All-Star-Treffen mit den Bachs, den Gottscheds und dem jungen Goethe: Angela Steidele feiert in ihrem Roman „Aufklärung“ die „hochgelahrten Frauenzimmer“

Angela Steidele Foto: Bücheratlas

Es ist so schwer, sich in diese Zeit zu versetzen“, klagt Dorothea Bach (1708-1774). Dabei liegt „diese Zeit“ noch gar nicht so lange zurück, als sich die „Jungfer Bachin“ den Erinnerungen an ihre Freundin Luise Gottsched (1713-1762) widmet. Um wieviel größer war wohl die Herausforderung für Angela Steidele, geboren im Jahre 1968, sich für ihren Roman „Aufklärung“ auf das Leipzig des 18. Jahrhunderts einzulassen! Zusammen freilich sind sie, die Romanautorin und ihre Romanerzählerin, stark genug, um ein farbenfrohes Zeitgemälde zu erschaffen.

„Ich habe mich halt so geärgert“

Angela Steidele befindet sich auf historischer Mission. Abermals bringt sie uns eine Frau aus der Zeit vor 1850 nahe. So wie sie es zuvor schon getan hat, als sie Catharina Linck (alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel), Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens sowie Anne Lister und Ann Walker aus dem Schatten der Vergangenheit ins Licht unserer Gegenwart geholt hat. Frauen seien damals, so sagte die Autorin anlässlich ihrer „Poetik der Biografie“ (HIER), „viel ungebärdiger gewesen als sie dargestellt werden.“

Das bezeugt auch die Geschichte der Luise Gottsched, die aus Danzig stammte und den Leipziger Literaturprofessor Johann Christoph Gottsched (1700-1766) geheiratet hat. Erzählt wird sie von Dorothea Bach, der Tochter aus erster Ehe des Thomaskantors Johann Sebastian Bach (1685-1750). Sie betreibt eine Art Faktencheck: „Ich habe mich halt so über die Biografie Luises geärgert, die der Professor veröffentlicht hat.“ Gottsched habe „ja eigentlich nur sein eigenes Leben geschildert und nennt es das Leben seiner Frau.“ Solche Ignoranz empört Dorothea umso mehr, da die Gottschedin die Karriere ihres Ehemannes mit allerlei Beiträgen gefördert hat.

„Sapere aude, sapperlot!“

Aufgetischt wird in diesem Roman ein dampfendes Leipziger Allerlei aus Kunst und Wissenschaft, Eitelkeit und Solidarität, Aufbruch und Reaktion. Sehr bekannte und kaum noch bekannte Personen finden hier zusammen. Männer geben den Ton an. Doch die scheinbar festgefügten Verhältnisse geraten ins Wanken. Das „Sapere aude!“ des Horaz, seine Wage-weise-zu-sein-Aufforderung, findet neuen Zuspruch. Professor Gottsched ruft es seinen Studenten zu: „Sapere aude, sapperlot!“

Da wird dann auch die Rolle der Frau neu bedacht. Nicht allenthalben. Aber da und dort. Ein guter Ort ist dafür der Salon der Schriftstellerin Christiane Mariane von Ziegler (1695-1760), damals „die berühmteste Frau Deutschlands“. Dorothea Bach imponiert besonders, „dass sie sich in den Vorreden zu ihren Büchern stets für die Bildung von Mädchen einsetzte, die schließlich mit dem gleichen Verstand wie die Knaben geboren würden.“ Tatsächlich scheint die Zieglerin ihrer Zeit weit voraus zu sein und sogar unsere Gender-Debatten zu führen: „Wer seine Vernunft gebraucht, kann die deutsche Sprache nicht geschlechtergerecht finden. Seine, verstehen Sie?“

„Jauchzet, frohlocket!“

Mit Luise Gottsched wohnt nun ein weiteres „hochgelahrtes Frauenzimmer“ in der Stadt. Da sorgt sofort für mehr Licht. Ja, die Ich-Erzählerin Dorothea wird sie gegen Ende des Romans gar als die gelehrteste Frau Europas bezeichnen. Die Gottschedin glaubt an die Kraft des Forschens und Denkens: „Mit der Zeit wird die Vernunft das Böse in der Welt überwinden, denn es ist unvernünftig, unlogisch und kann daher keinen Bestand haben.“

Beim Thomaskantor Bach führt sie sich damit ein, dass sie ihm das Libretto für sein Weihnachtsoratorium in Schwung bringt. Bei dieser nicht nachweisbaren Neuigkeit könnte man aus lauter Überraschung in den Gesang einstimmen: „Jauchzet, frohlocket! / Auf, prei-set die-hie Tage!“ Der Meister selbst ist beeindruckt: „Die hat’s ja faustdick hinter den Ohren.“

Die Briefe in drei Bänden

Tatsächlich kann Luise Gottsched am Ende ihres Lebens auf zahlreiche Veröffentlichungen verweisen, auf Gedichte und Dramen, Aufsätze und Übersetzungen. Und die vielen Briefe, die sie schrieb, veröffentlich ihre Freundin Dorothee Henriette von Runckel (1724-1800) posthum in drei Bänden. Aus dieser Korrespondenz hat Dorothea dann auch von der Liebe der beiden Frauen erfahren.  

