alchemie bis zu solchen der Identität. Und seine Bilder handelten „von unserem Bemühen, dem Leben einen Sinn zu geben.“

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Schloss Gaasbeek zeigt die Ausstellung „Feast of Fools“. Fotos: Bücheratlas

Nun feiert auch das 700 Jahre alte Schloss Gaasbeek mit der Ausstellung „Feast of Fools“ den Meister. Werke der Moderne, darunter Bauern-Porträts von August Sander oder Schreckensszenen von James Ensor, werden in Beziehung gesetzt zum Lieblingskünstler der Flamen.

Martin Oehlen

http://www.ksta.de

Informationen zu den Ausstellungen, die in dieser und den anderen Folgen erwähnt werden: 

Sammlung der Königlichen Museen der Schönen Künste von Belgien, Regentschapsstraat 3 in Brüssel,  täglich geöffnet außer Montags

„Die große Flucht“ in der Kapellenkirche, Kapellemarkt in Brüssel, bis Ende 2019

„Beyond Bruegel“ im Dynastiegebäude, Kunstberg 5 in Brüssel, bis 31. 1. 2020

„Prints in the Age of Bruegel“, Kulturzentrum Bozar, Ravensteinsstraat 23 in Brüssel, bis 23. Juni 2019

„The World of Bruegel in Black and White“, Königliche Bibliothek, Kunstberg in Brüssel, 15. 10. 2019 bis 16. 2. 2020

„Back to Bruegel“ im Hallepoort, Zuidlaan 150 in Brüssel, 18. 10. 2019 bis 18.10. 2020.

 „Feast of Fools: Bruegel rediscovered“ im Schloss Gaasbeek, Kasteelstraat 40 in Gaasbeek, bis 28. Juli 2019

“Bruegel’s Eye: Reconstructing the Landscape”, Dilbeek, bis 31. 10. 2019

 „The World of Bruegel“, Freilichtmuseum Bokrijk, Bookrijklaan 1 in Genk, bis 20. 10. 2019

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