Scheitern vom Urknall bis zum Beziehungsstress: 14 Illustratorinnen widmen sich im Magazin „Spring“ einem vertrauten Störfall

Bei Romy Blümel geht es in „Die Pazifisten“ um Krieg und Frieden. Repro: Bücheratlas aus dem besprochenen Band

Scheitern kann sehr kurzweilig und erhellend sein. Jedenfalls in den Fällen, in denen man lediglich als distanzierter Beobachter beteiligt ist. Ein Beispiel? Na, als Leserin oder Leser der jüngsten, nämlich 19.  Ausgabe des Magazins „Spring“ geht es schon ziemlich spannend zu. Darin widmen sich 14 Illustratorinnen diesem nur allzu menschlichen und allzu vertrauten Phänomen. Dabei geht die Tendenz dahin, das Scheitern nicht als große Chance schönzureden, sondern die Dinge beim Namen zu nennen und ins Bild zu rücken.

„Netzwerk für Zeichnerinnen in Deutschland“

Das Magazin „Spring“ wurde 2004 in Hamburg gegründet und wartet jeden Sommer mit einem neuen Band auf. Eine Besonderheit: Es sind ausschließlich Frauen, die sich hier jeweils einem Thema widmen – in Comics, Illustrationen und freier Zeichnung. Mittlerweile hat sich daraus – so die Eigendarstellung – „ein solides und wichtiges Netzwerk für Zeichnerinnen in Deutschland“ entwickelt. Auf diesem Blog haben wir unsere Begeisterung für diese Attraktion bereits formuliert – zuletzt HIER.

Das „Scheitern“ – abgeleitet von den Scheiten, die beim Zerhacken eines Holzstammes anfallen und auch schon mal einen Scheiterhaufen bilden konnten – wird in der aktuellen Ausgabe in vielen Größen und Härtegraden ins Bild gerückt. Mit anderen Worten: so individuell wie global. Und vor allem: in höchst unterschiedlichen Darstellungsformen. Vor unseren Augen schnurrt mal ein Comic ab, mal türmen sich abstrakte Gebilde auf und mal korrespondieren Darstellungen mit semi-wissenschaftlichen Texten. Apropos Texte: die werden zweisprachig, nämlich deutsch-englisch offeriert.

Carolin Löbbert eröffnet das Magazin mit einem Urknall. Repro: Bücheratlas aus dem besprochenen Band

Vom Urknall bis zum Untergang

Von a) shocking über b) anrührend bis c) lustig ist vieles drin. Mal dieser Reihe nach! A) In Carolin Löbberts „Just A Blink Of An Eye“ geht es vom Urknall über den aufrechten Gang bis zum Untergang, wenn nur noch Einzeller in Feuchtigkeitsresiduen dümpeln. B) Stephanie Wunderlich erzählt in einer Collage aus Fotos und Zeichnungen die gruselige Vertreibung ihrer Mutter nach dem Zweiten Weltkrieg aus Schlesien, die darüber geschwiegen hat, bis sich „ein Türchen“ öffnete, als sie 2015 das Schicksal der Flüchtlinge unserer Gegenwart wahrnahm. C) Und Maren Amini schildert in ihrer Bilderfolge „Das Kunstwerk“, wie der Traum eines jungen Genies von der Louvre-reifen Schöpfung jäh durch einen erwachsenen Betrachter zerstört wird, der da unumwunden fragt: „Hä? Was soll denn das sein?“

Oha – da kommt was auf uns zu. Julia Bernhard schildert in „Qualzucht“, wie Hunde leiden. Repro: Bücheratlas aus dem besprochenen Band

Manch weiteres Scheitern wird in diesem Band verhandelt: Kolumbus und Hölderlin ebenso wie Krieg und Ehezwist. Ein Sonderfall ist Julia Bernhards aufklärerischer, appellativer und mit Quellenhinweisen versehener Beitrag „Mopsfidel“, der sich gegen die „Qualzucht“ wendet, die vielen Hunden schadet und dem Mops nichts als Atemnot beschert. Wer solcherart auf den Hund kommt, ist offensichtlich gescheitert.

Ja, Scheitern ist jederzeit möglich. Im Kleinen wie im Großen. Umso mehr darf man sich über die jüngste „Spring“-Ausgabe freuen – das pure Gelingen.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

haben wir die „Spring“-Ausgaben zu den Themen „Gespenster“ (HIER) und „Arbeit“ (HIER) besprochen.

„Spring #19 – Scheitern“, mit Beiträgen von Almuth Ertl, Birgit Weyhe, Carolin Löbbert, Julia Bernhard, Katharina Kulenkampff, Katrin Stangl, Maki Shimizu, Maren Amini, marialuisa, moki, Nadine Pedde, Nina Pagalies, Romy ­Blümel und Stephanie Wunderlich, Mairisch Verlag, 240 Seiten, 26 Euro.

2 Gedanken zu “Scheitern vom Urknall bis zum Beziehungsstress: 14 Illustratorinnen widmen sich im Magazin „Spring“ einem vertrauten Störfall

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