Rafik Schami setzt seinen Kommissar auf einen Kardinal im Olivenfass an

Minze (2)

Manchmal hilft nur noch ein Minztee Foto: Bücheratlas

Die Bilanz, die  Kommissar  Barudi nach 40 Jahren Polizeidienst zieht, ist bitter. Nichts, aber auch gar nichts hat sich geändert, seit er  als junger Grünschnabel  antrat, „der Wahrheit oder der Gerechtigkeit dienlich zu sein“.   Damals torpedierte der syrische Geheimdienst seine Ermittlungen im Fall eines ermordeten  Offiziers  und nutzte die Bluttat als  Vorwand,  um sich einiger unliebsamer Dissidenten zu entledigen. Barudi wurde  an die jordanische Grenze verbannt und durfte erst fünf Jahre später nach Damaskus zurückkehren.

40 Jahre später    werden zwei des Mordes Überführte  auf freien Fuß gesetzt. Ein dritter Verdächtiger erhängt sich angeblich in seiner Zelle. „Hurensöhne“, wütet Barudi, ehe er seinen Arbeitsplatz räumt. Und notiert in sein Tagebuch: „In einer hochmodernen, aber unfreien Gesellschaft ist die Wahrheitsfindung aussichtslos.“

Barudi ist nicht der einzige, der am syrischen Staatswesen verzweifelt. Rafik Schami, in dessen gerade erschienenem Roman „Die geheime Mission des Kardinals“ der frustrierte  Kriminalkommissar die Hauptrolle spielt,  teilt die nachtschwarze Verzweiflung seines Protagonisten. Seit I971 lebt der vielfach ausgezeichnete  Schriftsteller, der  1946 unter dem Namen  Suheil Fadél in Damaskus  geboren wurde, in Deutschland.

In sein Heimatland ist der Regimekritiker nie zurückgekehrt. Zu viele Intrigen, zu viele  Bespitzelungen.   „Die Freiheit in Deutschland hat mich und meine Zunge gerettet“, sagt er in einem Interview mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ zu seinem 70. Geburtstag.    „Ein geniales Wahnsinnssystem“ nennt Schami in diesem Gespräch  das  syrische Regime, das ihn Jahrzehnte zuvor in die Flucht schlug.   Es  gründe „auf der Sippe“ und lasse die Syrer  „durch ein Spinnennetz von 15 Geheimdiensten“  verstummen.

Barudi hadert mit seinem Syrien

Eine Einschätzung, die   Kommissar  Barudi durchaus teilt. Der beleibte Ermittler verzweifelte bereits in Schamis 2004 erschienenem Roman „Die dunkle Seite  der Liebe“ an seinem Land.  Inzwischen  befindet er sich beruflich in der Schlusskurve. Unter Kollegen wird der beharrliche, vielfach erfolgreiche  Kommissar  durchaus geschätzt.  Barudi  selber sieht sich  als Versager. Seine Vorstellung, „als  Kriminalpolizist  für Gerechtigkeit zu sorgen  und Gewalt durch Aufdeckung und Strafe  unattraktiv zu machen“, habe sich als  Illusion entpuppt, muss er sich eingestehen.  „Als würde die Befreiung  der Gesellschaft von  den kleinen Verbrechern die Gesellschaft sicherer machen, die Ordnung wiederherstellen.  Welche Ordnung denn?“

Sein  letzter großer Fall  ist nicht dazu angetan,  den latent depressiven Kommissar eines Besseren zu belehren.  In der italienischen Botschaft in der Ata-al-Ayubi-Straße in Damaskus wird eines frühen Morgens ein  Fass angeliefert.  Absender unbekannt. In dem  Fass befinden sich etliche Liter Olivenöl – und die Leiche  von Kardinal Angelo Cornaro. Dem  Gottesmann aus Rom sind  fachmännisch die inneren Organe entfernt und die  Augenlider zugenäht worden. An der Stelle des Herzens trägt er  einen faustgroßen Basaltstein im Brustkorb, sein kostbarer Kardinalsring steckt an der linken statt an der rechten Hand.

Cornaros  Besuch  habe von Anfang an unter einem  schlechten  Stern gestanden, erfährt Barudi von dem italienischen Botschafter.  Eine Entführung durch eine Terrorgruppe namens   „Saladins Brigaden“ habe   in letzter Sekunde  vereitelt werden können.  Doch was wollte der christliche Würdenträger   überhaupt in dem  arabischen Land, das im Handlungsjahr 2010 zunehmend Anzeichen von Zerrüttung zeigt?  Es steht zu vermuten, dass der alte Herr im Auftrag von Papst Benedikt  XVI.  unterwegs war, doch was genau sein Auftrag in Syrien war, hat er  nicht  einmal dem katholischen Patriarchen in  Damaskus verraten.

