Statt einer Festveranstaltung: Verleihung des Japan-Foundation-Preises an Irmela Hijiya-Kirschnereit in Text und Bild

Der Kaiserpalast in Tokio Foto: Bücheratlas

Die Pandemie hat diesen Untertitel auf den Umschlag geschrieben: „Statt einer Festveranstaltung“. Ursprünglich sollte die Japanologin Irmela Hijiya-Kirschnereit den „Japan-Foundation-Award 2021“ im vergangenen Jahr in Tokio in Empfang nehmen. Dazu hätte dann auch ein Besuch am Kaiserlichen Hof gehört. Doch das Virus machte eine Anreise unmöglich. Als Ausgleich dafür war dann eine Feierstunde im Japanischen Kulturinstitut in Köln angesetzt. Doch auch dieser Dezember-Termin musste angesichts steigender Infektionszahlen abgesagt werden. Nun immerhin gibt es die nicht gehaltenen Reden – zumal die Laudatio und die Festansprache – in schriftlicher Form.

Ehrung war „längst überfällig“

Irmela Hijiya-Kirschnereit ist erst die vierte Deutsche, die mit der bedeutenden Ehrung für die Vermittlung der japanischen Kunst und Kultur bedacht wird – nach Heinrich Pfeiffer von der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, dem Museumsdirektor Roger Goepper (erst Berlin, dann Köln) und dem Dirigenten Wolfgang Sawallisch. Zählt man noch die in Berlin lebende Autorin Yoko Tawada hinzu, die 2018 geehrt wurde, sind es bislang fünf Preisträger aus Deutschland.

Der Preis für Irmela Hijiya-Kirschnereit war nach Ansicht von Aizawa Keiichi, Direktor des Japanischen Kulturinstituts in Köln, „längst überfällig“. Sie erhielt diese internationale Auszeichnung gemeinsam mit dem Filmregisseur Koreeda Hirokazu und der Sho-Spielerin Miyata Mayumi sowie drei Japan-Fakultäten im vietnamesischen Hanoi. Geehrt wird Irmela Hijiya-Kirschnereit für ihr vielfältiges Engagement als Forscherin, Autorin, Vermittlerin, Kritikerin, Übersetzerin und als Hochschullehrerin in Trier und an der FU Berlin. Zudem wirkte und wirkt sie in zahlreichen Institutionen zum Wohle des deutsch-japanischen Kulturaustausches.

„Eine Spur Fremdheit als Faszinosum“

Das Spektrum der Veröffentlichungen ist lang. So hatte Irmela Hijiya-Kirschnereit einst im Insel-Verlag die „Japanische Bibliothek“ begründet. Und jüngst war sie entscheidend beteiligt an der Herausgabe des „Großen japanisch-deutschen Wörterbuchs“, eines monumentalen Unterfangens, das nach 24 Jahren soeben mit dem Erscheinen des dritten und letzten Bandes abgeschlossen werden konnte. Eine Würdigung dieses „Meilensteins“ der Japanologie hat die Übersetzerin Ursula Gräfe vor wenigen Tagen auf diesem Blog veröffentlicht (HIER).

Mishima Ken‘ichi, der als Professor in Osaka gelehrt hat und der Ehrendoktor der FU Berlin ist, hält in seiner Kölner Laudatio fest, dass die Preisträgerin eine „Meisterin“ darin sei, in ihrer deutsch-japanischen Vermittlungsarbeit das Fremde vertraut zu machen und dennoch „eine Spur Fremdheit als Faszinosum“ zu bewahren. Ausführlich geht er auf ihre Habilitationsschrift über das autobiografische Romangenre Shishosetsu in der japanischen Literatur ein – das dem mittlerweile auch im Westen so beliebten autofiktionalen Schreiben ähnlich ist.

Abschied von zwei Legenden

Zusammenfassend stellt der Laudator fest, dass Irmela Hijiya-Kirschnereit mit zwei Legenden aufgeräumt habe. Das eine sei der Mythos von „Einzigartigkeit“ und Homogenität der japanischen Kultur und Gesellschaft. Das andere sei die Behauptung, dass Ausländer die komplexen Umgangsformen in Japan und die vielschichtige Sprache nie vollends erfassen könnten.

„Wie eine Annäherung an das Fremde gelingt oder nicht“ – das sei tatsächlich das „Meta-Thema“ aller japanologischen Bemühungen, stellt Irmela Hijiya-Kirschnereit in ihrer Preisrede fest. Aber wie geht man das an? In ihrem Fall sei es die Literatur, die eine kulturelle Innensicht ermögliche, „die mir keine andere Disziplin bieten könnte.“

Einladung zum Überschreiten von Grenzen

Ihr Vortrag mit dem Titel „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“ ist daher auch ein Streifzug durch die Literatur. Da führt die Reise von Äsops Fabeln über John Luther Longs „Madame Butterfly“ zu den Werken Ludwig Wittgensteins und Lafcadio Hearns bis zu denen von Ito Hiromi, Hiromi Goto, Mizumura Minae, Christine Wunnicke, Marion Poschmann, Jürgen Trabant und Tawada Yoko (eher bekannt in der hierzulande üblichen umgekehrten Namensfolge Yoko Tawada).

Was Irmela Hijiya-Kirschnereit aus alledem als Erkenntnis zieht? In der zweisprachigen und bebilderten Broschüre steht es geschrieben: Die Literatur „animiert uns zum Überschreiten von Grenzen, auch der so fundamentalen Grenzen der Sprachen.“

Martin Oehlen

Ein Gastbeitrag

der Übersetzerin Ursula Gräfe zum Abschluss des „Großen japanisch-deutschen Wörterbuchs“ findet sich auf diesem Blog (HIER).

Japanisches Kulturinstitut Köln (Hrsg.): „Beiträge anlässlich des 48. Japan-Foundation-Preis – Statt einer Festveranstaltung“, deutsch-japanische Ausgabe, Übersetzungen: Aizawa Keiichi, 96 Seiten, zu beziehen gegen eine geringe Schutzgebühr über das Japanische Kulturinstitut in Köln (Tel.: 0221-9405580; E-Mail: jfco@jki.de).

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