Familientyrann in schnieker Villa: Claudia Schumachers fabelhafter Debütroman „Liebe ist gewaltig“

Familienleben kann so harmonisch sein. Ist es aber eben doch nicht immer. Foto: Bücheratlas

Wohin Julis schlagen muss, weiß er ganz genau. Dahin, wo man die Verletzungen, die Blutergüsse, die Beulen und Striemen nicht sieht. Und wenn er mit seiner Faust doch einmal das Gesicht der Mutter oder der Brüder trifft, wenn Haut aufplatzt und Nasen brechen, dann muss Onkel Günther ran. Denn Günther ist Arzt und hat gelernt zu schweigen, wenn Kurt Ehre ausrastet.

„Einen Grund gab es nicht“

Fast täglich kommt es zu Gewaltexzessen in der schnieken Villa in der Wagner-Straße 7, wo Rechtanwalt Ehre mit seiner schönen Frau und vier Kindern wohnt. Juli, die Ich-Erzählerin in Claudia Schumachers fabelhaftem Debütroman „Liebe ist gewaltig“, ist die Jüngste der Familie. Bis zu ihrer Pubertät bleibt sie verschont von den Beleidigungen und Schlägen des Vaters.  Doch sie weiß: Irgendwann wird es auch sie erwischen. Irgendwann wird der Vater auch sie durch das Treppenhaus prügeln. Er wird sie treten und würgen wie schon die Geschwister.

„Ich wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis ich Papa enttäuschte.“ Denn „Nur wer dominiert, konnte halbwegs vor Papa bestehen. Wer mal keine Höchstleistungen erbrachte, musste damit rechnen, vor dem Rest der Familie gedemütigt und beleidigt zu werden.“ So versucht sie, nur Bestnoten nach Hause zu bringen, und heimst beim Eiskunstlauf einen Pokal nach dem anderen ein. Vergebens. „Als ich vierzehn war, artete trotzdem alles in rohe Gewalt aus. Papa hat mich durchs Haus gejagt und gedroht, mich umzubringen. Einen Grund gab es nicht, glaube ich.“

Vertuschen, verdecken, schweigen

Eindringlich schildert die Journalistin Claudia Schumacher die Klaviatur des Schreckens, auf der der gewalttätige Ehemann und Vater perfekt zu spielen weiß. „Papa erzählte so gekonnt von unserer innersten Verdorbenheit, dass wir reglos wie Fliegen in seinem Spinnennetz hingen und uns alles von ihm gefallen ließen. Das war doch unser Papa, unser Held. Es lag nicht in unserer Natur, uns gegen ihn zu wehren.“

Juli zerbricht fast an den Zuständen zu Hause. Mit 17 Jahren landet sie wegen psychosomatischer Beschwerden in einem Kurheim, doch sie schweigt eisern über die Hintergründe ihres elenden körperlichen Zustands. Vertuschen, verdecken, schweigen, das sind auch die Bewältigungsstrategien der Mutter, die alles daransetzt, den schönen Schein von einer heilen Familie aufrechtzuerhalten, und die Attacken ihres Ehemannes schlichtweg leugnet. Blut auf dem Teppich?  Da musst du dich irren, Liebes.

„Ich bin das schwarze Loch, das sich selber frisst“

Claudia Schumacher begleitet Juli durch drei Lebensabschnitte und beschreibt exemplarisch die Folgen frühkindlicher Gewalterfahrung. Das Bemerkenswerte dabei: Für jede dieser Sequenzen hat sie einen anderen Erzählton gefunden, der die Befindlichkeit ihrer Heldin perfekt widerspiegelt. 2014, sieben Jahre nach ihrem Kuraufenthalt, treffen wir Juli wieder als Mathematikstudentin in Berlin. Sie ist aus ihrem Elternhaus geflohen – eine Versehrte, deren seelische Verwundungen sie unfähig machen, ein unbeschwertes, selbstbestimmtes Leben zu führen.

Ihre Liebesbeziehung zu Sanyu, einer schönen jungen Frau, zerbricht an ihrer mangelnden Selbstliebe und ihrer Unfähigkeit, mit der Partnerin über ihre Vergangenheit als geprügeltes Kind zu reden. „Ich bin Jules, das schwarze Loch, das sich selber frisst.“ Manchmal, schreibt sie, löse sie sich in Leistung auf wie ein Aspirin im Wasserglas. „Danach ist alles dunkel, prämateriell, und ich brauche einen Moment, um wieder Substanz aufzubauen.“

Tappt Julia in die Falle?

Kein Wunder, dass Juli einem wie Thilo auf den Leim geht, einem Blender und potenziellen Schläger, der ihr mangelndes Selbstwertgefühl schamlos ausnutzt. Für Thilo ist die Doktorandin der Mathematik die kleine „Dummi-dummi-Maus“, der man(n) zeigen muss, wo es langgeht. So wird einem bald bange bei der Lektüre dieses letzten Buchabschnitts, der 2016 spielt. Wird Julia, wie Thilo sie nennt, in die gleiche Falle tappen wie ihre Mutter? Wird auch sie sich kleinmachen, um den Partner nicht zu reizen?

Claudia Schumacher ist mit „Liebe ist gewaltig“ ein bemerkenswertes Buch über die Mechanismen häuslicher Gewalt gelungen. Es ist keine leichte Lektüre, aber es ist eine, die sich unbedingt lohnt.

Petra Pluwatsch

Claudia Schumacher: „Liebe ist gewaltig“, dtv, 372 Seiten, 22 Euro. E-Book: 18,99 Euro.

 

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