Léna findet ihren Platz im Leben: „Das Mädchen mit dem Drachen“ von Laetitia Colombani ist ein Roman über Sinnsuche und Frauenpower

Strandszene am Indischen Ozean Foto: Bücheratlas

Léna hat einen schweren Verlust erlitten. François, ihr langjähriger Partner, ist tot, ihr gemeinsamer Traum von einem Haus in der Bretagne wird sich nicht erfüllen. So streift sie ihr altes Leben in Frankreich ab wie ein zu groß gewordenes Kleid und flieht in die fremde Welt Indiens.

Zuflucht in Indien

An der Koromandelküste am Golf von Bengalen hofft sie, an Körper und Seele zu genesen. „Allein dieser Name verspricht eine willkommene Abwechslung.“ Doch ihrer Trauer und ihrem Schmerz kann sie auch in Tamil Nadu nicht entfliehen. Eines Morgens legt Léna ihre Kleidung ab und geht ins Meer, das schnell die Oberhand gewinnt „über ihre mageren, von schlaflosen Nächten weitgehend aufgezehrten Energiereserven. Das Letzte, was Léna erkennt, bevor sie in den Fluten versinkt, ist die Silhouette eines Drachens, der irgendwo am Himmel über ihr schwebt“.

Für die Englischlehrerin aus Europa wendet sich an diesem Morgen das Leben, und fast könnte man ihr Bad im Meer als Taufe, als Reinwaschung von allem Bisherigen begreifen. Denn hier an der Koromandelküste, in einem von Armut gezeichneten Dorf zwischen Chennai und Puducherry, findet sie ihre Bestimmung.

Missbraucht als billige Arbeitskraft

Die Geschichte einer Sinnsuche in Indien ist beileibe nicht neu, doch die französische Schriftstellerin, Regisseurin und Schauspielerin Laetitia Colombani hat aus dem vielfach behandelten Thema einen engagierten und vielschichtigen Roman über Trauer, Schmerz und Frauenpower gemacht. „Das Mädchen mit dem Drachen“ ist bereits ihr drittes Buch. Laetitia Colombani knüpft darin an ihren 2017 erschienenen Debütoman „Der Zopf“ an, der auch in Deutschland ein Bestseller wurde. Dort erzählt sie die Geschichte der kleinen Lalita aus der Kaste der Unberührbaren. Ihre Mutter bricht mit ihr aus dem Norden Indiens auf, um ihr in Tamil Nadu die Chance auf ein Leben in Würde zu ermöglichen.

Inzwischen ist Smita, die Mutter, gestorben, und Lalita lebt bei entfernten Verwandten, die sie als billige Arbeitskraft missbrauchen. Ihr einziges Vergnügen: Jeden Morgen lässt sie am Strand einen selbstgebastelten Drachen steigen.

Rote Brigade kämpft für Frauenrechte

Für Léna wird das Mädchen mit dem Drachen zur Lebensretterin. Lalita ist zur Stelle, als sie erschöpft in den Wellen unterzugehen droht. Durch sie macht sie Bekanntschaft mit der Roten Brigade, einer Gruppe couragierter junger Frauen, die sich dem Kampf für Frauenrechte und gegen Männergewalt verschrieben haben.

Erst allmählich begreift Léna, was es bedeutet, in Indien eine Frau zu sein. Systematisch wird Mädchen in den traditionsbewussten ländlichen Gegenden das Recht auf Bildung verweigert. Sie werden geschlagen, missbraucht und gegen ihren Willen verheiratet, sobald sie die Geschlechtsreife erreicht haben. „Die Geschlechterungerechtigkeit beginnt mit der Geburt und besteht von Generation zu Generation fort. Den Mädchen nichts beizubringen ist der sicherste Weg, sie zu unterjochen, ihre Gedanken und Wünsche zum Verstummen zu bringen. Indem man ihnen die Schulbildung vorenthält, sperrt man sie in ein Gefängnis, aus dem sie sich nicht befreien können.“

Mangelnde Bildung blockiert den Aufbruch

Léna beschließt, dem verhängnisvollen Kreislauf aus Traditionsbewusstsein, Armut und Bildungsferne ein Ende zu machen. Eine Schule will sie gründen, in der auch Mädchen die Chance auf einen Abschluss und damit auf ein selbstbestimmtes Leben bekommen. Doch die Hürden sind trotz der Unterstützung von Brigade-Führerin Preeti hoch. Schnell stellt die Europäerin fest: „Egal, wie unglücklich diese Menschen sind, sie sind nicht bereit, überlieferte Gewohnheiten aufzugeben. Mangelnde Bildung blockiert nicht nur ihre eigenen Entwicklungsperspektiven, sondern auch die ihrer Nachkommen.“

Zwei Jahre brauchen Léna und ihre schlagkräftige Frauentruppe, ehe die Schule in einer umgebauten Werkstatt eröffnet werden kann. „Im Klassenraum beobachtet Léna mit klopfendem Herzen die vor ihr versammelten Schülerinnen und Schüler. Ihr gegenüber sitzen Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren – die einzige Klasse an diesem ersten Schuljahresbeginn. Der Boden ist mit neuen Teppichen ausgelegt. Die frischgestrichenen Wände warten auf Landkarten, Buchstaben und mathematische Symbole, die die Lehrerinnen und Lehrer bald dort aufhängen werden.“

Lebensklug und warmherzig

Lénas Kampf ist noch lange nicht zu Ende. Schon wenige Monate nach Eröffnung der Schule wird die erste Schülerin gegen deren Willen verheiratet, Lalita, dem Mädchen mit dem Drachen, droht das gleiche Schicksal. Doch ein Anfang ist gemacht, und Léna sieht endlich wieder einen Sinn in ihrem Leben. „Sie weiß jetzt, dass sie ihren Platz gefunden hat, dass sie nicht weiter zu suchen braucht. Sie sagt sich, dass ihr die Luft gehört, dass auch das Licht, der Himmel und die Erde, die Bäume, die Farben, die Düfte, der Sonnenaufgang über dem Meer ihr gehören. Dass diese Kinder die ihren sind.“

Laetitia Colombani ist auch mit ihrem dritten Buch ein lebenskluges, warmherziges und von feministischem Kampfgeist getragener Roman gelungen. Ob Lalita und ihre Mitschülerinnen ihren Weg machen werden, ob Léna weiterkämpfen wird für ihre Schule – vielleicht erfahren wir all das in einem weiteren Roman. Zu wünschen wäre es.

Petra Pluwatsch

Auf diesem Blog findet sich eine Besprechung von Laetitia Colombanis zweitem Roman „Das Haus der Frauen“ – und zwar HIER .

Laetitia Colombani: „Das Mädchen mit dem Drachen“, dt. von Claudia Marquardt, S. Fischer, 270 Seiten, 22 Euro. E-Book: 16,99 Euro.   

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