Die Geschichte, die hier erzählt wird, steht auf einem festen historischen Fundament. Zahlreiche Quellen werden zitiert, und wo es sich anbietet, werden sogar Anmerkungen am Fuß der Seite gemacht. Dass es gleichwohl ein Roman ist, der viele Details nur imaginieren kann, wird einige Male angedeutet. Am deutlichsten in der Selbsteinschätzung der Dorothea: „Ob ich meine Erinnerungen in Prosa, als Gedicht oder als Gespräch wiedergebe – ganz wahr werden sie nie sein, aber ganz falsch auch nicht.“

Das konnte selbst Goethe nicht wissen

Der Roman ist heiter und verspielt. Augenzwinkernd führt die Kölnerin Angela Steidele den Kölner Angelus Stadeler ein, der in Leipzig Mitglied der „Deutschen Gesellschaft“ werden möchte und über den es dann heißt: „Was nimmt sich eigentlich ein Kölner heraus, ein Buch über Leipzig zu verfassen?“  Lustvoll wird einige Male der Zeit vorgegriffen. Da verrät der junge Goethe: Immanuel Kant „wird mal was schreiben“ wie „Die Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Doch selbst ein Goethe konnte zu jenem Zeitpunkt in Leipzig nicht ahnen, was der Philosoph in Königsberg 20 Jahre später zu Papier bringen würde. Apropos große Namen: Das Personal-Tableau gleicht einem üppig arrangierten Blumenstrauß – Lessing, Voltaire, ach, selbst das „Wunderkind“ Mozart im fernen London wird erwähnt. Ein Leipziger All-Star-Treffen.

Stilistisch erlaubt sich Angela Steidele einige Verweise auf den zeitgenössisch-mundartlichen Wortschatz. Da wird „geäugelt“ und gesächselt, gebabbelt und „ges-tehen“ mit spitzem S artikuliert. Doch keine Bange: All das ist wohl dosiert. Es bleibt beim Hochdeutschen, dem lediglich der eine oder andere tonale Geschmacksverstärker beigemischt wird.

Was wahr und richtig ist

Ja, leichtfüßig kommt die „Aufklärung“ daher. Und ganz gegenwärtig. Das gilt selbstverständlich für die Erkundung der Geschlechterverhältnisse. Überdies für Intermezzi zu Urheberrecht, Raubkunst, Lichtverschmutzung oder öffentlicher Schmährede.

Vor allem aber rückt das Werk ins Bewusstsein: Das Projekt „Aufklärung“ ist nicht in der Vergangenheit verankert. Immer wieder aufs Neue muss gedacht und geprüft werden, was wahr und richtig ist. Darum ist dieser historische Roman, der die Aufklärung feiert und betreibt, ein Roman für unsere Zeit. Sapperlot!

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

haben wir über die Zuerkennung von einem der beiden Dieter-Wellershoff-Stipendien des Jahres 2021 an Angela Steidele für „Aufklärung“ berichtet, das da noch als Romanprojekt firmierte. Den Beitrag gibt es HIER.  

Außerdem haben wir Angela Steideles „Poetik der Biografie“ HIER vorgestellt.

Lesungen aus „Aufklärung“

An diesem Mittwoch um 19.30 Uhr im Kölner Literaturhaus (Moderation: Angela Gutzeit). Weitere Termine:  Verden/Aller am 22. 9. 2022 (Buchhandlung Heine), Düsseldorf am 25. 9. (Zentralbibliothek), Potsdam am 7. 10. 2022 (Literaturbüro Brandenburg), Leipzig am 18. 10. (Literaturhaus), Frankfurt am 21. 10. (Kunstverein), Schloss Elmau am 26. 10. Zahlreiche Termine folgen, unter anderem am 30. 11. 2022 in Bonn (Literaturhaus/Elisabeth-Selbert-Gesamtschule).

Angela Steidele: „Aufklärung“, Insel, 604 Seiten, 25 Euro. E-Book: 21,99 Euro. 

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