Jürgen Beckers Losung: „Immer neu anfangen“

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Stadtlandschaft mit Autor – ein Suchbild. Jürgen Becker gönnt sich noch eine Zigarette vor der Verleihung des Georg-Büchner-Preises im Jahre 2014 in Darmstadt. Die Rede, die er bei dieser Gelegenheit gehalten hat, findet sich in dem Band „Gelegenheiten“. Fotos: Bücheratlas

Warum schreiben? Dieser Frage ging Jürgen Becker auf den Grund, als er  seine  Dankesrede zur Verleihung des Büchnerpreises hielt, der bedeutendsten literarischen Ehrung in Deutschland. „Vielleicht, um mich besser kennenzulernen“, sagte er, „und wenn dabei so etwas wie ein Bild von den Widersprüchen der eigenen Identität entsteht, vielleicht erkenne ich dann besser, was in meinen Zeitgenossen vor sich geht, was sie von sich geben in ihren emotionalen Gleichgewichtsstörungen, wie ihr Leben verläuft in einer Gegenwart, in der das Vergangene stets dabei und der Schatten der Geschichte mit unterwegs ist.“

Die  Rede, vor vier Jahren in Darmstadt gehalten, bildet jetzt den Schlussstein des Bandes „Gelegenheiten“. Erstmals werden darin wegweisende  Aufsätze und Gespräche, Reden und Rezensionen des in Köln lebenden Lyrikers, Erzählers und Hörspiel-Autors  versammelt.  Gabriele Ewenz, Leiterin des Literatur-in-Köln-Archivs der Stadtbibliothek, gibt die Edition heraus, die  fast sechs Jahrzehnte öffentlicher Einmischung dokumentiert. Eine repräsentative Auswahl soll es sein, schreibt Ewenz im Nachwort, die im kleinen Format die Elemente widerspiegelt, die für Beckers Werk bezeichnend sind: „Für ihn ist die Literatur immer Topografie und Erinnerung, Landvermessung und Rekonstruktion in einem.“

Was bei Lektüre dieses „Parallelwerks“ auffällt: Beckers Engagement zielt in der Regel auf die Literatur, auf Ansichten über Bücher von Kollegen und auf Selbstauskünfte zur Arbeit des Schriftstellers. Auch denkt er häufig nach über  andere Künste,  über  Malerei und  Fotografie.  Allerdings neigt er – anders als einst die etwas älteren Kollegen Grass und Böll und Lenz – nicht dazu, für eine Partei  in den Wahlkampf zu ziehen oder sich emphatisch über Irrungen und Wirrungen der Weltpolitik zu äußern. Dass freilich Politik als  Vergangenes und Gegenwärtiges in seiner Dichtung aufscheinen,  der Zweite Weltkrieg ebenso wie die deutsche Wiedervereinigung, steht  außer Frage.

Ein frühes Rundfunk-Manuskript, 1960 verfasst für den WDR, widmet sich einer Ausgabe mit Werken von Yvan Goll. Zwar übt Becker Kritik an der Gestaltung des Bandes, doch weiß er um dessen bildende Bedeutung. Vieles sei  nach dem nationalsozialistischen  Kahlschlag  neu zu erkunden, meint er: „Wieder ist festzustellen, dass die Folgen der deutschen Kunstdiktatur der 30er und 40er Jahre sowie deren Folgen nach wie vor wirksam sind.“ Zu viele Einzelwerke seien verschollen, zu viele Dichter zu Unrecht vergessen.

Doch gilt Beckers Interesse gleichermaßen den frischen  Stimmen und Formen. Das Verlangen nach einer neuen Literatur  bricht sich  hier am deutlichsten Bahn in dem Beitrag „Gegen  die Erhaltung des literarischen status quo“ von 1964. Kraftvoll geht es los: „Kaum erscheint noch ein Roman von Rang, dem nicht anhaftet der Makel eines partiellen oder auch gründlichen Misslingens.“ Der Romanschreiber habe die Übersicht über die Wirklichkeit verloren, lesen wir, sei nicht mehr repräsentativer Sprecher einer Gesellschaft. Der Ausweg? Becker plädiert für Risse und Brüche in den vorgeprägten Erzählformen.  Er selbst tritt im selben Jahr mit dem experimentellen Prosa-Band „Felder“ hervor.

Spannend sind in dieser Sammlung auch seine Beiträge zur bildenden Kunst. Mit Gerhard Richter blättert er durch dessen Foto-Album. Richter habe die DDR, schreibt Becker, „aus ästhetischen Gründen verlassen, im Widerspruch gegen eine Ideologie, die alles künstlerische Sprechen reglementierte.“ Anschließend habe der Maler „mit dem Rücken zur DDR“ gelebt. Becker sieht da die Parallele zu seiner eigenen Existenz, lebte er doch in Jugendjahren „im ostzonalen Thüringen“, ehe die Familie heimwärts fuhr nach Köln.

Dann „das Wunder der Einheit“. Jedoch, heißt es in diesem Beitrag von 2004: „Die Geschichte der Trennungen, noch hört sie nicht auf, vielleicht nähert sie sich einem Ende, wenn unsere Nachkommen einmal damit umgehen wie mit einem alten, ramponierten Fotoalbum, in das die eigene Erinnerungsspur nicht mehr hineinführt.“ 

Was die  Wiedervereinigung nicht alles ermöglicht hat! Auch den ersten Roman von Jürgen Becker, zehn Jahre nach dem Mauerfall: „Aus der Geschichte der Trennungen“. Unter den Gesprächen im neuen Sammelband findet sich der Hinweis, dass das  Wiedersehen mit den Orten der Kindheit für den Roman  entscheidend gewesen sei: „Ich habe nicht viel erzählerische Phantasie; ich bin angewiesen auf Erlebtes und Erfahrenes, und indem all das, was ja auch vergessen und verloren schien, wiederkam, fand mein Schreiben eine neue, eine um Stoff und Inhalt angereicherte Dimension, die zwangsläufig nach weiträumigen Gebilden, nach romanhafter Prosa verlangte.“

Und weiter geht es, immer weiter. Das Alter halte ihn  nicht davon ab, sagte Becker 2014  am Ende seiner Rede zum Büchnerpreis,  „immer aufs neue anzufangen, im Zweifel nämlich, ob ich die entscheidenden Sätze überhaupt schon geschrieben, ob ich nicht zu vieles falsch gemacht habe“.  Was für ein großartiges Schreibmotiv, was für ein inspirierendes Lebensmotto, was für eine schöne Aussicht auf weitere Texte von Jürgen Becker.

Martin Oehlen

http://www.ksta.de

Jürgen Becker:  „Gelegenheiten – Aufsätze und Gespräche, Reden und Rezensionen“, hrsg. von Gabriele Ewenz, Suhrkamp, 416 Seiten,  18 Euro.

Becker

Premierenlesung: Autor und Herausgeberin stellen den Band vor am 1. November um 17 Uhr im Kölnischen Kunstverein (Hahnenstraße 6).  Der Eintritt zu dieser Veranstaltung des Literaturhaus Köln kostet 10 Euro (erm.  8 Euro).

 

 

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