
Tanja Maljartschuk kann „den Sinn des literarischen Schreibens nicht mehr erkennen“. Seit bald vier Jahren nicht mehr. Genau genommen seit dem 24. Februar 2022, jenem Tag, an dem Russland die Ukraine überfiel. Was der Krieg in Putins Namen für ihr Schreiben bedeutet, legte die ukrainische Schriftstellerin nun an der Universität zu Köln dar. Unter dem Titel „Der Wal ist tot – Literatur als politisches Medium“ hielt sie zwei Vorlesungen von hoher Intensität – reich an Einsichten, Erfahrungen und Emotionen.
„Die ethischste Form des Schreibens“
Im Rahmen der alljährlichen TransLit-Poetikdozentur, die von Professor Christof Hamann vom Institut für deutsche Sprache und Literatur betreut wird, bekannte Tanja Maljartschuk: „Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine bezeichne ich mich als ehemalige Autorin.“ In den vergangenen dreieinhalb Jahren habe sie fast ausschließlich Essays, Vorträge und Zeitungsartikel geschrieben. Aufgetreten sei sie auch. Bei einschlägigen Anfragen habe sie zunächst jedes Mal erklärt, dass sie keine Expertin sei. Und doch habe sie die Einladungen nicht abgelehnt. „Ich begriff, dass schon meine bloße Anwesenheit die anderen davon abhielt, über die Ukraine als seelenloses Objekt zu sprechen, das einfach nur stört.“
Aber warum dieses literarische Verstummen in Zeiten des Krieges? Tanja Maljartschuk, die 2018 für ihre Erzählung „Frösche im Meer“ den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten und deren Roman „Der Blauwal der Erinnerung“ (KiWi) 2019 große Beachtung erfahren hat, formuliert es mit Vorsicht. Sie glaube, dass Metaphern und Zwischentöne, die der Literatur eigen sind, angesichts der existentiellen Bedrohung fehl am Platze seien. Stattdessen sei für sie das eindeutige Benennen der Dinge, der Ereignisse und der Menschen „die ethischste Form des Schreibens“. Sie sagt: „Im Frieden schenken Metaphern ästhetisches Vergnügen. Im Krieg bergen sie die Gefahr, die Wahrheit zu verzerren und sie zu missbrauchen.“
Sehnsucht nach Erzählung
Gleichwohl empfinde sie eine tiefe Sehnsucht nach Literatur, nach Erfindung und Erzählung. Auch deshalb habe sie die Einladung zur Poetik-Dozentur angenommen: „Mich interessiert, über die Bedeutungen nachzudenken, die ein literarischer Text in einer Welt, in der die ballistischen Raketen der Literatur weit überlegen sind, vielleicht doch noch bewahren kann. In einer Welt, in der die Freiheit – als Voraussetzung jeder Kreativität – mit zunehmendem Tempo erodiert.“
Immerhin – sie feiert die Literatur der anderen. Gemeinsam mit der Übersetzerin Claudia Dathe gibt sie im Wallstein Verlag eine achtbändige Reihe ukrainischer Klassiker in deutscher Übersetzung heraus. Diese Texte aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert sollten „endlich dorthin zurückkehren, woher sie einst vertrieben wurden: in den europäischen literarischen Kanon.“ Die beiden ersten Bände liegen bereits vor: die Erzählungen „Am Meer“ von Lesja Uktajinka und die Gedichte und Tagebücher „Flieg mein Lied, meine wilde Qual“ von Taras Schewtschenko.
„Gewalt hat mich als Autorin geformt“
Die meisten ukrainischen Autorinnen und Autoren, so sagte es die 1983 in der Westukraine geborene Tanja Maljartschuk, hätten nicht einmal ihr heutiges Alter erreicht. Ein Trauma. Das zeitigt Wirkung über Generationen hinweg: „Ich will mich nicht mit Gewalt identifizieren. Doch gerade die Gewalt – vor allem die politische – hat mich als Autorin geformt und lässt mich bis heute nicht los.“ Nicht nur hier lauschte das Publikum mit höchster Konzentration: kein fallender Stift, kein knarzender Stuhl, kein Hüsteln, nirgends.
