Martin Walser über sein Leben als Träumer, „Halbleiche“ und glücklicher Autor: Premierenlesung aus dem „Traumbuch“ im Literaturhaus Stuttgart

Es kann losgehen: Martin Walser vor der Buchpremiere im Literaturhaus Stuttgart. Im Hintergrund sind einige der übermalten Bodensee-Postkarten von Cornelia Schleime zu sehen. Foto: Bücheratlas

Und wie geht es so? Martin Walser, der mit dieser Eingangsfrage im Literaturhaus Stuttgart konfrontiert wird, hält sich nicht mit einer Floskel auf: „Für eine 95jährige Halbleiche“, so seine Worte, „ist das ein unglaublicher Bewegungsaufwand, der mir gar nicht mehr liegt.“ Da lacht das Publikum im vollbesetzten Saal – und ist nichts als froh, dass der Autor die Reisestrapaze vom Bodensee in die Schillerstadt auf sich genommen hat.

Berufskarriere startete beim Rundfunk

Das „Traumbuch – Postkarten aus dem Schlaf“ liegt schon seit vier Wochen im Buchhandel bereit. Doch erst jetzt fand die offizielle Buchpremiere statt! Martin Walser präsentierte sein jüngstes Werk, in dem er Träumen aus 25 Jahren festgehalten hat, gemeinsam mit Cornelia Schleime. Die Berliner Künstlerin hat die Illustrationen zu dem Band geliefert. Die Auswahl der Traumtexte hatte Alexander Fest für den Rowohlt Verlag besorgt. Eine Besprechung des Buches findet sich auf diesem Blog genau HIER.

Martin Walser hat in Stuttgart viele, wenn nicht alle seine Bücher vorgestellt, darunter einige unter dem Label Buchpremiere. Das liegt nahe. Nicht nur, weil das Schwäbische dem Alemannischen alles andere als fremd ist. Auch hat Walser beim Rundfunk in Stuttgart seine berufliche Karriere begonnen, ehe er sich der Dichtung zuwandte. So geschehen im goldenen Jahre 1949, als die Bundesrepublik Deutschland das Licht der Welt erblickte. Sein erster Roman „Ehen in Philippsburg“ hieß dann nur deshalb so, weil dem Autor „Ehen in Stuttgart“ als Titel offenbar nicht zusagte. Eine Dramatisierung erlebte der Roman im Übrigen im Jahre 2017, exakt 60 Jahre nach der Veröffentlichung, am Stuttgarter Schauspiel.

„Phantastisch und genau“

„Ich freue mich am meisten, dass diese Frau da sitzt!“ sagt Walser jetzt in der wohltemperierten Atmosphäre des Literaturhauses. Damit meint er Cornelia Schleime an seiner Seite. Ihre Traumbilder, für die sie historische Karten vom Bodensee übermalt hat, seien für ihn „die größte Überraschung“ gewesen. „Meine Träume sind mir ja nachgerade bekannt. Aber wenn sie konfrontiert werden mit diesen wilden Bildern, dann ist für mich das Ganze neu.“ Er sei über diese Übermalungen „unablässig glücklich“: „Phantastisch und genau sind die Reaktionen der Künstlerin auf meine simplen Texte.“

Cornelia Schleime, Martin Walser und Moderator Denis Scheck im Literaturhaus Stuttgart. Foto: Bücheratlas

Sascha Anderson, einer von Martin Walser Schwiegersöhnen, hatte den Kontakt zu Cornelia Schleime hergestellt. Die beiden kennen sich noch aus der DDR, wie Walser sagt und Schleime bestätigt. Die Künstlerin gesteht, dass sie noch nie am Bodensee gewesen sei. Auch habe sie mit dem Autor nicht über die Bilder gesprochen. Überhaupt begegne man einander an diesem Abend zum ersten Mal. Das sei gut so. Denn genau diese Ausgangslage habe ihr die notwendige Freiheit für ihre Bilder verschafft. Vieles sei ihr sehr vertraut gewesen, was Walser von seinen Träumen festgehalten habe – nicht zuletzt „die ungeheure Verletzlichkeit“, zudem das Gefühl der Unterlegenheit und gewiss auch die vielfältigen sexuellen Aspekte. Was sie überdies beeindruckt habe, sei Walsers „opulentes Leben“, aus dem er sich greife, was er für die Literatur brauche.

