„Das Traumbuch“ zum Geburtstag: Martin Walsers „Postkarten aus dem Schlaf“ mit Malereien von Cornelia Schleime

Martin Walser wurde am 24. März 1927 in Wasserburg am Bodensee geboren. In seinen Träumen zieht es ihn häufig dorthin. Foto: Bücheratlas

Der Verleger hält das neue Buch seines Autors in Händen. Es ist ein Probedruck in schwarzem Leder. Auf fast jeder Seite Zwischenüberschriften. Zudem „schöne Zeichnungen zum Text“. Siegfried Unseld sagt: „Das ist das schönste Buch, das wir je gemacht haben.“ Das klingt traumhaft. Und ist doch „nur“ ein Traum. Martin Walser hat ihn einmal geträumt, anschließend aufgeschrieben – und veröffentlicht ihn nun neben weiteren Träumen in „Das Traumbuch – Postkarten aus dem Schlaf“. Ob es das schönste Buch ist, das Walser je veröffentlicht hat, wäre noch zu klären. Aber dass der Band besonders liebevoll gestaltet ist, versehen mit Malereien von Cornelia Schleime, steht außer Frage. Er erscheint jetzt, da Martin Walser an diesem 24. März seinen 95. Geburtstag begeht.

Die Mama am Fußende des Bettes

Der Autor versichert in dem Buch, dass ihm „der von der Psychoanalyse empfohlene Umgang mit Träumen völlig fremd“ sei. Das Bedürfnis, Träume zu interpretieren, komme ihm absurd vor. „Meine Träume müssen nicht gedeutet oder gar nach den billigsten Schlüssen übersetzt werden, sie sind mir lieb und wert, so wie sie vorkommen.“

Man darf diese Traumerzählungen also als schiere Texte lesen. Mit Sigmund Freud sollen wir ihnen jedenfalls nicht auflauern. Ist klar. Keine Traumdeutung der alten Schule. Auch nicht, wenn der Träumende mit einer jungen Frau im Bett liegt und die Mama am Fußende unter einem dunklen Tuch sitzt („Sie muss alles gehört haben. Ich streichle sie ganz heftig.“). Aber ein Satz aus der 1899 erschienenen „Traumdeutung“ des Psychoanalytikers darf man getrost zitieren: „Aus der Vergangenheit stammt der Traum in jedem Sinn.“

„Die Traumtendenz weist nach Wasserburg“

Die Vergangenheit ist der Nährboden für die Fantasieblüten im Schlaf. Darum kommen in Martin Walsers Texten, für deren „Auswahl und Anordnung“ Alexander Fest gedankt wird, viele Personen vor, die in seinem Leben eine Rolle gespielt haben oder spielen. Selbstverständlich zählen dazu Verwandte und Bekannte, die Mutter und die Ehefrau und die Kinder und – in typischer Nachname-Vorname-Reihung – Hagens Klara und Höschelers Heini und einige mehr aus dem Wasserburger Kindheitskosmos. Der Ort, in dem Martin Walser 1927 geboren wurde und aufgewachsen ist, ist der Mittelpunkt von allem. Er selbst schreibt: „Die Traumtendenz weist nach Wasserburg.“ Hier ist der Grundstoff seines Lebens zu finden.

Es gibt aber auch viele prominente Personen in diesem „Traumbuch“, die uns zum Namedropping verführen. Marcel Reich-Ranicki sucht den Autor selbst im Schlafe heim. Als sich der Kritiker einmal in Begleitung von Michel Friedman („der heftig mit einer Schönen scherzt“) nähert, springt das Ich im Traume auf: „Ich rufe, dass ich mich nicht von denen schlagen lasse.“ Bei Hans Magnus Enzensberger geht es um den „Selbstkostenpreis Gottes“. Thomas Mann erscheint mit offenem Hemdkragen. Joachim Kaiser trägt eine Baumwollturnhose und hat sexuelle Absichten. Mit Uwe Johnson ist der Träumer per Sie. Rudolf Augstein rast auf dem Motorrad am stürmischen Bodensee entlang. Arnold Stadler legt sich auf den Träumenden und sagt: „Du miesepetriges Weib!“