Barudi und sein Kollege Commissario Marco Mancini, der eigens aus Rom eingeflogen ist, um den bizarren Mord an seinem Landsmann aufzuklären, stehen vor einem Rätsel. Zumal Barudi eines gelernt hat in seinem langen Berufsleben: „Wir dürfen jeden vernehmen, der nicht zu den Großen auf den obersten Stufen  der Pyramide gehört.  Denen, die sich an der Spitze  befinden, darf man nicht einmal eine Frage stellen.“ Denn jeder  Syrer wisse,  dass „sie da oben“ die Fäden in der Hand hielten „wie eine gut organisierte Mafia“.

Dennoch gelingt es den beiden ungleichen Ermittlern, die letzten Tage des Ermordeten zu rekonstruieren. Ihre Recherche führt sie in die Untiefen religiösen Wahnsinns, wo sie geschäftstüchtigen Wunderheilern und deren verpeilten Anhängern  begegnen.  Das liest sich durchaus vergnüglich. Gemeinsam spotten der Syrer und der Italiener  über einen Heiler, der selbst seine Blähungen zu Geld macht und seine Anhänger gnadenlos ausbeutet.

Im Norden des Landes treffen sie schließlich auf die  ersten Kämpfer des Islamischen Staats, der die Region bald fest  im Griff haben wird.   „Wir wollen eine Islamische Republik mit gerechten Gesetzen“, erklärt ihr Anführer den beiden  Kommissaren, die Böses ahnen.    „Was aber ist der Islamismus anders als ein Aberglaube, an dem Millionen heimlich oder offen hängen?“, fragt sich ein beunruhigter Barudi.  Und mutmaßt mit dem Weitblick eines Mannes, der schon viel erlebt  hat:  „Diese »Islamische Republik«  wird kein einziges Problem lösen. Sie ist selbst ein Problem.“

Der wahre Schatz sind die Alltagsszenen

Die Handlung  wird unterbrochen durch zahlreiche  Tagebucheintragungen Barudis.  Der Kommissar philosophiert über Gott und die Welt und vor allem über die katastrophalen Zustände in Syrien. Schami schildert ein  Land unter der Knute eines unbarmherzigen Regimes, das seinen Bürgern die Luft zum Atmen und die Fähigkeit zum Denken nimmt. Und genau das ist es auch, was seinen  Roman so lesenswert macht.  Sicher, die  Kriminalgeschichte ist  spannend und gut konstruiert. Die Lösung ist stimmig, der Weg dahin stringent erzählt. Es macht einfach Spaß,  sich Schamis bedächtigem und manchmal orientalisch-ausuferndem Erzählfluss hinzugeben und den beharrlichen, immer wieder ins Leere laufenden  Aufklärungsversuchen der beiden Kommissare zu folgen.

Der wahre Schatz dieses Buches aber sind  Schamis  Alltagsbeobachtungen, sein gnadenlos scharfer Blick, mit dem er dieses Syrien an der Schwelle zum Bürgerkrieg analysiert. Da sind die Geheimdienste, die ihre Augen, Ohren und Abhörmikrofone überall haben. Da ist die weit verzweigte Herrschersippe, deren Mitglieder sich hochmütig über das Gesetz erheben. Und da ist ein einst stolzes Volk, das nicht mehr zu mucksen wagt und längst seine Seele verloren hat. „Wir schieben alles Schlechte gern unseren Herrschern in die Schuhe. Das ist bequem. Unsere Herrscher sind dumm und sadistisch.  Sie sind korrupte Verräter. Aber was sind wir? Wir sehen uns gern in der Rolle der Opfer, aber wir verkörpern das Schlechte in reinster Form.“

Man spürt den Kummer  des Exilanten Schami über sein verlorenes Land in jeder Zeile. Selbst Barudi, der zu den letzten Aufrechten zählt, ist zu Beginn seiner Karriere einmal schwach geworden und hat  geschwiegen, wo er hätte reden müssen. „Er schwieg wie Tausende, wie Millionen.“ Barudis Rebellion gegen das Eingreifen des Regimes in seinen letzten Fall   beschränkt sich letztendlich auf eine trotzige Verweigerung: Er schwänzt seine eigene Verabschiedung und vergnügt sich  stattdessen mit seiner Freundin im Bett.

Petra Pluwatsch

http://www.ksta.de

Rafik Schami: „Die geheime Mission des Kardinals“, Hanser, 432 Seiten, 26 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

Schami

 

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