Harald Naegelis Totentanz mit neuer Aktualität: Der „Sprayer von Zürich“ in Kölner Ausstellung und kompaktem Katalogbuch

Harald Naegelis Skelett versperrt oder verschließt den Zugang zur Cäcilienkirche in Köln, in dem sich das Museum Schnütgen befindet. Foto: Bücheratlas

Vergänglichkeit ist dem Werk von Harald Naegeli auf besonders intensive Weise eingeschrieben. Der legendäre Sprayer aus Zürich, dessen Fantasiefiguren und Knochenmenschen vitale Auftritte auf Beton und Ziegelstein hinlegen, ist nicht zuletzt mit seinem „Kölner Totentanz“ berühmt geworden. Darüber hinaus ist seinen Graffiti ureigen, dass sie im Laufe der Zeit verblassen. Vergänglichkeit ist hier ein schleichender Prozess, der auch der letzten kompletten Totentanzfigur in Köln anzusehen ist: Das Skelett, das sich vor dem zugemauerten Westportal der Cäcilienkirche breitmacht, hat deutlich an Spraystrahlkraft verloren.

Vom Skelett zur Urwolke

Dem Künstler scheint diese Entwicklung ins Konzept zu passen. Einer Anfrage zur Restaurierung, die das in der Kirche residierende Museum Schnütgen 2010 gestellt hatte, erteilte er eine Absage. Dem Skelett solle das Schicksal beschieden sein, ließ er wissen, das die Zeit dafür vorgesehen habe.  Immerhin – einmal hat Naegeli die knöcherne Gestalt aus dem Jahre 1980, die mehrfach Opfer vandalistischer Attacken geworden war, aufs Neue gesprayt. Das geschah im Jahre 1989. Anlass war der 150. Geburtstag des Kölnischen Kunstvereins, dessen Direktor Wulf Herzogenrath 1982 die erste Ausstellung mit Werken von Harald Naegeli realisiert hatte.

Nun präsentiert das Museum Schnütgen bis in den Juni 2022 hinein einige Arbeiten des Künstlers, die in die ständige Sammlung integriert sind. Dabei handelt es sich – neben den fotografischen Dokumenten der historischen Graffiti – um eine Auswahl aus 102 weniger bekannten Zeichnungen und Radierungen, die der Künstler dem Museum im Jahre 2018 geschenkt hatte. Darunter sind auch Tuschezeichnungen seiner großartigen, sich unentwegt weiter auftürmenden „Urwolke“. Ein Never-Ending-Artwork – sozusagen.

Museumsdirektor Moritz Woelk macht im Katalogbuch auf die vielen Korrespondenzen zwischen dem Künstler des Jahrgangs 1939 und der Kunst des Mittelalters aufmerksam. Da wie dort gehe es um Empathie, die Sehnsucht nach Kontakt, nicht zuletzt um Gemeinschaft. Selbstverständlich ist auch Tod und Totenkopf und Totentanz ein mehr als vertrautes Motiv in der mittelalterlich-sakralen Bilderwelt: Memento mori – Bedenke, dass du sterben wirst. So viel Verbindendes lässt nur einen Schluss zu, den Moritz Woelk zur Eröffnung der Ausstellung aussprach: „Die Zeichnungen wollten schon immer in unser Museum.“

Harald Naegelis letzter Kölner Totentänzer wurde anlässlich der Ausstellung in ein höllisches Rot getaucht. Zum Vergleich einfach mal an den Häkchen ziehen. Fotos: Bücheratlas

Ganz Zürich ist verunsichert  

Das Katalogbuch deutet Harald Naegelis Werk und schildert seine bewegte Vita zwischen Kreativität und Rechtsprechung, praktizierter Kunstfreiheit und beklagter Sachbeschädigung. In Zürich und Venedig, in Köln und Düsseldorf war er nachts unterwegs, um seine Figuren zu sprayen; tagsüber wurde er dann gewahr, welche Motive von der städtischen Reinigungskolonne wieder entfernt worden waren. Ein absurd anmutendes Hase-und-Igel-Rennen.

Komisch wirkt heute auch das Schweizer Gerichtsurteil, das den Künstler zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten auf Bewährung verurteilte. Doch im Jahre 1981 klang die Begründung in Naegelis Ohren eher schrill: „Der Angeklagte hat es verstanden, über Jahre hinweg und mit beispielloser Härte, Konsequenz und Rücksichtslosigkeit die Einwohner von Zürich zu verunsichern und ihren auf unserer Rechtsordnung beruhenden Glauben an die Unverletzlichkeit des Eigentums zu erschüttern.“  

Das lesenswerte, kompakt informierende Katalogbuch zur Ausstellung erscheint im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König in Köln. Im gleichen Verlag – wenn auch damals noch ohne Franz König – ist 1982 ein Band zum „Kölner Totentanz“ veröffentlicht worden.

Krieg und Utopie

Walther König und Wulf Herzogenrath, frühe Fürsprecher des Künstlers, wohnten am Mittwochabend der Ausstellungseröffnung bei. Harald Naegeli selbst konnte die Reise von Zürich nach Köln nicht antreten. Seine Videobotschaft immerhin zeigte einen Künstler, der nichts von seinem politischen Engagement eingebüßt hat. Putins Krieg zeige, sagte er vor zwei Apokalypse-Bildern in seinem Atelier sitzend, „wie unberechenbar das menschliche Handeln“ sei. Und er endete mit der lächelnd vorgetragenen Klage: „Die Utopie, die der Sinn unseres Daseins ist, ist vollständig vergessen.“

Harald Naegeli mit einer Videobotschaft bei der Eröffnung Foto: Bücheratlas

Mit den tanzenden Toten, agilen Skeletten und starr stierenden Totenschädeln im öffentlichen Raum attackierte Harald Naegeli einst Umweltverschmutzung und Stadtbetonierung. Das sind noch immer wichtige Kritikfelder. Die knochigen Sensenmänner allerdings, die der nach Zürich heimgekehrte Künstler 2020 sprayte (und von denen wieder ein Motiv zerstört wurde), zielten und zielen auf das Virus. Dass die Welt jetzt auch noch unter Putins Ukraine-Krieg ächzt, verleiht dem alten Kölner wie dem neuen Zürcher Totentanz eine heiße Aktualität. Dazu passt das höllische Scheinwerfer-Rot, in das der letzte Kölner Totentänzer zur Feier der Ausstellung getaucht ist.

Martin Oehlen

Die Ausstellung

„Harald Naegeli in Köln – Sprayer und Zeichner“ im Museum Schnütgen (Cäcilienstraße 29-33) ist bis zum 12. Juni 2022 zu sehen. Montag geschlossen. Die Ausstellung wurde kuratiert von Erchen Wang und Kim Mildebrath.

Moritz Woelk (Hrsg.): „Harald Naegeli in Köln – Sprayer und Zeichner“, Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, 180 Seiten, 18 Euro.

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