„Wo kommst du her?“: Yannic Han Biao Federers Roman „Tao“ erzählt von Liebeskummer und Identitätssuche

Tao wie zuvor schon sein Vater begeben sich auf Spurensuche in Hongkong. Foto: Bücheratlas

Die Wienerin auf der Hochzeitsfeier von Bekannten ist bereits in einem beschwipsten Zustand, als sie Tao die Frage stellt: „Wo kommst du her?“ Seine Antwort: „Aus Köln.“ Doch das reicht der Frau nicht: „Naa, sie machte eine wegwerfende Geste, wo kommst du eigentlich her?“ Tao gibt sich einsichtig: „Ach so. Freiburg.“ Die Frau lässt nicht locker: „Und deine Eltern?“ Er: „Auch, sagte ich.“ Das ist der Punkt, an dem die Frau meint, sich erklären zu müssen. Sie bekennt, dass sie sich „halt total“ dafür interessiere, woher die Leute kommen: „Weil ganz bist du ja nicht was anderes, nur halb, oder?“

Massenproteste in Hongkong

Solch inquisitorische Erkundigungen sind dem Ich-Erzähler in Yannic Han Biao Federers Roman „Tao“ leidig vertraut. Die Frage nach der Herkunft muss Tao, der von den meisten Tobi genannt wird, in diesem Roman mehrmals beantworten. Allerdings begibt er sich auch selbst auf die Suche nach den Spuren seiner Herkunft und reist deshalb nach Hongkong. Bei seiner Ankunft prägen gerade die Massenproteste im Zeichen des Regenschirms die Metropole: „Stop violence“. Die Überlegung, einen Mundnasenschutz zu kaufen, wird da noch vom Tränengas und nicht vom Virus angeregt.

Tao macht sich auf den Weg nach Asien wie zuvor schon sein Vater. Der war ebenfalls aus Deutschland in die Sonderverwaltungszone Hongkong gereist, um den Geburtsort seines eigenen Vaters zu finden. Dieser Vater – also Taos Großvater – stammte aus einer chinesischen Familie, die Hunger litt und derart verarmt war, dass sie das Kind nach Indonesien verkauft hatte.

Tao ist auch mal Tobi, Yán und Alex

Wie man von alledem erzählen kann, ist ein wesentlicher Aspekt in „Tao“. Yannic Han Biao Federer, 1986 in Breisach am Rhein geboren und in Köln am Rhein lebend, führt zunächst den Ich-Erzähler ein, der aufschreibt, was wir hier lesen. Doch weil Tao das Autobiographische viel zu nahe geht, wechselt er die Perspektive und überträgt seine Geschichte einem Alter Ego namens Alex – so „als handelte der Text nicht von mir“.

Aber damit sind nicht alle Erzählprobleme gelöst. Was ist wahr und was ist erfunden, wenn man sich das eigene Leben erzählt? Die Mutter als frühe Leserin weist Tao darauf hin, dass seine Erinnerung Lücken aufweise. Und die Versuche von Micha, die Biografie des Freundes für ein Hörspiel zu nutzen und ihn dort als Yán einzuführen, stoßen bei Tao auf keine Begeisterung: „Yán kommt mir etwas weinerlich vor.“ meldet er dem Freund. Das angefügte „Haha“ klingt nicht locker, sondern eher aufgesetzt.

„Hauttyp“ als Arbeitstitel

Wie schon der Debütroman „Und alles wie aus Pappmaché“, auf dessen Coming-of-Age-Geschichte in „Tao“ angespielt wird, beeindruckt auch der neue Roman mit Erzählrhythmus und Formbewusstsein. Ständig wechselt Yannic Han Biao Federer die Erzählfäden, die miteinander verbunden sind. Mal schildert er die Tristesse in Köln-Kalk und mal den Liebeskummer mit Miriam, die unter dem Verlust des Vaters leidet (ja, es ist auch ein Väter-Roman). Dann chattet er mit Micha über literarische Fragen, führt eher beiläufig die Nachstellungen aus Schulzeiten an und handelt von Erkundungsreisen und Familienbesuchen in Asien.

In so klarer wie geschliffener Sprache wird von der Suche nach der Identität erzählt. Der Ich-Erzähler erwähnt, dass er seinem Manuskript den Arbeitstitel „Hauttyp“ gegeben habe. Dieses Motiv wird einige Male intoniert. Es bekommt eine besondere Dynamik in dem Moment, in dem sich der Held bei seiner Ärztin am Telefon beklagt, die verordneten Tabletten machten seine Haut bleich und bleicher. Die fernmündliche Diagnose gehört zu den amüsanten Momenten, die es in diesem Roman ebenfalls gibt.

Vorgeschmack beim Bachmannwettbewerb

Nicht zuletzt besticht der Autor als hellwacher Beobachter, wenn er „bunte Regenjacken mit vorgespanntem Hund“ ausmacht oder wenn sein Held versucht, dem Wind die Flasche zu entwenden, in die dieser pfeift. Das mit dem Wind klappt nicht so recht: „immer findet er einen neuen Winkel, aus dem er mir dunkle Töne ins Bier geben kann.“   

Beim Bachmannwettbewerb im Jahre 2019 wurde Yannic Han Biao Federer für einen Auszug aus dem nun vorliegenden, damals aber noch nicht abgeschlossenen Roman mit dem 3sat-Preis geehrt. „Tao“ ist ein vielfarbig schimmerndes Mosaik, dessen Steine und Steinchen sich im Lauf der Lektüre zu einem faszinierenden Bild formieren. Allerdings wird bewusst kein Ganzes und nichts Gerundetes zur Anschauung gebracht. Jedes Lebensmosaik hat seine Leerstellen. Die Suche nach der Person, die man ist, geht immer weiter.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

findet sich eine Besprechung Yannic Han Biao Federers Debütroman „Und alles wie aus Pappmaché“ – und zwar HIER.

Buchpremiere im Literaturhaus Köln am 9. März um 19.30 Uhr. Moderation: Tilman Strasser.  Es folgen Lesungen in München (11. März), Leipzig (16. und 18. März), Berlin (30. März) und Bonn (31. März).

Yannic Han Biao Federer: „Tao“, Suhrkamp, 190 Seiten, 23 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

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