Das Leben der Anderen: Angela Steidele über Frauen, Reisen und die Poetik der Biografie

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Angela Steidele mit ihrem jüngsten Werk – der „Poetik der Biographie“. Foto: Bücheratlas

Biografien haben gerade Hochkonjunktur, sagte der Schriftsteller und Journalist Michael Kohtes auf dem Podium der Kölner Stadtbibliothek. Daraus leitete er die Frage ab: „Was interessiert uns so stark am Leben der Anderen?“ Ja, wer könnte darauf antworten?

Auf Einladung des Literaturhaus Köln und des Literatur-in-Köln-Archivs war Angela Steidele so frei. Und sie tat dies mit so viel Sachverstand, Witz, Charme und Souveränität, dass es Gewinn und Genuss in einem war. Eine sehr gute Wahl war Steidele zum einen, weil sie bereits einige Biografien über bislang wenig bekannte Frauen vorgelegt hat. Und zum anderen, weil sie zuletzt eine Poetik der Biografie vorgelegt hat. Zwar gebe es viele Beschreibungen von Roman oder Drama, sagte sie, aber nicht von der Biografie: „Das ist eine Leerstelle, in die hüpfe ich hinein.“

Biografien seien Mischwesen, meint die Autorin, die in Köln lebt. Zwei Denkungsarten fänden dort zusammen – die der Wissenschaft, die intensiv recherchiere, und die der Kunst, der es um ein attraktives Erzählen gehe. Elementar sei der Affekt, das Gefühl, den die darzustellende Person auf die Biografin oder den Biografen ausübe. Bei Steidele ist es so: „Ich verliebe mich in meine Heldinnen.“ Es müsse aber nicht immer Liebe sein. Es könne auch Abscheu sein – wie beim Historiker Ian Kershaw, der sich auf Hitler eingelassen habe.

Verliebt hat sich Steidele beispielsweise in Catharina Linck, Adele Schopenhauer, Sibylle Mertens. Und in Anne Lister, die den Frauen, dem Reisen und dem Schreiben zugetan war. Ein „lesbischer Casanova“, wie Moderator Michael Kohtes befand. Lister passt perfekt in Steideles „Suchraster“, denn die Autorin möchte „Frauen ausgraben, die vor 1850 Frauen geliebt haben.“ Für diese Jahresgrenze habe sie sich entschieden, weil zu wenig bekannt sei über homosexuelle Frauen aus jener Zeit. „Danach“, also nach 1850, sprudelten die Quellen. Sie aber wolle den frühen Lesben eine Stimme geben und damit eine Lücke in der allgemeinen Geschichte schließen: „Frauen waren viel ungebärdiger als sie dargestellt werden.“ Schon in ihrer Dissertation von 2003 befasste sich Steidele mit „Liebe und Begehren zwischen Frauen in der deutschsprachigen Literatur 1750–1850“.

In jede Biografie fließe die Autobiografie des Autors oder der Autorin ein, meint Steidele. Im Fall Lister sei es so, dass die Heldin des 19. Jahrhunderts und die Autorin des 21. Jahrhunderts die Biografie gemeinsam geschrieben haben. Denn wer eine andere Person porträtiere, bringe zwangsläufig sich selber in den Text ein. So deute sie historische Quellen mit dem Bewusstsein ihrer Gegenwart. Das mit der endgültigen Wahrheit müsse man sich abschminken, wenn man sich auf fremde Leben einlasse: „Cäsar wird alle 50 Jahre anders gesehen.“

Ein tolles Spiel treibt Angela Steidele mit ihrer jüngsten Heldin. Nachdem sie „Anne Lister – Eine erotische Biographie“ verfasst hatte, legte sie den Band „Zeitreisen – Vier Frauen, zwei Jahrhunderte, ein Weg“ nach. Darin begibt sie sich mit ihrer Frau Susette auf die Reise-Spuren von Anne Lister und deren Partnerin Ann Walker in den Kaukasus. Die Biografin legt dort ihre Karten offen. Deutlich wird, dass nicht jede Recherche zum Ziel führt: „Gab es 1840 einen Zinksarg in Georgien? Hab’s nicht herausgekriegt.“ So bleibt offen, auf welche Weise Anne Walker den Leichnam ihrer plötzlich verstorbenen Geliebten tausende Kilometer zurück nach Halifax in Yorkshire gebracht hat.

Nach dem Porträt-Band „Anne Lister“ (2017) und dem Reflexions-Band „Zeitreisen“ (2018) gibt es nun also auch noch den schmalen Theorie-Band zur Poetik der Biografie (2019). Ein komplexes Projekt, das kurzweilig vorgestellt wurde. Allein die Frage, warum wir so gerne Biografien lesen, wurde nicht ausführlich erörtert. Aber dass es mit dem Interesse am anderen Leben zu tun hat, das womöglich gar nicht so weit entfernt ist von dem eigenen, wurde schon deutlich. Schöner Abend.

Martin Oehlen

Angela Steidele: „Poetik der Biographie“, Matthes & Seitz, 106 Seiten, 12 Euro.

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