Der Roman zum Literaturnobelpreis: „Das verlorene Paradies“ von Abdulrazak Gurnah erzählt von einer Kindheit in Sansibar

Abdulrazak Gurnah sprach in seiner Literaturnobelpreis-Rede, die vor der Verleihung am 10. Dezember gehalten wurde, über seine Anfänge als Autor. Mitte der 1960er Jahre war er vor der Gewalt in Sansibar nach England geflohen. Dort begann er mit dem Schreiben. Auslöser waren die Erinnerungen an die Grausamkeiten der Revolution in seiner Heimat, die Unterdrückung als „Kind des Kolonialismus“, dann aber auch der Rassismus und die Vorurteile in der neuen Heimat. In dieser Situation versuchte er, sich schreibend Klarheit über seine Situation zu verschaffen. Da ging es um Selbstfindung und Selbstbewusstsein statt Erniedrigung und Ausgrenzung. Abdulrazak Gurnahs Rede ist im Netz zu finden. Screenshot: Bücheratlas

Die Überraschung ist der Schwedischen Akademie grandios geglückt. Mit Abdulrazak Gurnah als neuem Literaturnobelpreisträger hatte wohl niemand gerechnet. Nicht einmal der Autor selbst, der zunächst an einen Scherz glaubte, als ihn der Anruf aus Stockholm erreichte. In Deutschland schaute man bei der Bekanntgabe besonders bedröppelt ins Verzeichnis der lieferbaren Bücher, weil darin kein übersetztes Werk des Schriftstellers zu finden war.

Ostafrika um 1900

Das ändert sich jetzt. Rechtzeitig zur Überreichung des Nobelpreises am 10. Dezember erscheint Abdulrazak Gurnahs Roman „Das verlorene Paradies“ aus dem Jahre 1994, der es damals auf die Shortlist zum Booker Preis geschafft hat. Dabei greift der Penguin Verlag auf die Übersetzung zurück, die Inge Leipold (1946-2010) vor 25 Jahren für den Wolfgang Krüger Verlag in Frankfurt am Main erstellt hat. Für die Neuauflage sei der Text gründlich durchgesehen und um ein Glossar erweitert worden, heißt es. Dabei will es Penguin nicht bewenden lassen. Nach und nach sollen weitere Gurnah-Werke dem deutschsprachigen Publikum zugänglich gemacht werden. Bislang hat er zehn Bücher veröffentlicht, zuletzt im vergangenen Jahr „Afterlives“.

Doch erst einmal führt uns Abdulrazak Gurnah, 1948 auf Sansibar geboren und heute im englischen Canterbury zuhause, in das Ostafrika um 1900. In Sansibar – wozu damals auch Gebiete auf dem Festland gehörten – lernen wir den zwölf Jahre alten Yusuf kennen, dem wir dann 300 Seiten lang nicht mehr von der Seite weichen werden. Er steht im Zentrum dieses afrikanischen Bildungsromans, in dem er den Weg aus dem Paradies der Kindheit in die Schreckenskammer der Ausbeutung geht. Allerdings legen sich Unterdrückung und Gewalt nicht wie ein Alp über die Geschichte. Dafür sorgt einerseits der schillernde Verlauf, andererseits die Perspektive des gewitzten Kindes.

Straßenszene auf Sansibar – allerdings nicht um 1900, sondern deutlich später. Foto: Bücheratlas

Yusuf wird wie ein Sklave weggegeben

„Das Jahr, in dem er sein Zuhause verließ, war auch das Jahr, in dem der Holzwurm die Pfosten der hinteren Veranda befiel.“ lesen wir zu Anfang. „Sein Vater schlug wütend gegen die Balken, sooft er daran vorbeiging, und gab dem Getier so zu verstehen, dass er sehr wohl wusste, was für ein Spiel es trieb.“ Doch der Holzwurm ist nicht das Hauptproblem des Vaters. Als der darbende Hotelier eines Tages seine Schulden nicht mehr begleichen kann, schickt er den Sohn mit „Onkel Aziz“ fort. In Wahrheit gibt es da keine verwandtschaftliche Verbindung, sondern nur eine brutale Geschäftsbeziehung: Sobald der Vater seine Schulden beglichen hat, soll der Junge heimkehren dürfen. Bis dahin muss er dem Sayyid, also dem Meister Aziz dienen. In dieser Region Afrikas, die einst ein Hotspot des Sklavenhandels war, verstört eine derartige Praxis offenbar niemanden.

