Michelle Obama über den „Frauenfeind“ im Weißen Haus und den Literaturfreund an ihrer Seite

 

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Nur eine Fahne im Wind? Die USA vermitteln zu Beginn des 21. Jahrhunderts sehr unterschiedliche Weltsichten.   Foto: Bücheratlas

Vor allem Ehrgeiz. Das  ist der Begriff, den Michelle Obama in ihrer Autobiographie „Becoming –  Meine Geschichte“ vorzugsweise  propagiert. Kein krankhafter Ehrgeiz, keiner, der einem die Gesichtszüge verzerrt. Vielmehr geht es der  US-Amerikanerin darum, sich lebenslang  zu bemühen, zu streben, sich weiterzuentwickeln. Das Werden habe nie ein Ende, meint sie. Oder in den Worten von Olli Kahn: Weiter, immer weiter!

In aller Regel hat Michelle Obama (geborene Robinson) erreicht, was sie erreichen wollte. Und dass sie ganz zu Beginn  der Grundschule einmal Probleme hatte, das Wort  „White“ zu entziffern, scheint sie noch heute umzutreiben. Aber ansonsten war alles ziemlich cool – auch das Leben als First Lady der USA. Dass sie nicht als Präsidentin kandidieren will, wie sie auf Seite 535 versichert, mag allen heimlichen und unheimlichen Aspiranten für das Amt eine Beruhigung sein. Denn Michelle Obama bekommt ja meistens, was sie will. Den amtierenden Präsidenten  bezeichnet sie im Übrigen als „Rüpel“ und  kann nicht begreifen, was vor allem so viele Frauen bewogen hat, „einen Frauenfeind zum Präsidenten zu wählen.“

Selbstbewusst erzählt Michelle Obama aus ihrem Leben und versichert, dass  sie „vieles zu sagen“ habe.  Das Klavierspiel  begann sie im Alter von vier Jahren, war später oft nah dran, „Einserschülerin“ zu sein, und rauchte als Teenager Gras mit ihrem Freund David.  Dann tauchte  Barack Obama  in der Anwaltskanzlei auf, in der sie angestellt  war. All das Lob, das sie vorab über ihn vernommen hatte, machte sie skeptisch: „Meiner Erfahrung nach brauchte man irgendeinen halbwegs intelligenten schwarzen Mann nur in einen Anzug stecken, und schon flippten die Weißen aus.“

Dann  aber bemerkte sie, dass dieser Bücher liebende Barack, eine „tödliche Mischung aus sanft und vernünftig“ war. Das muss bei der Verabredung zum ersten Date eine Rolle gespielt haben. „Und auf einmal war alles klar.“

Das Leben mit Barack würde nie langweilig sein – dessen war sie sich schon früh gewiss. Was das konkret bedeuten sollte? „Irgendeine Version von bananengelb und leicht haarsträubend“. Das Paar lernt, miteinander zu streiten, und  eine Eheberatung wird auch einmal in Anspruch genommen. Dann spricht Barack Obama zur Eröffnung des Parteitags der Demokraten  im Jahr 2004. Fulminante 17 Minuten lang. Anschließend sei der Lärm „ohrenbetäubend“ gewesen, schreibt Michelle Obama: „Rückblickend war das wohl der Moment, in  dem ich mich von der Vorstellung verabschiedete, sein Kurs könnte sich noch ändern und er würde vielleicht doch irgendwann allein mir und den Mädchen gehören.“

Die Leselust des späteren Präsidenten wird mehrfach erwähnt: „Sein Geld steckte er hauptsächlich in Bücher, die für ihn fast sakrale Objekte waren und ihm geistige Nahrung lieferten. Er las oft bis spät in die Nacht. Meist arbeitete er sich noch lange, nachdem ich schon eingeschlafen war, durch geschichtliche Werke, Biografien, aber auch durch Toni Morrisons Romane. Täglich las er mehrere Zeitungen von der ersten bis zur letzten Seite. Er behielt die aktuellen Buchrezensionen, die amerikanische Baseball-Liga und die politischen Aktivitäten der Stadträte der South Side im Auge.“ Und siehe da – das Vorbild wirkt auf Michelle Obama: „Baracks Begeisterung fürs Lesen hatte eine neue Liebe zu Büchern in mir entfacht.“

Zum Lesen kam das Reisen. Obama verrät eine für sie  typische Erfahrung  beim Unterwegssein:  Das sei der Moment, in dem einem das Fremde beziehungsweise die eigene Fremdheit bewusst werde. Sie schreibt: „Jetzt, da ich öfter in fremden Ländern unterwegs gewesen bin, weiß ich dieses Gefühl mittlerweile zu schätzen, diese einzigartige Weise, wie sich ein neues Land sofort bemerkbar macht, unumwunden, ohne Maske. Die Luft hat eine andere, unvertraute Schwere, sie duftet nach Unbekanntem, vielleicht ein bisschen nach Holzrauch oder Dieselabgasen oder süß nach irgendetwas, das gerade in den Bäumen blüht. Hier geht dieselbe Sonne auf, doch sie sieht etwas anders aus, als du sie kennst.“

Nun  ist Michelle Obamas Autobiographie auf dem Markt. Eine leichte, aber keineswegs langweilige Lektüre.  Und selbstverständlich ist es ein Weltbestseller geworden. Das war sie ihrem Ehrgeiz schuldig.

Martin Oehlen

http://www.ksta.de

Michelle Obama: „Becoming – Meine Geschichte“, dt. von Harriet Fricke und fünf weiteren Übersetzern, Goldmann, 544 Seiten, 26 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

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