Oberkommissar Abraham ermittelt mal wieder auf eigene Faust: Dror Mishanis „Vertrauen“ erlaubt einen Blick in die israelische Seele

Eigentlich ganz beschaulich, das Abendstimmungsdasein in Tel Aviv – doch nicht so in Dror Mishanis neuem Kriminalroman „Vertrauen“. Foto: Bücheratlas

Oberinspektor Avi Avraham hat keine Lust mehr auf seinen Job beim Ayalon-Polizeidistrikt in Tel Aviv. „Die meisten Fälle, in denen er in den letzten Jahren zu ermitteln hatte, waren tragische Gewalttaten gewesen, deren Aufklärung niemandem mehr geholfen hatte. Wem hatte es genützt, dass er herausgefunden hatte, dass Raphael Sharabi seinen Sohn Ofer getötet hatte“, fragt er sich. Und träumt von „hochkomplexen Geheimoperationen, um den Wettlauf der Iraner zur Atombombe zu stoppen“, von „heroischen Vereitelungen von Terrorakten und Ermittlungen gegen Staatspräsidenten und Minister“.

Leben mit Ängsten und Konflikten

Doch keine Angst. Avi Avraham bleibt seinem angestammten Metier auch in „Vertrauen“ treu, dem vierten Band von Dror Mishanis anspruchsvoller Krimireihe. Mishani, Literaturdozent an der Universität in Tel Aviv, ist der wohl bekannteste israelische Krimiautor. Seine mehrfach ausgezeichneten und in viele Sprachen übersetzten Romane zeichnen sich durch ihre literarische Ambition und die komplexe Abbildung des israelischen Alltags aus.

In „Vertrauen“ ist der arbeitsmüde Oberinspektor mit gleich zwei Fällen konfrontiert, in denen sich die Besonderheiten dieses von Ängsten und politischen wie religiösen Konflikten geprägten Landes spiegeln. Vor der Eingangstür eines Krankenhauses, so der erste Erzählstrang, wird ein erst wenige Tage altes Mädchen abgelegt. Die Kleine, eine Frühgeburt, ist kaum lebensfähig und muss mühsam aufgepäppelt werden. Die Mutter bleibt verschwunden.

Ein Hotelgast wird vermisst

Am selben Tag wird in einem heruntergekommenen Strandhotel ein Gast vermisst. Der Mann hat nur wenige Stunden in seinem Zimmer verbracht, ehe er in der Morgendämmerung des nächsten Tages zu einem unbekannten Ziel aufbrach. Angebliche Verwandten bezahlen wenig später die ausstehende Rechnung des Schweizer Touristen und nehmen sein Gepäck mit.  

Während Kollegin Esthi Wahabe sich bemüht, die Mutter des ausgesetzten Säuglings aufzuspüren, versucht der Oberinspektor, die letzten Stunden des verschwundenen Touristen zu rekonstruieren. Warum ist der angebliche Schweizer unter einem falschen Namen in Israel eingereist, und mit wem wollte er sich am frühen Morgen treffen? Warum wurde sein Zimmer durchsucht? War er wirklich ein abgebrannter Drogenschmuggler, wie man ihm weismachen will, oder steckt nicht vielleicht der israelische Geheimdienst Mossad hinter dem mysteriösen Fall?

Eine harte Probe für die Loyalität

Als schließlich die von Folterspuren gezeichnete Leiche des Mannes im Meer gefunden wird, sieht Avi Avraham seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Er beginnt, allen Warnungen zum Trotz auf eigene Faust zu ermitteln. Schon bald wird seine Loyalität dem israelischen Staat gegenüber auf eine harte Probe gestellt.

Auch Esthi Wahabe stößt an ihre Grenzen, nachdem sie die Großmutter des ausgesetzten Mädchens ermittelt hat. Bei jeder Vernehmung wartet Liora mit einer anderen Geschichte auf, ehe sie zugibt, ihre minderjährige Tochter zu einer illegalen Spätabtreibung gedrängt und den Säugling, der den Eingriff überlebt hat, eigenhändig vor dem Krankenhaus abgelegt zu haben. Dabei geht es um weit mehr als um eine banales Familiendrama.

Literarisch wie psychologisch reizvoll

Mishani spiegelt in dem Fall unter anderem die religiösen Konflikte eines in sich gespaltenen Landes, in dem eine Verbindung zwischen Juden und Arabern nicht selten ein No-Go ist. Erzählt werden die beiden Geschichten aus unterschiedlichen Perspektiven, was literarisch wie psychologisch reizvoll ist.

Dror Mishani gewährt auch im vierten Band seiner Reihe einen tiefen Einblick in die israelische Seele. Der Autor versteht es ein weiteres Mal, seine Leserinnen und Leser mit einem spannenden Plot zu unterhalten.

Petra Pluwatsch

Auf diesem Blog

findet sich eine Besprechung von Dror Mishanis Kriminalroman „Drei“ aus dem Jahre 2019 – und zwar HIER.

Lesungen mit Dror Mishani

am 15. März 2022 in Zürich, am 16. März 2022 in Wiesbaden, am 18. März 2022 in Köln, am 20. März 2022 in Berlin und am 21. März 2022 in Pullach.

Dror Mishani: „Vertrauen“, dt. von Markus Lemke, Diogenes, 352 Seiten, 22 Euro. E-Book: 18,99 Euro.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s