Dankbarkeit empfinde sie vor allem gegenüber den „Trotz-allem-Schriftstellern“, sagte Tanja Maljartschuk. Es erstaune sie immer wieder, wie manche von ihnen die Kraft fanden, auf die Katastrophe mit Kunst zu antworten. Der Preis sei meist furchtbar hoch gewesen. „Doch die Texte, die sie hinterließen, lassen uns hoffen, dass ein solcher Kampf in einer anderen Dimension und Zeit mit einem Sieg enden könnte.“

George Orwells Kunst des Engagements
Ein Leuchtturm in der Finsternis ist ihr George Orwell. Es sei äußerst schwierig, sagt Tanja Maljartschuk, Literatur und politisches Engagement zu verbinden, ohne dass etwas Autoritäres oder Peinliches dabei herauskäme. Orwell sei dies gelungen: „Seine Literatur wurde durch diese riskante Verbindung weder plakativ noch flach, und seine politische Haltung verwandelte sich nicht in ein Geflecht aus inhaltsleeren Parolen.“
Auch habe sich George Orwell in seinem Essay „Im Bauch des Wals“ von 1940 mit der Frage befasst, wie man sich als Autor oder Autorin in grausamen Zeiten verhalten könne. Für Orwell wurde die biblische Geschichte vom Propheten Jona, der im Bauch des Wals geschützt ist vor dem wütenden Sturm, zu einem Sinnbild für jene Intellektuellen, die glaubten, „das Unheil aus sicherer Distanz überdauern zu dürfen.“ Orwell unterteilte Schriftsteller in zwei Kategorien. „Diejenigen, die die Realität ignorieren, sind wahrscheinlich Narren“, schreibt er. „Und diejenigen, die gegen sie kämpfen, haben vermutlich genug Weitblick, um zu erkennen, dass sie nicht gewinnen können.“
„Wir sitzen auf einer schmelzenden Eisscholle“
„Mein Verstand ist entsetzt über die Welt, wie sie geworden ist“, sagt Tanja Maljartschuk. „Mein Herz sehnt sich nach Geschichten und Metaphern, an die ich wieder glauben kann.“ Doch da ist nicht nur der Krieg in der Ukraine. Auch der Blick in andere Region ist eingetrübt. Die liberalen Demokratien, die das freie Schreiben ermöglichten, würden brutal attackiert, sagt sie. Ob diese Demokratien standhalten können, sei ungewiss. Schriftstellerinnen und Schriftsteller, so ihr aktueller Eindruck, „sitzen auf einer schmelzenden Eisscholle.“
Solange es Unfreiheit gebe, sagte Tanja Maljartschuk zum Abschluss ihrer Poetik-Vorlesung, werde Literatur unweigerlich politisch sein. Sie verändere nicht die Welt, sondern den Menschen, der sie lese. „Was dieser Mensch dann mit der Welt anfängt, bleibt nur ihm überlassen.“
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir schon einige Male über die Veranstaltungen der TransLit berichtet. Einfach einmal TransLit in die Suchmaske in der rechten Außenspalte eingeben – und staunen, was da alles auftaucht. Unter anderem Beiträge über Ann Cotten (HIER), Leif Randt (HIER), Kristof Magnusson (HIER) und Iris Hanika (HIER).
Zur Person
Tanja Maljartschuk wurde 1983 in Iwano-Frankiwsk im Westen der Ukraine geboren und schloss dort ein Philologie-Studium ab. Danach arbeitete sie als TV-Journalistin in Kiew. Seit 2011 lebt sie in Wien.
Auf Deutsch liegen ihre Werke im Residenz Verlag und im Verlag Kiepenheuer & Witsch vor. Dazu zählen der Roman „Biographie eines zufälligen Wunders“ (2013), der Band „Von Hasen und anderen Europäern – Geschichten aus Kiew“ (2014), der Roman „Blauwal der Erinnerung“ (2019) und die Essay-Sammlung „Gleich geht die Geschichte weiter, wir atmen nur aus“ (2022). Mit Claudia Dathe gibt sie seit diesem Herbst die „Ukrainische Bibliothek“ im Wallstein Verlag heraus.
Ausgezeichnet wurde die Autorin 2018 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis (für ihre Erzählung „Frösche im Meer“), 2023 mit dem Theodor Kramer Preis und 2024 mit dem Jeannette-Schocken-Preis.
Die TransLit-Poetikdozentur
wurde 2015 an der Universität zu Köln etabliert. Sie hat sich bislang vor allem Autorinnen und Autoren gewidmet, deren Dichtung auch in anderen Medien – Film, Musik, bildende Kunst – aufscheinen. Dies gilt nicht für das Werk von Tanja Maljartschuk. Stattdessen verweist Christof Hamann auf Transnationalität, Translingualität und transgenerationale Traumata in den Texten der Schriftstellerin.
Bisherige TransLit-Dozentinnen und -Dozenten
Marcel Beyer (2015, über ihn haben wir zuletzt HIER berichtet), Felicitas Hoppe (2016, über sie haben wir zuletzt HIER berichtet), Thomas Meinecke (2018), Kathrin Röggla (2019, über sie haben wir zuletzt HIER berichtet), Iris Hanika (2021), Kristof Magnusson (2022), Leif Randt (2023) und Ann Cotten (2024).
Weitere TransLit-Termine 2025
- 12. November 2025, 18 Uhr: Musik der ukrainischen Romantik, mit Anastasiia Haisiuk (Klavier) und Oksana Dondyk (Gesang). Zudem eine Lesung aus der Zeitschrift „die horen“ 3/2024 (Titel der Ausgabe: „Wenn die Wunden Vögel tragen – Landschaften der Ukraine“). Ort: Sancta Klara Keller
- 19. November 2025, 18 Uhr: „Bilder gegen den Krieg“ – Illustrationen von Anna Sarvira. Dazu ein Gespräch der Künstlerin mit Ute Wegmann
Ort: Lew Kopelew-Forum - 3. Dezember 2025, 19.30 Uhr: Lesung und Gespräch mit Tanja Maljartschuk. Moderation: Antonius Weixler. Ort: Literaturhaus Köln
Danke für die Berichterstattung, hier und zu früheren Gelegenheiten.
Hoffen wir, dass Tanja Maljartschuk in nicht ferner Zukunft wieder wird sagen können: Ich bin Autorin.
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Sehr gerne geschehen! Und die Hoffnung teile ich entschieden. Beste Grüße, M. Oe.
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