Gartenparty im Zeichen des Kolonialismus: Natasha Browns Debütroman „Zusammenkunft“ über Karriere, Diversität und Ausgrenzung

London ist der zentrale Handlungsgort von Natasha Browns Roman. Foto: Bücheratlas

Da kommt einiges zusammen. Zwar begnügt sich Natasha Brown in ihrem Roman „Zusammenkunft“ („Assembly“) mit nicht einmal 120 Seiten. Doch ist ihr literarisches Debüt eine fette Abrechnung mit der britischen Gesellschaft, die ihre koloniale Vergangenheit – dieser Eindruck wird massiv vermittelt – immer noch tief im Herzen trägt.

Karriere hat Kraft gekostet

Die namenlose Ich-Erzählerin sagt, sie kenne Jamaika, wo ihre Tanten und Onkel leben, nur aus Erzählungen. Sie ist die „englische Cousine“, die in London Karriere gemacht hat. Von ihrem profilierten Arbeitsplatz in einer Bank könnte sie frohgemut in die Zukunft blicken. Doch der Aufstieg hat Kraft gekostet. Längst schon ist ihr „schlecht vom Erreichen, vom Durchhalten.“

Denn da ist so vieles geschehen, sexistische Übergriffe inklusive, und da läuft so manches quer. So erzürnt die Frau die Behauptung, sie sei aus Gründen der Diversität bei der Stellenbesetzung bevorzugt worden. Vor allem dieser Satz eines Kollegen steckt ihr quer im Kopf: „Es ist so viel einfacher für euch Schwarze und Hispanics.“  

Keine Hoffnung auf ein „Wir“

Der Zorn der Erzählerin richtet sich gegen die seit der Kolonialzeit weiter und weiter schwärenden Vorurteile in der weißen Mehrheitsgesellschaft: „Man hat ihnen beigebracht, unsere Körper (uns) als Objekte zu betrachten. Sie lernen die Unterscheidung Industriestaaten/Entwicklungsländer als Geografie, unwiderlegbar wie Berge, Ozeane und andere Naturphänomene.“

Zwar ruft sich die Erzählerin zu, dass sie niemandem im Vereinigten Königreich etwas schuldig sei. Nicht für Bildung, Gesundheit, Infrastruktur. Schließlich zahle sie ihre Steuern. Dennoch empfindet sie einen permanenten Anpassungsdruck. Aber kann die Anpassung überhaupt gelingen? An einem „Wir“ zweifelt sie durchweg: „Hier geboren, Eltern hier geboren, immer hier gelebt – trotzdem, nie von hier. Ihre Kultur wird auf meinem Körper zur Parodie.“

Unter Beobachtung auf der Gartenparty

Den Rahmen für diese Erzählung vom alltäglichen Rassismus liefern die Szenen ihrer Beziehung mit Lou. Der stammt aus angesehener, etablierter, urbritischer Familie. Die Fahrt zu Lous Eltern, zu deren Gartenparty auf dem Lande, wird für die Erzählerin zur Herausforderung. Sie weiß, dass man sie beobachten wird: „Es gibt die Aussicht auf Zugehörigkeit, oh ja.“ sagt sie bitter. Das wäre dann wohl ein „Höhepunkt in der Geschichte meines sozialen Aufstiegs.“  

Parallel zu alledem muss sich die Erzählerin ihrer Krebserkrankung stellen, die sie zunächst nicht wahrhaben will. Die Ärztin warnt. Bald schon drängt sich bei der Lektüre die Frage auf, welches Übel eher zu besiegen sei – der Krebs oder der Rassismus?

Mosaik des Missbehagens

Natasha Brown, die Mathematik studiert und in der Londoner Finanzwelt gearbeitet hat, pflegt einen alles andere als süffigen Stil. Zuweilen sehen wir uns einem Stakkato ausgesetzt: Jeder Satz ein Statement. Grundsätzlich scheint ihr die Message wichtiger zu sein als der Plot. So ist der Roman politisch auffälliger denn literarisch. Jackie Thomae, die mit ihrem Roman „Brüder“ im Jahre 2019 auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis stand, hat diese Prosa überzeugend ins Deutsche übersetzt. Sie macht die Risse und Brüche auch in der Sprache deutlich.

„Zusammenkunft“ ist ein Mosaik des Missbehagens. Zu viel Karrieredruck, zu viel Sexismus, zu viel Klassengesellschaft, zu viel Rassismus. Wer dabei nur an Großbritannien denkt, liegt selbstverständlich falsch. Es ist ein kurzer Roman, der vor Empörung klirrt.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

findet sich ein Beitrag über Jackie Thomaes Roman „Brüder“, der Ende 2021 das „Buch für die Stadt“ in Köln und Umgebung war – und zwar HIER.

Lesungen mit Natasha Brown

gibt es in Deutschland am 23. März 2022 in Berlin, am 24. März 2022 in München und am 25. März 2022 in Köln.

Natasha Brown: „Zusammenkunft“, dt. von Jackie Thomae, Suhrkamp Verlag, 120 Seiten, 20 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

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