„Die Welt ist nicht mehr dieselbe“: Esther Kinsky ist mit ihrem Erdbebenroman „Rombo“ auf Lesereise

Esther Kinsky betreibt in ihrem neuen Roman allerlei Naturerkundungen. Zumal vom Gestein ist viel die Rede. Foto: Bücheratlas

Später wird jeder von dem Geräusch reden.“ heißt es in Esther Kinskys Roman „Rombo“, der im Suhrkamp Verlag erscheint. Es war das Geräusch, mit dem alles anfing und mit dem alles anders wurde. Ein Rollen wie bei einem Donner, sagen manche. Ein Geräusch, das man in Italien „il rombo“ nennt.

Die Beben von Venzone

Zwei historische Erdbeben sind Ausgangs-, Haupt- und Endpunkt dieses Romans. Sie ereigneten sich 1976 in und um Venzone im Nordosten Italiens. Im Mai schnellte die Anzeige auf der Richterskala hoch bis zur Marke 6.4, im September dann noch einmal auf 6.1. Tod und Zerstörung waren die Folge.

Nun stellt Esther Kinsky ihren Erdbebenroman auf einer Lesereise vor. In „Rombo“ versammelt die Autorin, die in diesem Jahr mit dem Kleist-Preis geehrt wird, einerseits Erzählungen der Überlebenden und andererseits Ausführungen zu Fauna, Flora und Folklore, zu Geologie und Tektonik. All das in kurzen Kapiteln. Es ist eine Bestandsaufnahme nach der Katastrophe, ein Versuch, Ordnung zu schaffen, wo Unordnung auf allen Ebenen herrschte.

„Warum soll ich das nicht alles lieber vergessen?“

Mara ist eine von den Personen, die zu Wort kommen. Sie sagt: „Ein Erdbeben erschüttert alles und stellt alles auf den Kopf, auch die Gedanken im Kopf.“ Aber warum soll man sich daran erinnern? Das fragt Toni, der zur Zeit des Bebens ein kleiner Junge war. „Warum soll ich das nicht alles lieber vergessen?“ Darauf sagen „die Leute“ zu ihm: „Ach, Toni, erzähl was.“ Und Toni sagt: „Na gut.“ Erinnern und bewahren statt vergessen und vergehen.

Die Schilderungen von Toni und Mara und weiteren Überlebenden handeln gleichermaßen vom gewaltigen Naturereignis wie vom familiären Detail. Von Armut, Vorzeichen, Legenden, Katastrophenmomenten, Angst, Migration, Suche, Schmerz, Rettung durch die „Alpini“, vom Aufbauen und Weiterleben. Die auf mündlichen Wortlaut getrimmten Berichte warten auf mit Schrecken und Schönheit und bestechen nicht zuletzt durch einen unprätentiösen Grundton.

„Mannstreu“ heißt die Distelpflanze

Die naturkundlichen Ausführungen vermitteln derweil so viel attraktiven Wissensstoff, dass man sich in die populären Sphären des Nature Writing versetzt wähnt (über diese Gattung wird sich Esther Kinsky am 23. Mai beim Bodenseefestival in Friedrichshafen mit Oswald Egger unterhalten, dessen Mississippi-Erkundung wir auf diesem Blog HIER vorgestellt haben). In „Rombo“ wird die Natur ab und an gleichsam humanisiert – wenn etwa der Karst „verlangt“ und das Wasser „vergisst“. Zuweilen auch antworten diese Naturbeschreibungen insgeheim auf die Lebensberichte – wenn etwa auf Linas Szenen einer Ehe die Beschreibung einer Distelpflanze namens „Mannstreu“ folgt.

Esther Kinsky erzählt in „Rombo“ keine abgerundete Geschichte. Nicht der Plot steht im Fokus, sondern das Material. So entsteht ein Romanpuzzle aus unterschiedlichen Textsorten und in einer Sprache, die zwischen nüchterner Deskription und lyrischem Höhenflug hin- und herschwingt. Es gibt Teile und Teilchen zuhauf. Sie fügen sich zu einer stillen Feier der Schöpfung im Angesicht der Zerstörung. 

Martin Oehlen

Die Lesereise

mit „Rombo“ führt Esther Kinsky an diesem Mittwoch, 27. April 2022, ins Literaturhaus Köln (wo Norbert Wehr moderieren wird), am 28. April ins Hamburger Literaturhaus (Moderation: Sebastian Guggolz), am 29. und 30. April nach Berlin, einmal ist der Veranstalter das Collegium Hungaricum (Moderation: Katharina Teutsch) und einmal die Buchhandlung Knesebeck Elf (Moderation erneut: Sebastian Guggolz). Ende Mai wird die Tournee fortgesetzt.

Esther Kinsky: „Rombo“, Suhrkamp, 268 Seiten, 24 Euro. E-Book: 20,99 Euro.

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