Das Rätsel von Floreana: Werner Köhler lässt in seinem Roman „Die dritte Quelle“ die „Galapagos-Affäre“ aufleben

Die Meerechsen auf den Galapagos-Inseln sind eine endemische Leguanart. Sie sind durchaus friedliche Inselbewohner. Foto: Bücheratlas

Harald Steen hat sich für ein Containerschiff entschieden. Zwar besteht im Jahre 1999 für ihn die Möglichkeit, per Flugzeug von Deutschland nach Ecuador zu gelangen. Doch der Hamburger folgt einem detaillierten Plan. Der macht es unabdingbar, dass er sich für den Schiffstrip entscheidet. Damit beginnt sie – die „Reise in ein Abenteuer von ungeheurer Dimension.“

Harald Steens Reise zum Ursprung

Der Roman „Die dritte Quelle“ von Werner Köhler handelt von diesem „Abenteuer“. Von der Suche des Harald Steen nach seinem Ursprung und nach einem neuen Leben. Dazu reist der großgewachsene, 64 Jahre alte und frisch pensionierte Bankangestellte nach Floreana, einer Insel im Galapagos-Archipel, rund 1000 Kilometer vor der ecuadorianischen Küste gelegen.

Floreana? Wer jetzt kurz aufmerkt, erinnert sich womöglich an die historisch verbürgte „Galapagos-Affäre“ von 1934. Aber zum Allgemeinwissen gehören die damaligen Ereignisse sicher nicht. Daher gibt es im Anhang dieser Besprechung noch einen kurzen Exkurs.

Als die Deutschen kamen

Hier nur so viel: Im Jahre 1929 landet der Berliner Arzt Friedrich Ritter mit seiner Lebensgefährtin Dore Strauch als erste Siedler auf der Insel. Adam und Eva im Garten Eden – sozusagen. Drei Jahre später folgt ihnen das Kölner Ehepaar Wittwer nebst kränkelndem Sohn sowie – nur wenige Monate danach – die angebliche Baronin Eloise Wagner de Bousquet mit ihren Begleitern Rudolf Lorenz und Robert Philippson. Dann das ominöse Jahr 1934: Es verschwinden die „Baronin“ und Philippson, ohne je wieder aufzutauchen, und es sterben der Vegetarier Friedrich Ritter an einer Fleischvergiftung und Rudolf Lorenz bei seinem Versuch, zurück nach Europa zu gelangen. Dore Strauch verlässt Floreana noch im selben Jahr.

Ein Fluch, ein Komplott, ein Zufall? Ziemlich offensichtlich ist, dass die bekannten Fakten viel Raum für die Fantasie lassen.

Der Nachhall der „Galapagos-Affäre“ war erheblich. Er wurde angefacht durch die autobiographischen Bücher und Berichte von Friedrich Ritter („Als Robinson auf Galapagos“), Dore Strauch („Satan Came to Eden“) und Margret Wittmer („Postlagernd Floreana“). Georges Simenon recherchierte sogar vor Ort. Es folgten einschlägige Dokumentationen und Fiktionen, einige Bewegtbilder finden sich leicht im Netz.

Eine unerwartete Personalie

Nun lässt sich auch Werner Köhler auf das faszinierende Rätselsammelsurium von Floreana ein. Sein Zugang ist geschickt gewählt. So viel darf verraten werden, ohne die Geschichte zu spoilern: Harry Steen wird hier als bislang nie erwähnter Sohn von Dore Strauch eingeführt, wobei der Vater möglicherweise Friedrich Ritter ist – aber genau weiß man’s eben nicht. Das ist ein feiner Move des Erzählers, um ins Herz der Finsternis auf Floreana zu gelangen. 

Nach der langen Schiffsreise, die Steen in Erinnerung an die deutschen Pioniere  gemacht hat, checkt er im Hotel Wittmer ein. Dort gibt er sich als Romanautor aus und verschweigt seine familiäre Bindung an die Insel. Er lernt nicht nur Rolf und Ingeborg kennen, die historisch verbürgten Erstgeborenen auf der Insel, sondern auch deren Mutter Margret Wittmer in ihrem letzten Lebensjahr.

Die letzte Zeugin kommt aus Köln

Die Patriarchin ist die einzig verbliebene Augenzeugin der Ereignisse von 1934. Zu Steens Leidwesen spricht sie noch immer das breite Kölsch ihrer Heimatstadt (für dessen korrekte Wiedergabe Werner Köhler beim Kölner Musiker Gerd Köster Rücksprache genommen hat). Vielsagend tut Margret kund, dass die Gesichtszüge des Fremden ihr bekannt vorkommen: „Sie haben Ähnlichkeit mit…“

Dore Strauch und Friedrich Ritter sind Steens Vorbilder. Er bewundert ihre Willenskraft und folgt ihrer Vision. Auf ihren Spuren zieht er in den Dschungel, lässt alle Kleidung fallen, findet die Frischwasserquelle, richtet sich in einer Lavafelsenhöhle ein, trotzt den Sandflöhen, rodet das Land für die Aussaat und liest Nietzsches „Zarathustra“. Was er für sein karges Leben in der Natur benötigt, klaut er sich zum Teil bei den wenigen Einwohnern zusammen.

