Robert Seethalers Bestseller

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Fotos: Bücheratlas

Der erste Eindruck: dieser Roman gehört in den regentrübsten November. Denn „Das Feld“ von Robert Seethaler, auf der Bestseller-Liste in herrlichster Spitzenlage anzutreffen, spielt auf einem Friedhof und lässt nur Verstorbene zu Wort kommen. Aber dann der zweite und bleibende Eindruck: Weil diese Toten in ihren Redebeiträgen höchst lebendig  das  nahezu komplette Gefühlsregungsspektrum zwischen Liebe und Hass, Hoffnung und Enttäuschung abdecken, passt der Titel in jede Saison und in jede Bibliothek.

Seethaler selbst verweist darauf, dass die Grund-Idee nicht ganz neu ist. Da meint er nicht Thornton Wilders vor 80 Jahren uraufgeführtes Drama  „Unsere kleine Stadt“, an dessen Ende die Toten ins Leben zurückkehren. Ihn hat ein noch älteres Werk  inspiriert, der Frage nachzugehen, was  von den Erinnerungen eines Menschen bleibt:  „Vor über 30 Jahren kam mir »The Spoon River Anthology« aus dem Jahr 1915 in die Hände. Darin lässt der Amerikaner Edgar Lee Masters fast 300 Tote in kurzen Gedichten von ihrem Leben erzählen. Etwas Ähnliches wollte ich auch machen. Auf meine Art.“

Seethalers Art ist es, sich für die Prosa-Variante zu entscheiden und die Zahl der Toten auf 29 zu reduzieren. Im nur leicht variierten Tonfall kommen auf dem Friedhof –  ehemals  ein  Feld des Viehbauern Jonas, daher der Titel – verstorbene Einwohner von Paulstadt  zu Wort: Der Bürgermeister und der Pfarrer, Heide Friedland mit ihren  vermutlich 67 Männern („Auf einen mehr oder weniger  kommt es nicht  an.“) und Sophie Breyer, die nur ein Wort beisteuert: „Idioten.“ Andere mehr haben ihren Auftritt.

Melancholie  durchzieht dieses  Panorama der kleinstädtischen  Gesellschaft – wie sollte es auch anders sein unter  lauter Toten.  Dabei bewegt sich  Seethaler  nicht selten  an der Schwelle, „ziemlich gefühlsduselig“ zu werden – ein Wort, das die Lehrerin Hanna Heim einbringt.  Aber in diese Falle tappt der österreichische Autor  dann doch nicht.

Was die Toten  zu berichten haben, ist für jeden von ihnen erheblich. Gleichwohl sind ihre Geschichten, die einander  ergänzen,  nicht spektakulär (ja,  der Kirchenbrand ist schon speziell), sondern aus dem alltäglichen Erfahrungsschatz gespeist. Was allerdings bedauerlich ist: Die Toten kommen zu Wort, aber nicht miteinander ins Gespräch. Dabei wäre da so vieles zu bereden. Zu erklären. Zu verzeihen. Doch diese zweite Chance gibt es nicht in Seethalers Erfindung des Totenreichs. Auch dort nicht.

Martin Oehlen

http://www.ksta.de

Robert Seethaler: „Das Feld“, Hanser Berlin, 240 Seiten, 22 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

Seethaler

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