„Putin ist ein Verbrecher“: Rafik Schami zu Gast in Köln mit einem Appell, Anis und Nudelsalat

Rafik Schami in Köln Foto: Bücheratlas

Erst einmal die brutale Wirklichkeit. Dann das amüsante Schweifen und Schwelgen im Anekdotischen. Der leidenschaftliche Erzähler Rafik Schami, auf Einladung der Buchhandlung Olitzky abermals zu Gast in Köln, bittet das Publikum im vollbesetzten Tersteegenhaus zunächst um Nachsicht. Bevor er sich auf die Reise in seine Kindheit in Syrien mache, sagt er, müsse er diese Überzeugung loswerden: „Putin ist ein Verbrecher!“

„Gegen die Gleichgültigkeit“

Der russische Präsident habe sich des Völkermords schuldig gemacht in Tschetschenien, in Syrien und jetzt in der Ukraine. „Das ist einer, der unbedingt Zar eines mächtigen Reiches sein möchte – aber das wird ihm nicht gelingen.“ Das könne er voraussagen, wenngleich er die Prophezeiung nur als Hobby betreibe. Allerdings geht Rafik Schami davon aus, dass Putin die Ukraine zerstören und Russland zugrunde richten werde. Wichtig sei dabei die Differenzierung: Die Schuldigen seien Putin, die Oligarchen und die Militärführung – aber nicht „die“ Russen.

Kritik übt der Autor an der Europäischen Union und den USA: „Was Putin so groß erscheinen ließ, war die Gleichgültigkeit des Westens über viele Jahre hinweg.“ Da denkt Rafik Schami auch an seine Heimat Syrien, wo Putin das Assad-Regime, das kurz vor dem Sturz gewesen sei, noch einmal gestützt habe. Wegschauen sei die falsche Reaktion, meint er. Wer sich der Gleichgültigkeit hingebe, so der Autor des im vergangenen Jahr publizierten Essays „Gegen die Gleichgültigkeit“ (Verlag Schiler u. Mücke), trage Mitschuld an Krieg und Mord.  

„Mein Sternzeichen ist der Regenbogen“

Sodann begibt sich Rafik Schami auf eine Reise in seine Kindheit in Damaskus. Dabei weist er auch auf seine jüngste Prosa-Veröffentlichung hin, den im vergangenen Jahr erschienenen Band „Mein Sternzeichen ist der Regenbogen“ (Hanser). Es sind durchweg amüsante Geschichten, die im Saal für gute Laune sorgen. Vom Großvater, dem man eine Brille in den Sarg legt, damit er auch im Paradies die Bibel lesen kann, vom Anis-Sieber, der die winzigen Pflanzen von Steinchen befreit, oder wie es dazu kam, dass eine einst gerade Straße plötzlich jede Menge Ausbuchtungen aufweist.

Der Großvater habe ihn davon überzeugt, wie schön das Erzählen sein könne, sagt der Autor. Auch wisse er von ihm, was einen exzellenten Erzähler ausmache. Erstens müsse er ein gutes Gedächtnis haben. Zweitens sollte er eine angenehme, jedenfalls nicht krächzende Stimme haben. Und drittens müsse er Respekt vor seinem Publikum haben – denn wenn der Erzähler nicht gut vorbereitet sei, falle das seinen Zuhörerinnen und Zuhörern sofort auf. Keine Frage, dass Rafik Schami hier in eigener Sache spricht. Weil er die drei genannten Voraussetzungen bestens erfüllt, hat er nicht nur mit seinen Büchern, sondern auch mit seinen Auftritten eine Fangemeinde gewonnen.

„Der“ Deutsche und „der“ Araber

Da juchzt dann die eine oder andere Person im Publikum auch mal auf, wenn Rafik Schami als zweite Zugabe die Geschichte vom „Nudelsalat“ ankündigt. Denn die gibt er nicht zum ersten Mal zum Besten. Aber weil er sie mündlich vorträgt, also nicht vom Papier abliest, kommt sie immer etwas anders daher. Die Kernbotschaft bleibt gleichwohl dieselbe: Die Kulturen sind verschieden – und das ist gut so.

Während „der“ Deutsche auch mal zu früh zu einem Besuch erscheint, weil eben doch kein Stau gewesen sei, kommt „der“ Araber, der für Mittwoch eingeladen worden war, erst am Samstag vorbei und erwartet vom Gastgeber nichts als große Freude über das Erscheinen. Und kein Gast komme im arabischen Raum auf die typisch deutsche Idee, Speisen mitzubringen, gar einen Nudelsalat.

Geboren zwischen März und September

„Eigentlich bin ich fertig!“ sagt Rafik Schami einmal. Aber das Erzählen kennt so schnell kein Ende.

Ausführlich widmet sich der Autor an diesem Abend noch der Suche nach seinem korrekten Geburtsdatum. Die Mutter weiß genau, dass es im März 1946 war, als der Aprikosenbaum in voller Blüte stand, und der Vater beteuert, dass es im April gewesen sei, als die Aprikosen „groß wie Murmeln“ waren. Die Großmutter hingegen beteuert, dass es im September war, als das Kreuzfest gefeiert wurde, und der Onkel wundert sich über die Frage, da es doch ganz gewiss an Pfingsten im Mai gewesen sei. Und nun? Für Rafik Schami steht fest, dass sein Sternzeichen der Regenbogen ist: von allem etwas!

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

finden sich einige Beiträge von und über Rafik Schami, die leicht über die Suchmaske angesteuert werden können. Seinen bislang letzten Roman „Das Geheimnis des Kardinals“ haben wir HIER vorgestellt.

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