Ulla Hahn, das Eichhörnchen und die Rettung der Welt: „Tage in Vitopia“ ist ein Roman mit Venus und Jesus, Karl Marx und Kater Murr

Ist das nun der eigentümlichste Roman des Jahres? Vieles spricht dafür. Es ist nicht die Tatsache, dass hier ein Wendelin Kretzschnuss als Ich-Erzähler auftritt, auch wenn es sich dabei um ein Sciurus vulgaris handelt, einen gemeinen Schatten-Schwanz, also um ein Eichhörnchen, wie es uns aus Parkanlagen oder vom Balkon her bekannt ist. Tiere, die Geschichten erzählen, sind so selten nicht – da fällt uns spontan Matou ein, der Kater, der in Michael Köhlmeiers gleichnamigen Roman aus dem vergangenen Jahr durch die Zeitalter geeilt ist. Nein, im Falle von Ulla Hahns „Vitopia“ ist es so, dass einem das ganze Romanprojekt wie eine Flause in bester Absicht vorkommt, einerseits an die Vernunft appellierend und andererseits eine märchenhaft-babylonische Konstruktion errichtend.

Wendelin Kretzschnuss als Pionier

Es dauert in dieser Geschichte nicht lange, da sind Tiere und Menschen in der Lage, miteinander in einen Dialog einzutreten. Die Pioniere sind auf der einen Seite die Eichhörnchen-Familie in einem Hamburger Garten und auf der anderen Seite das Philosophen-Ehepaar (mit „riesigen Büchermengen“) in der zum Garten gehörenden Villa. Dass die Vornamen des freundlichen Paares Maria und Josef heißen, sollte man zur Kenntnis nehmen. Warum? Das verraten wir hier nicht. Allenfalls sei der Hinweis gewagt, dass uns am Ende des Romans ein Kind geboren wird – es heißt aber nicht Jesus.

Ulla Hahn hat ein Anliegen. Und dafür bringt sie Wendelin Kretzschnuss in Stellung – nur noch einmal zur Erinnerung: das Eichhörnchen. Die Autorin treibt die Sorge vieler Menschen um, dass wir uns über kurz oder lang selbst abschaffen, weil wir nicht sorgsam mit der Erde umgehen. Was wir alles falsch machen – von der Umweltverschmutzung über Friedlosigkeit bis zu Tierversuchen – führt die Autorin ein ums andere Mal an. Wiederholt verweist sie auf das Paradox, dass der Mensch sowohl zum Guten wie zum Bösen in der Lage ist. Und meistens kann man nur kopfnickend sagen: Ja, so sieht’s aus.

Vitopia tagt im Theater von Epidauros

Das ist der Ausgangspunkt der Erzählung: Dem Planeten droht der Kollaps – und der Eindruck kommt auf, dass das doch so nicht weitergehen kann! Ein Neustart muss her. Aus diesem Grund findet ein Kongress im Open-Air-Theater von Epidauros (Griechenland) statt. Der dauert und dauert. Am Ende füllt er fast den ganzen Roman. Da geht es Ulla Hahn wohl wie ihrem Wendelin Kretzschnuss: „Ihr merkt, ich kann mich nicht von euch losreißen …“

Allerdings ist der Kongress von einer Güte, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Nicht nur Mensch und Tier, die „Humans“ und die „Animals“, also die „Humanimals“, versammeln sich in einem surrealen Vitopia (von lateinisch Vita: das Leben). Vielmehr ist das ein „Ort wie im Märchen“, zu dem auch historisch-phantastische Lebewesen Zugang haben, unter ihnen Goethe und Hafis, Karl Marx und Thomas Morus, Kalif Storch und Kater Murr.  Auch Jesus von Nazareth nebst Ochs und Esel aus Bethlehem sind am Start. Zudem melden sich über- und außerirdische Gäste zu Wort, darunter Erdgöttin Gaia („Ihr macht mich krank.“) und der Nachbarplanet Venus.

Die Novis schlagen ein Friedensgenom vor

Schließlich mischen sich künstlich intelligente Wesen in den Kongress ein, deren Gestalt man nicht beschreiben kann, weil sie eine Mischung aus allem zu sein scheinen. Sie nennen sich die Novi Curiosi, die Neuen Neugierigen, kurz: die Novis. Diese „Gebilde“ haben eine prima Idee, um die Welt zu retten: ein Friedensgenom müsse in die DNA implantiert werden. Dann wäre nicht bald schon aller Tage Abend. Na dann: Her mit dem Paxgenom!

Wir sind sicher, dass Ulla Hahn jede Menge Schreib-Spaß mit „Vitopia“ gehabt hat. Nach Herzenslust führt sie Figuren ein – allerdings überwiegend aus der westlichen Sphäre, wenngleich es doch ums große Ganze geht. Sie lässt das Ober-Eichhörnchen munter philosophieren und gewährt ihm jede Menge Kulturgenuss – in der klassischen Musik ist es besonders fasziniert, der Name legt es nahe, vom Horn. Die Rheinländerin unternimmt Exkursionen zum Hambacher Fort, der zum neuen Hambacher Fest mutiert, und ebenso zum Liedgut der Bläck Fööss: „Wenn en Berkesdörp d’r Buur / Op d’r Huhzick danz“. Und wer tanzt zu dieser Weise? Keine Geringeren als Pegasus, Einhorn und Drache.

Fans und Stirnrunzler

Ebenso begeistert zitiert die Autorin Künstler, die ihr zusagen – von Heraklit über Hölderlin bis zur gerade mal wieder tourenden Band Kraftwerk. Selbstzitate gibt es zudem. Da preist sie die den Reiz der „Buchsteine“, die mit ihren feinen Linien im autobiographischen Bestseller-Roman „Das verborgene Wort“ (2001) eine so sprechende Rolle gespielt haben. Was sie nicht in der Erzählung unterbringt, fügt sie im Anmerkungsteil an. Dort allerdings werden Leserin und Leser vielfach auf Wikipedia verwiesen.

„Drum prüfe, wer sich lesend bindet“, ruft uns der Erzähler bereits im dritten Kapitel von insgesamt 36 Kapiteln zu. Okay. Kommen wir zur Wertung: Wir denken tatsächlich, dass es sich hier um den eigentümlichsten Roman der Saison handelt. Er wird seine Fans finden. Aber ebenso seine Stirnrunzler. „Vitopia“ ist eine Mischung aus Tagtraum und Predigt. Ein wohlmeinender Roman aus Eichhörnchenperspektive. Voller Optimismus bis zum Ende, an dem ein neuer Anfang steht.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

haben wir Ulla Hahns Lyrikband „stille trommeln“ besprochen – und zwar HIER. Außerdem findet sich auf dem Bücheratlas Beiträge über den biographischen Band „Über Geborgenheit, Heimat und Sprache“ (HIER) und einen besuch im Ulla-Hahn-Haus in Monheim (HIER).

Ulla Hahn: „Tage in Vitopia“, Penguin Verlag, 254 Seiten, 24 Euro. E-Book: 17,99 Euro.

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