„Ja, soll ich das etwa nicht aufschreiben?“

Anstatt sich nach dieser Eröffnung auf die Frage von Moderator Denis Scheck einzulassen, wie das denn in den 1950er Jahren war, als er Arno Schmidt am Stuttgarter Hauptbahnhof abgeholt und unterstützt hat, begann Martin Walser mit der Lesung aus seinem „Traumbuch“. Zwar scheint die Stimme etwas dünner zu sein als ehedem, doch immer noch fuchtelt er mit der einen Hand, die das Buch gerade nicht festhält, in der Luft herum, und lässt er den Ton effektvoll anschwellen wie eh und je. Dass unter den vielen Prominenten, die in seinen Träumen auftauchen, auch Arnold Stadler eine Rolle einnimmt, wird vom Publikum mit besonderer Aufmerksamkeit registriert, weil der Büchnerpreisträger in der ersten Reihe sitzt. Arnold Stadler, von dem soeben „Mein Leben mit Mark“ über den us-amerikanischen Künstler Mark Tobey bei Hanser erschienen ist, hatte Martin Walser sowie Ehefrau Käthe und Tochter Johanna von Nussdorf am Bodensee nach Stuttgart begleitet.

Vor der Heimfahrt gab es aber doch noch ein paar Antworten auf die Fragen von Denis Scheck. Zwar mag das eine oder andere Detail aus der Vergangenheit nicht immer unmittelbar präsent sein. Doch klug, pointiert und wortmächtig formuliert Martin Walser wie jahrzehntelang bewiesen. Warum er Träume aufschreibe? Weil er ein Autor sei. Anders gesagt: „Sie träumen, wachen auf – und dann ist es vorbei. Das hat mir nicht gepasst.“ Es gebe in seinen Tagebüchern durchaus Geschichten, die er nicht literarisch verarbeitet habe. „Aber die Träume kamen mir zu kostbar vor, um sie dem reinen Vergessen zu überlassen.“ Und dann liest er gleichsam als Beleg noch einmal ausgerechnet jene Passage aus dem „Traumbuch“, in der es um Zehennägel geht. Anschließend trägt er mit Inbrunst die rhetorische Frage vor: „Ja, soll ich das etwa nicht aufschreiben?“ Ein Autor müsse halt mit dem Material umgehen, über das er verfüge. Der herzliche Applaus gibt ihm Recht.

„Ich hoffe, das geht allen so“

In Walsers „Traumbuch“ kommen viele vor, die im deutschen Nachkriegskulturraum einen Namen hatten und haben. Männer zumal. Nicht nur Arnold Stadler, sondern auch Bert Brecht und Thomas Mann, Günter Grass und Hans Magnus Enzensberger, Joachim Kaiser und Marcel Reich-Ranicki, Siegfried Unseld und Jürgen Habermas. „Sie träumen auf Niveau!“ fasste Denis Scheck zusammen. Darauf Walser: „Ich hoffe, das geht allen so.“

Das Taxi für die Rückfahrt von Stuttgart an den Bodensee wartet bereits. Foto: Bücheratlas

Schließlich noch die Frage, wie es um seine aktuellen Träume bestellt sei. Da beißt sich der Schriftsteller auf die Lippen, was ein gutes Zeichen dafür ist, dass ihm das Thema behagt. „Es ist tatsächlich so, dass ich jetzt träume, wie ich noch nie geträumt habe.“ Jede Nacht gehe es um Geschichten von Vergeblichem. Kleine Pause. Beinahe hätte er sich ausführlicher dazu geäußert. Doch dann sagt Martin Walser nur noch: „Aber die schreibe ich nicht mehr auf.“

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

findet sich eine Besprechung des Rowohlt-Bandes „Das Traumbuch – Postkarten aus dem Schlaf“ von Martin Walser und Cornelia Schleime genau HIER.

Martin Walser: „Das Traumbuch – Postkarten aus dem Schlaf“, mit Illustrationen von Cornelia Schleime, Rowohlt, 142 Seiten, 24 Euro.

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