Alberto Manguel ist der Hüter des Büchergrals

 

Alberto Manguel 2018

Alberto Manguel meinte, als er sich für die Aufnahme von Pflanzen umgeben sah, dass man nun hoffentlich nicht meine, er sei „der grüne Heinrich“. Nein, das ist Alberto Manguel – der Freund der Bücher. Foto: Bücheratlas

Alberto Manguel (70) ist der Mann der Bücher. Das hat der Kanadier aus Argentinien, der unter anderem in Israel aufgewachsen ist, in vielen Texten nachgewiesen – zumal in seinem in 36 Sprachen übersetzen Weltbestseller „Eine Geschichte des Lesens“ und jetzt aufs Neue in „Die verborgene Bibliothek“. Was der Leser bei der Lektüre erfährt, nämlich eine begeisternde Fülle von literarischen Verweisen und Assoziationen, das bestätigt sich auch im Gespräch: Ja, dieser Alberto Manguel ist ein Mann der Bücher wie er im Buche steht – beispielsweise in Umberto Ecos „Der Name der Rose“. Mit dem italienischen Autor verbindet den Hüter des Büchergrals nun auch dies: Manguel erhält 2018 den Gutenberg-Preis der Stadt Mainz, den zuvor schon Eco erhalten hat.

Wie es so weit kommen konnte? „Jorge Luis Borges hat mich gelehrt: Es ist möglich, inmitten von Büchern zu leben, ohne sich schuldig zu fühlen.“ In seiner Generation wurde von einem Jungen erwartet, dass er Anwalt, Doktor oder Ingenieur werde. Wer eine künstlerische Neigung verspürte, habe allenfalls noch Architekt werden können. „Die Zeit mit Büchern zu verbringen, galt als verrückt – als eine Sache, mit der man sich außerhalb der Gesellschaft begibt.“ Doch Borges (1899–1986) habe ihm gezeigt: Es ist möglich. „Und dafür bin ich ihm ewig dankbar.“

Einige Jahre war Manguel Vorleser des legendären Autors und Bibliomanen, als der schon erblindet war. Im Jahre 2015 wurde er – wie Borges vor ihm – Direktor der Nationalbibliothek von Buenos Aires. Den Bestand hat er schnell und deutlich gesteigert. Im ersten Jahr kamen zu den fünf Millionen Büchern 10 000 hinzu, 2016 waren es dann schon 100 000, 2017 gar 200 000 – „und diese Zahl haben wir bereits jetzt, also im Mai, erneut erreicht“. Sein Eindruck: „Die Bibliothek explodiert.“ Am Flughafen der argentinischen Hauptstadt hat das Kulturministerium nun Hallen bereitgestellt, um jene Titel auszulagern, die nicht so häufig nachgefragt werden.

Manguel sorgt sich nicht um die Zukunft der Bücher und der Bibliotheken. „Ich sorge mich vielmehr um die Menschheit und frage mich, wie lange sie noch existiert. Aber solange es Menschen gibt, wird es auch Leser geben.“

Ein paar Probleme sieht er bei allem Lese-Optimismus dennoch. Zunächst einmal dieses: „Früher gab es viel mehr Räume der Ruhe – aber das ist vorbei. Wohin auch immer man sich begibt, in Cafés oder auf die Straße, vernimmt man Musik oder Lärm. Es klingt paranoid, aber ich halte das für einen Angriff auf die Rationalität. Denn das Denken muss sich in der Stille entwickeln.“ Und dann noch jenes: „Wir werden permanent abgelenkt – schon von Kindheit an. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts hatte ein Kind ein Buch oder ein Spielzeug, auf das es sich konzentrieren konnte. Heute ist das anders: Ich habe zwei Enkelinnen, bei denen permanent der Fernseher läuft und für die es immer neue digitale Angebote gibt.“ So etwas könne Folgen haben. Wenn Manguel Studenten unterrichtet, dann sind diese zuweilen nicht mehr in der Lage, lange Texte zu lesen. Und Bibliothekare hätten ihm berichtet, dass sie Studenten mittlerweile beibringen müssten, wie man mit einem Buch umgeht: „Sie nehmen den Titel, den es nicht im Internet gab, in die Hand und fragen dann den Bibliothekar, was sie damit anfangen sollen und wo sie die gesuchte Passage finden.“ Sie seien es nicht gewohnt, ein ganzes Buch zu lesen – und das auch noch ohne Eingabe eines Suchbegriffs.

Alles schwer nachvollziehbar für einen Leser wie Manguel. Der hat auch seine Rituale. Eines sei es, sagt, er, jeden Tag mit ein paar Seiten aus Dantes „Göttlicher Komödie“ zu beginnen. Mit Borges sei er sich einig, dass es die bedeutendste Schöpfung der Weltliteratur sei: „Wie nur konnte ein einzelner Mensch ein solch komplexes Wunderwerk erschaffen? Wenn ich darin morgens lese, dann reinige ich mein Gehirn.“ Eine zweite Gewohnheit ist es, in jeder Stadt erst einmal eine Bibliothek aufzusuchen. „Als ich gestern in Frankfurt gelandet war, bin ich sofort in die Nationalbibliothek gegangen.“ Was er bewundert: „Fantastisch ist, dass dort jedes Buch aufgehoben ist, das in Deutschland seit 1912 veröffentlich wurde.“ Das sei in Argentinien leider nicht der Fall.

Seine liebsten Bibliotheken? „Oh, auf jeden Fall gehört dazu die Huntington Library in Kalifornien. Ich finde, dass der Raum sehr wichtig ist für die Lektüre – und dort ist es so schön, dass der Geist beflügelt wird.“ Auf Platz zwei setzt Manguel die gläserne Biblioteca Vasconcelos in Mexiko-Stadt, die sehr elastisch auf Erdbeben reagieren kann, und auf drei landet die Stadtbibliothek von Stockholm, für die der Architekt Gunnar Asplund eine markante Rotunde konzipiert hat. Eine Lieblingsbibliothek in der Vergangenheit hat er auch – natürlich die im antiken Alexandria. Aber die verbrannte Bibliothek von Galen oder die Bibliothek von Aby Warburg, die assoziativ geordnet ist, lassen ihn nicht weniger schwärmen.

Seit Manguel vor einiger Zeit seinen Wohnsitz in Frankreich aufgegeben hat, lagern die 40 000 Bände seiner Privat-Bibliothek in Umzugskartons in Montreal. Dieser Umstand, der einen Büchermenschen nur betrüben kann, ist der Anlass für die jüngste Publikation. Darin macht er deutlich, dass eine Bibliothek als Autobiografie des Besitzers gelesen werden kann. Was dann die Abteilung mit Büchern auf Arabisch, das er nicht versteht, über ihn aussagt? „Das ist eben auch ein Aspekt meiner Identität: Ich liebe Bücher wegen der Texte, aber ebenso wegen ihrer schieren Existenz. Das ist meine Art des Fetischismus.

Alberto Manguel 2018-2

Finden Sie Alberto Manguel auf diesem Bild? Sollte das der Fall sein, könnte die Frage aufkommen: Ist der Mann auf der Flucht? Nein, Alberto Manguel strebt nach dem Gespräch der nächsten Bibliothek zu – da erwartet man ihn schon. Foto: Bücheratlas

„Die verborgene Bibliothek“, das neue Buch von Alberto Manguel, erscheint bei S. Fischer (186 Seiten, 18 Euro).

http://www.ksta.de/kultur/literatur–das-ist-meine-art-des-fetischismus–30409988

 

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