Auf den Spuren von Gustave Flaubert, der vor 200 Jahren geboren wurde (1): Kindheit in Rouen mit Blick auf den Obduktionssaal des benachbarten Krankenhauses

Gustave Flaubert wurde vor 200 Jahren, am 12. Dezember 1821, in Rouen geboren. Allenthalben wird der Autor der „Madame Bovary“ derzeit aus diesem Grund gewürdigt. Einigen seiner Spuren sind wir in der Normandie nachgegangen. Nicht vergessen wollen wir, dass er sich immer wieder einmal in Paris aufgehalten hat – in der Rue Dauphin, am Boulevard du Temple, im Faubourg Saint-Honoré. Doch sein Zentrum blieb der küstennahe Westen. Drei Stationen steuern wir an – zunächst Rouen, dann Trouville und schließlich Croisset.

Das Flaubert-Denkmal, das Léopold Bernstamm 1907 geschaffen hat, steht seit 1965 auf der Place des Carmes in Rouen: Foto: Bücheratlas

Herrgott, wie dieses Rouen wirkt“, schreibt Gustave Flaubert nach einem Besuch seiner Geburtsstadt an den Freund Louis Bouilhet. „Ist das dumpf. Und widerlich! Gestern bei Sonnenuntergang sickerte die Langeweile so subtil und phantastisch aus den Mauern, dass man auf der Stelle ersticken konnte.“

Vielleicht erklären solche Worte, warum in Rouen die Neigung zunächst gering ist, dem Schriftsteller einen Lorbeerkranz zu winden. Jedenfalls wird dort die Erinnerung an Jeanne d‘Arc und an den Dramatiker Pierre Corneille lange Zeit stärker gepflegt als die an Gustave Flaubert. Zu Lebzeiten des Autors, so lesen wir es in einer Jubiläumsbroschüre zum 200. Geburtstag, ist sein Vater Achilles-Cléophas Flaubert als renommierter Chefchirurg des städtischen Krankenhauses Hôtel-Dieu weitaus populärer.

Immerhin führt dann 1907 eine Pariser Initiative zur Errichtung eines Denkmals für den Dichter. Die Bronzestatue des Bildhauers Léopold Bernstamm fällt der deutschen Besatzung im Jahre 1941 zum Opfer. Glücklicherweise war die Gussform erhalten geblieben, so dass seit 1965 eine Kopie der Statue auf der Place des Carmes steht. Der Kopf des für seine Zeit recht groß gewachsenen Autors ist leicht gen Himmel gereckt. Etwas abgehoben wirkt der Herr. Jedenfalls sind seine Gedanken nicht auf das Alltägliche gerichtet, so scheint es, sondern eher auf eine im Kopf zirkulierende Textstelle. Mittlerweile hat Rouen auch eine Seinebrücke und ein neues Stadtviertel nach dem großen Sohn benannt.

Gustave wird in der Rue de Lecat geboren. Das Haus der Familie Flaubert, etwas abseits des Stadtzentrums gelegen, beherbergt heute das „Musée Flaubert et d’histoire de la médecine“. Es besticht vor allem als authentischer Ort und nicht so sehr als bedeutende Sammlung zu Leben und Werk.

Blickt man vom Fenster des Wohnhauses auf den Innenhof des ehemaligen Krankenhauses, das heute die Präfektur der Region Normandie und des Departments Seine-Maritime beherbergt, wähnt man sich gleich in die Situation des jungen Flaubert versetzt. Viel zitiert ist seine Beschreibung des Lebens in Todesnähe: „Der Obduktionssaal des Hôtel-Dieu lag zu unserem Garten hin. Wie oft sind meine Schwester und ich am Spalier hochgeklettert und haben, zwischen den Weinreben hängend, neugierig die aufgebahrten Leichen betrachtet! Die Sonne beschien sie; die gleichen Fliegen, die uns und die Blumen umkreisten, ließen sich dort nieder, kamen zurück und summten um uns herum. Ich sehe noch meinen Vater, wie er beim Sezieren den Kopf hebt und uns befiehlt wegzugehen.“ In einem Brief aus dem Jahre 1857 spekuliert er, dass dieses Aufwachsen „inmitten aller menschlicher Nöte“ dazu beigetragen habe, dass er „die düstere und zugleich zynische Art“ habe.  

Nicht ohne seinen Schnurrbart: Flaubert-Büste im Flaubert-Museum Foto: Bücheratlas

Gustave ist das fünfte von sechs Kindern, die Madame Caroline Flaubert zur Welt bringt – drei sterben früh. Ihre Tochter, die ebenfalls Caroline heißt und von Flaubert „meine liebe Maus“ genannt wird, überlebt die Geburt ihres Kindes nicht. Schon im Alter von 13 Jahren verfasst Gustave die ersten Dramen und Erzählungen. Ein Leben lang wird ihn nichts mehr reizen als das Schreiben. Auf der großen Orientreise (1849-1851), so stellt es der ihn begleitende Maxime du Camp dar, kam ihm Ägypten ewiggleich vor und missfielen ihm die ständigen Ortswechsel.

Welch ein Abenteuer stattdessen das Schreiben! „Ecrire!“ Darauf ließ er sich unablässig ein mit Vogelfeder und schwarzer Tinte.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog findet sich eine Besprechung von Elisabeth Edls Neuübersetzung der „Lehrjahre der Männlichkeit“ genau HIER; außerdem haben wir bereits Michael Winocks starke Flaubert-Biografie HIER gewürdigt. Beide Werke erscheinen im Hanser-Verlag.

Neuerscheinungen

Gustave Flaubert: „Memoiren eines Irren“, dt. von Elisabeth Edl, Hanser, 240 Seiten, 28 Euro. E-Book: 20,99 Euro.

Gustave Flaubert: „Ich schreibe gerade eine kleine Albernheit – Ausgewählte Briefe 1832-1880“, hrsg. und übersetzt von Cornelia Hastings, Dörlemann, 320 Seiten, 27 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

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