Mit Jürgen Habermas in die Luft gehen

Günter Grass wird für sein Buch „Tod im Odenwald“ gefeiert, obwohl erst ein oder zwei Kapitel geschrieben sind. Bernt Engelmann tritt „als Riese“ auf. Adolf Hitler trägt dicke Wollstrumpfhosen auf einer Art Fußballfeld und singt. Mit Jürgen Habermas fliegt das Ich bei einer Explosion in die Luft (immerhin:  die Landung geht glimpflich aus). Und Sigmund Freud – ja, der taucht dann doch noch auf – trägt einen Chirurgenkittel unterm Anzug und kann nicht verhehlen, dass er jede Person „sofort durch und durch kennt“, weshalb es sich für ihn nicht lohnt, mit ihr ein Gespräch zu führen.

Und so geht es noch eine Weile mit den Promis weiter. Es stellt sich heraus, dass sich die Geschichten aus dem Bett nicht so sehr von den Geschichten am Schreibtisch unterscheiden.

„Ich bin durch und durch erledigt“

Der Stoff, aus dem Walsers Träume sind, entspricht dem Stoff seines Prosa-Imperiums. Da wie dort ist ein nicht ganz standfestes Individuum bemüht, den Stürmen des Alltags zu trotzen. Relativ zahlreich sind im „Traumbuch“ die Versagensängste: Mal fehlt ein Text, mal wird ein Stichwort verpasst, mal läuft die Zeit davon. Und der Satz „Ich bin durch und durch erledigt.“ könnte in vielen Walser-Werken zuhause sein. 

Was aber ist es, das beim Erwachen vom Träumen übrigbleibt? Walser selbst schreibt, das Schweifen und Ziehen eines Traumes gehe in kein Nacheinander: „Er muss kaputtgehen, wenn man ihn fassen will, fassbar machen will.“ Das haben wir uns gedacht. Nur ein Hauch vom Traum ist es also, was die Erinnerung preisgibt und was in Worte zu fassen ist. Aber immerhin – es ist Literatur.

Cornelia Schleimes Übermalungen

In diesem Falle kommt noch bildende Kunst hinzu. Denn „Das Traumbuch“ führt seinen Untertitel „Postkarten aus dem Schlaf“ selbstverständlich mit Bedacht. Es beinhaltet anregend mysteriöse Illustrationen von Cornelia Schleime. Dabei handelt es sich um Übermalungen historischer Bodensee-Postkarten, die Walsers Traumtexte locker aufgreifen. Keine Interpretationen sind das, sondern Korrespondenzen.

Ausgehend vom jeweiligen Bildmotiv wird dieses neu inszeniert und zuweilen über den Kartenrand hinweg fortgemalt. Cornelia Schleime griff dafür zu Tuschen in Acrylarben – also nicht zu Aquarellfarben, die sich rund um den Bodensee angeboten hätten, aber auf den Postkarten nicht haftengeblieben wären. Da werden Grenzen aufgehoben und Räume ins Unendliche gedehnt. Eine Ausweitung der Realität ins Fantastische. Typisch Traum.

„Wo oben unten ist“

Cornelia Schleime versichert auf Anfrage, sie sei von dem Projekt sofort überzeugt gewesen, nachdem Alexander Fest sie darauf angesprochen hatte. Es habe sich um Träume gehandelt, die ihr nach der Lektüre sehr nahe waren: „Träume haben für mich ein sehr starkes kreatives Potential fernab von Logik, wo oben unten ist und unten erlöst wird am kommenden Tag.“

Nicht jeder Traum wird von der Berliner Künstlerin illustriert. Manchen Traumbericht muss man auch nicht haben. Wie es um die Zehennägel oder um das Geschlechtsteil bestellt ist – Gott ja, das ist nur allzu menschlich und doch von übersichtlicher Faszination.

Andere Texte hingegen sind amüsant. Und sehr viele – das liegt in der Natur der Sache – kommen äußerst bizarr daher. Der Traum vollführt halt die kühnsten Fantasievolten. Da kommt kein Autor ran.  

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

findet sich eine Besprechung von Martin Walsers zuletzt erschienenem Band „Sprachlaub“ – und zwar HIER.

Martin Walser: „Das Traumbuch – Postkarten aus dem Schlaf“, mit Illustrationen von Cornelia Schleime, Rowohlt, 142 Seiten, 24 Euro.

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