Aziz ist als Kaufmann an der Küste eine große Nummer. Da wird gefeilscht, gehandelt und geschmuggelt. In seinem Wirkungskreis gibt es niemanden, der ihm widerspricht. Und wem er die Hand reicht, schätzt sich glücklich, diese küssen zu dürfen.

„Die Deutschen hatten vor nichts Angst“

Die einzigen, die Aziz in die Quere kommen könnten, sind die Deutschen. Seit sie sich in der Kolonie „Deutsch-Ostafrika“ festgesetzt haben, gehen Sorgen und Gerüchte um: „Yusuf hatte gehört, wie die Jungen erzählten, die Deutschen erhängten die Leute, wenn sie nicht hart genug arbeiteten. Wenn sie zu jung waren, um sie zu hängen, schnitt man ihnen die Hoden ab. Die Deutschen hatten vor nichts Angst. Sie machten, was sie wollten, und niemand konnte sie daran hindern. Einer der Jungen sagte, sein Vater habe gesehen, wie ein Deutscher seine Hand mitten in ein loderndes Feuer gehalten habe, ohne sich zu verbrennen, so als wäre er ein Geist.

Yusuf muss sich als Migrant einfinden in eine ihm fremde Welt an der Küste des heutigen Tansania. Das Gefühl der Verlassenheit wird er allerdings nicht los. Nachts quälen ihn Alpträume. Mit dem Arabischen ist er so wenig vertraut wie mit dem islamischen Glauben. Zunächst betreut er mit Khalil, der ebenfalls als „Pfand“ für ausstehende Schulden verschleppt wurde, einen kleinen Laden, der dem Kaufmann Aziz gehört. Yusuf stellt sich gut an. Er wird geschätzt wegen seiner Schönheit und seiner Intelligenz. Bald darf er Aziz auf einer großen Handelsreise begleiten: Ein neues, gefährliches Kapitel seiner Lehr- und Wanderjahre.

„Wenn es auf Erden eine Hölle gibt, dann ist sie hier“

Nach diesem strapaziösen Abenteuer entdeckt unser jugendlicher Held die Liebe. Und auch die erweist sich als gefährlich. Denn Amina ist die junge Ehefrau von Aziz und kümmert sich um dessen ältere, gelangweilte und kränkelnde Ehefrau Zulekha. Selbstverständlich befindet sich auch Amina nicht freiwillig an diesem Ort. Sie scheint resigniert zu haben: „Ich bin am Leben, wenigstens das.“, sagt sie. „Aber ich bin nur am Leben, weil ich ein leeres Leben führe, weil man mir alles verweigert.“ Sie fasst ihre Eindrücke zusammen: „Wenn es auf Erden eine Hölle gibt, dann ist sie hier.“

Ist das die Perspektive, die Yusuf bleibt? Er ist kein Kind mehr. Er will sich nicht feige seinem Schicksal überlassen. Und er denkt nach. Dann läuft er los.

„Kluft zwischen Kulturen und Kontinenten“

Abdulrazak Gurnah erhält den Nobelpreis „für sein kompromissloses und mitfühlendes Durchdringen der Auswirkungen des Kolonialismus und des Schicksals des Flüchtlings in der Kluft zwischen Kulturen und Kontinenten.“ Einiges vom Wortgewitter der Jury hallt zurück aus diesem Roman von Liebe und Abenteuer, Natur und Zivilisation, Schuld und Unschuld. Darin legt der Autor keinen Wert auf formale Extravaganzen. Vielmehr setzt er bei seiner linearen Erzählung, die keine Brüche oder Abschweifungen kennt, ganz auf die Farbigkeit und Intensität der Ereignisse. Für die berühmt-berüchtigte „atmosphärische Dichte“ ist allemal gesorgt.

Damit weckt „Das verlorene Paradies“ den Appetit auf die weiteren Werke, die da noch ins Deutsche übersetzt werden sollen. Ein schöner Anfang ist gemacht.

Martin Oehlen

Eine Lesung mit Abdulrazak Gurnah findet am 16. März auf der lit.Cologne in Köln statt (Balloni-Hallen, 18 Uhr).

Abdulrazak Gurnah: „Das verlorene Paradies“, dt. von Inge Leipold, Penguin, 336 Seiten, 25 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

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