„Überlegene Liebesmacht“: Harvard-Historikerin Jill Lepore schildert in „Die geheime Geschichte von Wonder Woman“ den Kampf der Superheldin für die Gleichberechtigung

Jill Lepore lehrt in Harvard Geschichte. Foto: Bücheratlas

Wonder Woman ist eine Amazone mit übermenschlichen Kräften. Sie trägt ein besterntes Outfit, als wäre es die Flagge der USA, dazu rote Stiefel und einen breiten Gürtel. Sie kämpft unentwegt für das Gute. Vor allem aber ist sie, das wissen wir nun aus Jill Lepores grundlegender Untersuchung, „das fehlende Glied in einer Kette von Ereignissen, die mit den Kampagnen für das Frauenwahlrecht in den 1910er Jahren beginnen und mit dem unruhigen Standort des Feminismus ein volles Jahrhundert später enden.“

In einer Liga mit Superman

Von der Frauenrechtlerin in Comicgestalt handelt die amerikanische Historikerin so detailliert wie unterhaltsam. „Die geheime Geschichte von Wonder Woman“ fächert nicht nur die Abenteuer der ersten Superheldin auf, die seit 1941 in einer Liga mit Batman und Superman kämpft. Zudem und vor allem wird der feministische Kern des Comics herausgearbeitet.

Aber wer und was steckte hinter diesen Bilderfolgen? Um dieses „Geheimnis“ zu lüften, ist Jill Lepore kein Weg zu weit. So lernen wir William Moulton Marston (1893-1947) kennen, der über seine Schöpfung sagte: „Wonder Woman ist, offen gesagt, psychologische Propaganda für den Frauentyp, der meiner Ansicht nach die Welt beherrschen sollte.“ Von Psychologie verstand Marston nicht wenig, denn immerhin ist er in diesem Fach in Harvard promoviert worden – dort also, wo Jill Lepore heute Geschichte lehrt. Seine Hochschulkarriere ließ sich zunächst gut an, doch dann sank sein Stern von Hochschule zu Hochschule.

Der erweiterte Ehebegriff

Auch sein Engagement als psychologischer Berater bei den Universal Studios in Hollywood war nicht von Dauer. Er versuchte sich da und dort. Gab Psychologiekurse. Und schrieb den Roman „Venus with Us“, aus dem Lepore den schönen Satz zitiert: „Die Jugend brauste durch ihren schlanken Leib wie eine samtene Flamme.“  

Marston war eine schillernde Person. Er wohnte mit seiner Ehefrau Holloway und seiner Geliebten Olive Byrne unter einem Dach und hatte mit beiden Frauen je zwei Kinder. Sie lebten offensichtlich munter, wenngleich geheim einen erweiterten Ehebegriff. Holloway und Olive, so lesen wir, hatten diverse Verbindungen zur frühen Frauenbewegung. Sie verstanden sich als Vertreterinnen der Neuen Frau und lebten auch nach Marstons Tod weiter zusammen. Gelegentlich gesellte sich noch Marjorie Wilkes Huntley zu diesem nonkonformistischen Verbund.

Erfindung des Lügendetektors

Berühmt wurde Marston noch vor der Erschaffung von Wonder Woman mit der Erfindung des „Lügendetektor-Tests“. Das umstrittene Blutdruck-Messgerät findet sich später im Comic verewigt: Wonder Woman führt ein magisches Lasso bei sich, ein Mitbringsel von der Paradiesinsel der Amazonen, mit dem sie jeder Person die Wahrheit entlocken kann.

Wieviel Privates in den Comic-Geschichten verarbeitet wurde, arbeitet Jill Lepore minutiös heraus. Insbesondere porträtiert sie Marstons Geliebte Olive Byrne als Vorbild für Wonder Woman. Vom Schmuck bis zur Intelligenz reichen die Parallelen. Ein besonders markantes Beispiel: Olives Armbänder dienen der Comicfigur, um Kugeln abzuwehren.  

„Unzureichend bekleidet“

Ihren ersten Auftritt hatte Wonder Woman, die mit bürgerlichem Namen Diana Prince heißt, im Dezember 1941 im Verlag von Maxwell Charles Gaines (All-American Publications, später DC Comics). Die Geschichten schrieb Marston selbst, die Zeichnungen steuerte Harry G. Peter bei.

Zwar hatten Comics in den 1940er Jahren einen eher schlechten Ruf, doch gab es gegen diese Superheldin kaum einen Einwand. Das lag auch daran, dass sie zwar äußerst stark war, aber nicht gewalttätig. Ja, sie war verletzlich und musste sich ein ums andere Mal aus Fesseln und Ketten befreien. Während Nazi-Deutschland Krieg führte, kämpfte sie für Demokratie und Gleichberechtigung. Nur ein Bischof kritisierte einmal, dass Wonder Woman „unzureichend bekleidet“ sei.

„Zeitalter des Friedens“

Wie eng verwoben die sagenhafte Gestalt der Wonder Woman und die Frauenrechtsbewegung in den USA sind, macht Jill Lepore in ihrer leicht lesbaren Erzählung deutlich. Dass die Historikerin, die 2019 den Band „Diese Wahrheiten“ veröffentlicht hat (eine Besprechung findet sich HIER), nahezu jeder Verästelung nachgeht, auch wenn diese womöglich eher ein amerikanisches als ein globales Publikum fasziniert, sieht man ihr gerne nach.

„Die geheime Geschichte von Wonder Woman“ schildert ein eindrucksvolles Kapitel des Feminismus. Mit einem Mann im Zentrum, der schon 1937 auf einer Pressekonferenz versicherte, „dass Frauen dereinst die Welt beherrschen würden.“ William Maulton Marston setzte ganz auf die „überlegene Liebesmacht“ des weiblichen Geschlechts. Mit Frauen an der Macht, so wurde er nicht müde zu betonen, „würde ein Zeitalter des Friedens“ beginnen. Wonderbare Wonder Women.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

gibt es eine Besprechung von Jill Lepores Buch „Diese Wahrheiten – Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika“ – und zwar HIER.

Jill Lepore: „Die geheime Geschichte von Wonder Woman“, dt. von Werner Roller, C. H. Beck, 552 Seiten, 29,95 Euro. E-Book: 22,99 Euro.

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