„Was geschieht, geschieht“

Steen ist ein Einzelgänger, der bisweilen errötet und von ein paar Dämonen gejagt wird. Am liebsten redet er mit einem Hund, der ihm zugelaufen ist – so wie Tom Hanks in „Cast Away“ einen Volleyball als Ansprechpartner hatte. Angst und Wut spielen eine erhebliche Rolle in seinem Leben. Ein Inselbewohner treibt ihn gar zur Weißglut. Mordgedanken hegt er mehr als einmal. Und dann setzt er auch noch die Pillen ab, die er in seinem alten Leben zur Beruhigung der „Mäuse im Kopf“ geschluckt hat: „Was geschieht, geschieht.“

Werner Köhler, Autor zahlreicher Romane und Erfinder des Literaturfestivals lit.Cologne, kann die „Galapagos-Affäre“ selbstverständlich nicht enträtseln. Wie denn auch! Allerdings gelingt es ihm, das Kopfkino ans Laufen zu bringen, indem er allerlei Möglichkeiten aufwirft, mal beiläufig angedeutet und mal offensiv durchgespielt.

„Es gibt kein Paradies auf der Erde“

Der Autor verknüpft mit vielen Fäden die Historie aus den früher 1930er Jahren mit der Geschichte des Neuankömmlings rund 70 Jahre danach. Dabei kommt es zu zahlreichen Spiegelungen von Personen und Motiven. Auch wird die urwüchsige Natur der Insel, die Flora etwas mehr als die Fauna, plastisch geschildert. All das trägt dazu bei, dass der Unterhaltungsfaktor erheblich ist. 

Das Finale des Romans sieht aus wie ein Happy End. Es scheint, als könnte sich Harald Steen – anders als seine Mutter – dauerhaft auf der Insel etablieren. Ausgeschlossen ist allerdings nicht, dass Steen auf dem direkten Weg in den Wahnsinn ist.

Auf jeden Fall bekräftigt „Die dritte Quelle“ eine Lehre aus der „Galapagos-Affäre“: Das Paradies muss anderswo liegen. Oder wie es Margret Wittmer in den 1980er Jahren in einer TV-Doku formulierte: „Es gibt kein Paradies auf der Erde.“ Damit sei alles gesagt: „Nada mas.“

Martin Oehlen

  • Die „Galapagos-Affäre“

    Floreana gehört zu den Galapagos-Inseln und war einst ein Unterschlupf für Piraten, Rastplatz für Walfänger und kurze Zeit Straflager. Seit über 200 Jahren befindet sich dort eine unbemannte Poststelle im Pazifik. Dem Vernehmen nach gibt es auf der Insel zwei Süßwasserquellen.

  • Die Besiedelung erfolgt sehr spät. Als im Jahre 1929 der Berliner Arzt Dr. Friedrich Ritter und seine Lebensgefährtin Dore Strauch an Land gehen, sind sie die Pioniere, die sie als Zivilisationsflüchtlinge sein wollen.

  • Ihre Robinsonade spricht sich schnell herum. Sie lockt die Kölner Familie Wittmer an. Im August 1932 erreichen Heinz Wittmer, der im Sekretariat des Kölner Oberbürgermeisters Konrad Adenauer arbeitete, und seine Ehefrau Margret mit Sohn Harry die Insel. Margret Wittmer bringt dort noch die Kinder Rolf und Ingeborg zur Welt.

  • Schließlich betreten im Oktober 1932 Eloise Wagner de Bousquet, die sich als Baronin ausgibt, mit ihren Begleitern Rudolf Lorenz und Robert Philippson die tropische Bühne. Das Ziel des schillernden Terzetts, so heißt es, sei der Bau eines Luxushotels auf Floreana.

  • Doch dann beginnt das mysteriöse Sterben und Verschwinden. Angeblich besteigen die selbsternannte Baronin und ihr Freund Philippson im März 1934 eine Yacht, um nach Tahiti zu reisen. Das Paar ward nie mehr gesehen, auch nicht auf Tahiti.

  • Lorenz, der Dritte im Bunde, verlässt Floreana im Juli auf einem Fischerboot des Norwegers Trygve Nuggerud. Die Leichname der beiden werden im November am Strand einer unbewohnten Insel im Archipel gefunden. Der ecuadorianische Bootsjunge José Pasomino, der mit an Bord gegangen war, bleibt verschollen.

  • Schließlich stirbt im November Friedrich Ritter an einer Lebensmittelvergiftung. Der Vegetarier hatte zu Hühnerfleisch gegriffen.

  • Der Verdacht macht die Runde, dass Dore Strauch für die Vergiftung verantwortlich sein könnte. Sie verlässt Floreana kurz vor Ende des verlustreichen Jahres 1934 und kehrt zurück nach Deutschland.  

  • Ein Luxushotel, wie es die „Baronin“ im Sinn gehabt haben soll, gibt es immer noch nicht auf Floreana. Wen es auf die Insel zieht, kann im Hotel Wittmer unterkommen. Das einfache Hostal in bester Strandlage wird von den Nachfahren geführt. M. Oe.

Auf diesem Blog

finden sich einige Beiträge von und über Werner Köhler, der auch unter dem Pseudonym Yann Sola veröffentlicht. Unter anderem gibt es einen Besuch am Schauplatz der Krimireihe um den Ermittler Perez in Südfrankreich (HIER) sowie die Besprechung des Bandes „Johannisfeuer“ (HIER). Zudem hat sich Werner Köhler zu seinem Abschied von der lit.Cologne geäußert (HIER) und einen Buchtipp für den Bücheratlas verfasst (HIER).  

Lesung

mit Werner Köhler am 24. März 2022 um 19.30 Uhr in der Comedia im Rahmen der lit.Cologne. Moderation: Wolfram Eilenberger.

Werner Köhler: „Die dritte Quelle“, Kiepenheuer & Witsch, 432 Seiten, 22 Euro. E-Book: 18,99 Euro.

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